zur Navigation springen

Landeszeitung

10. Dezember 2016 | 06:05 Uhr

Nach Öffnung der Oströhre : Neues Chaos am Rendsburger Kanaltunnel: Höhenkontrolle außer Kontrolle

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Anlage führt zu Sperrungen in Serie. Ist sie falsch platziert? Sicher sind wieder Staus und Frust bei den Autofahrern.

Die von Pleiten, Pech und Pannen begleitete Sanierung des Rendsburger Kanaltunnels wird für Autofahrer immer mehr zum Ärgernis – und sorgt inzwischen auch bundesweit für Schlagzeilen. Jetzt führt die neue Höhenkontrolle zu chaotischen Szenen. Das automatische Messsystem soll verhindern, dass zu große Fahrzeuge in den Tunnel fahren und dort Schäden verursachen. Seit Inbetriebnahme der sanierten Oströhre vor einer Woche registrierte die Polizei mehr als 40 Sperrungen – so viele ungeplante Störungen des Verkehrsflusses wie sonst in einem Jahr.

Die Sanierung des Rendsburger Kanaltunnels hatte sich über Jahre hingezogen und war für Anwohner, Pendler und die Wirtschaft ein großes Ärgernis. Lange blieb die Oströhre geschlossen. Auch als sie von außen fertig aussah und keine Bauarbeiter zu sehen waren, war sie für den Verkehr geschlossen. Im Juli 2016 fuhren ein Auto- und ein Motorradfahrer trotz Sperrung durch die Röhre und filmten sich dabei. Am 1. Oktober wurde die Röhre freigegeben.

Leidtragende sind Tausende Berufspendler und Unternehmen im mittleren Schleswig-Holstein. Für sie steht nur die Rader Hochbrücke als landgebundene Ausweichstrecke zur Verfügung.

Der Kanaltunnel wird seit 2011 erneuert und hätte Ende 2013 fertig sein sollen. Doch ein Ende ist nicht absehbar. Derzeit ruht die Baustelle. Die für das Projekt zuständige Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung verhandelt mit den Baufirmen über einen Zeitplan für die Sanierung der westlichen Röhre. Schon jetzt wurden die geplanten Baukosten von 25 Millionen Euro um mehr als das Doppelte überschritten. RTL widmet sich dieser Steigerung demnächst in der Satiresendung „Mario Barth deckt auf“, um auf drastische Steuerverschwendung aufmerksam zu machen.

Der Unternehmensverband Nord beziffert den wirtschaftlichen Schaden durch das Tunnel-Fiasko mit rund 50.000 Euro pro Tag. Grund für die jüngsten Sperrungen waren Lkw, die das gesetzliche Höchstmaß von vier Metern überschritten. Die meisten durften die Fahrt nach einer Überprüfung fortsetzen. Zu Staus kam es dennoch, da nur eine Spur je Fahrtrichtung zur Verfügung steht.

Die Lichtschranken der Höhenkontrolle wurden gestern leicht nach oben verändert. Ob dadurch alles besser wird, ist fraglich. Zumal die Höhenkontrolle möglicherweise falsch platziert wurde. Vor dem Elbtunnel können ertappte Höhensünder die Autobahn  7 in Fahrtrichtung verlassen. In Rendsburg gibt es diese Chance nicht. Löst die Kontrolle aus, steht ein betroffener 18-Meter-Sattelschlepper auf der Bundesstraße  77 in der Sackgasse. Er müsste vor dem Tunnel wenden.

Kommentar: Wirtschafts-Krimi

Wie eine Behörde am, im  und vor dem Rendsburger Kanaltunnel scheitert - von Jürgen Muhl

Es ist eine schier endlose Geschichte. Eine traurige und doch interessante Geschichte, die sich mit amüsanten Episoden und offenbar auch düsteren Machenschaften ein Jahrzehnt über Wasser hält und besten Stoff für einen Wirtschaftskrimi liefert. Im Mittelpunkt steht der Rendsburger Kanaltunnel.

Die Sanierung sollte Ende 2013 abgeschlossen sein. Jetzt heißt es frühestens 2018. Wohl eher 2019. Rund 25 Millionen Euro waren veranschlagt, es werden aber über 65 Millionen Euro. Wenn die dann reichen. Der bekannte Komiker Mario Barth bereitet eine TV-Sendung vor, sie beschäftigt sich mit „Deutschlands größtem Baudesaster.“ Ein Desaster sind die Vorgänge am, im und rund um diesen Tunnel in der Tat. „Mach’ mal Pause! – Kanaltunnel Rendsburg“, heißt es auf einem T-Shirt. Ein Verkaufsschlager.

Dass nach der vorübergehenden Freigabe der Oströhre die Höhenkontrollen verrückt spielen und die betroffenen Lkw die Bundesstraße vor der Tunneleinfahrt nicht mehr verlassen können, weil die Kontrollgeräte hinter der letzten Abfahrt installiert worden sind, ist der jüngste Akt eines teilweise illustren Schauspiels.

Auftraggeber ist der Bund. Berlin zahlt die vielen Millionen, also auch den Aufschlag, die 40 Millionen Euro mehr als ursprünglich vorgesehen waren. Im Verkehrsministerium gibt man sich verschlossen. Von Auseinandersetzungen mit der zuständigen Behörde, dem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt, ist nichts bekannt. Ministerium und Behörde sagen auch nichts zur Ursache der Schlamperei. Sie nehmen das Desaster –  so hat es den Anschein –  einfach so hin.

Dem Vernehmen nach hat die Behörde bei der Auftragserteilung an ein Firmenkonsortium, von dem in all den Jahren nur sehr selten Arbeitskräfte zu sehen waren, Fehler gemacht. Sie habe sich über den Tisch ziehen lassen, wird kolportiert. Dafür spricht vieles. Eben die Behäbigkeit der ausführenden Unternehmen, die ständig mit Forderungen nachlegen und dabei von der Behörde nicht aufgehalten werden. Offenkundig ist, dass der Auftraggeber schlechte Karten hat. Bekannt ist auch, dass diejenigen Behördenvertreter, die den Auftrag unterschrieben haben, nicht mehr zuständig sind. Aber das ist es dann auch schon. Ein dunkles Kanal-Kapitel.

zur Startseite

von
erstellt am 07.Okt.2016 | 19:11 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen