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Landeszeitung

10. Dezember 2016 | 04:17 Uhr

Neue Familie für jungen Afghanen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ali Ahmadi aus Afghanistan ist endlich angekommen: Bei Maren und Arne Schmidt aus Owschlag fühlt er sich zum ersten Mal sicher und geborgen

Kartenspielen am Nachmittag gehört für Familie Schmidt aus Owschlag zum Wochenende dazu. Bei Tee und selbstgebackenem Kuchen wird „Uno“ gespielt. Inzwischen sind es nicht nur Tochter Rike (14) und Sohn Noah (19), die mit ihren Eltern Maren und Arne Schmidt die Freude am Spiel teilen. Der 18-jährige Ali Ahmadi sitzt ebenfalls am Tisch. Seit einem halben Jahr lebt der geflohene Afghane bei der vierköpfigen Familie. Hier hat er nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch liebende Eltern sowie Bruder und Schwester gefunden.

Im Dezember vergangenen Jahres hatten sich die Schmidts beim Jugendamt des Kreises gemeldet. Sie wollten einen minderjährigen Flüchtling bei sich zu Hause aufnehmen. Bei seiner Arbeit im Terminal der „Stenaline“ in Kiel war Arne Schmidt täglich mit der Situation der Transitflüchtlinge konfrontiert. „Das hat mich sehr bewegt. Ich wollte nicht nur zusehen, sondern selber etwas tun.“

Um als Gastfamilie geeignet zu gelten, mussten die Schmidts zunächst einige bürokratische Hürden auf sich nehmen: Ärztliche Untersuchung, zahlreiche Dokumente und einen Besuch durch einen Mitarbeiter des Jugendamtes waren nötig. „Danach dachten wir: Jetzt geht es endlich los“, erinnert sich der 51-Jährige. Doch es dauerte. „Wir haben oft nachgefragt und waren schon etwas frustriert“, ergänzt seine Frau. Trotzdem nahmen die Beiden an den regelmäßigen Treffen des Jugendamtes für Familien mit Flüchtlingskindern teil und tauschten sich dort auch mit anderen Pflegeeltern aus. Nur sie selbst hatten noch kein Kind bei sich aufgenommen.

Eine Bekannte vermittelte schließlich den Kontakt zu Ali Ahmadi, der sich seit seiner Ankunft in Deutschland nichts sehnlicher wünschte, als eine eigene Familie zu haben. Das erste Treffen von Ali und seiner neuen Familie ließ nicht lange auf sich warten, obwohl die Schmidts eigentlich keine Jugendlichen, sondern ein Kind bei sich aufnehmen wollten. Doch den damals noch 17-jährigen Ali hatten sie sofort ins Herz geschlossen. „Es passte einfach von Anfang an“ – erinnert sich Arne Schmidt.

Seine Wohngruppe verließ der Flüchtling im Juni und zog ins Haus der Familie Schmidt in Owschlag ein. Für Ali ist es das erste Mal, dass er Sicherheit und Geborgenheit in einer Familie erfährt. Seine Eltern wurden durch die Hände der Taliban getötet, als er erst fünf Jahre alt war. Sie gehörten dem Stamm der Hazara an – eine ethnologische Minderheit Afghanistans, die von den Taliban verfolgt wird. Ali überlebte die Angriffe auf sein Dorf, weil ihn seine Nachbarn versteckt hielten. Sie nahmen ihn bei sich auf, behandelten ihn aber nie wie ihre eigenen Kinder. „Sie haben mich mit in den Iran genommen. Ich hatte die Hoffnung, mit der Familie ein neues Leben beginnen zu können. Doch das war nicht so“, erzählt er. Zur Schule zu gehen, war nur den leiblichen Kindern erlaubt. Ali dagegen musste schon im Alter von elf Jahren Geld verdienen und in einer Taschenfabrik arbeiten.

Er verließ die Nachbarsfamilie, schlug sich alleine durchs Leben, arbeitete und schlief in den iranischen Kleider- und Bettenfabriken. „Ich hatte Angst, auf die Straße zu gehen. Die iranischen Polizisten schlagen Afghanen oftmals, wenn sie einen treffen. Sie werden erpresst oder entführt. Sie verschleppen sie, bringen sie dorthin, wo sie sehr hart für sie schuften müssen. Dafür gibt es kein Geld, sondern nur das Leben.“

Nach zweieinhalb Jahren harter Arbeit in den Fabriken entschloss er sich, den Iran zu verlassen und nach Europa zu fliehen. „Ich wollte mich nicht mehr so alleine fühlen. Ich bin geflohen, um mir ein neues Leben aufzubauen und eine Familie zu finden. Jetzt bin ich sehr glücklich hier.“

Ali besucht das Berufsbildungszentrum Rendsburg-Eckernförde, zusätzlich belegt er Abendkurse an der Volkshochschule, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Sein Traum ist es, einmal Arzt zu werden, erzählt er. In den Ferien hat er schon Praktika in verschiedenen Praxen absolviert, im nächsten Jahr möchte er dann eine Ausbildung als Krankenpfleger oder Zahnarzthelfer beginnen. Seine neuen Eltern unterstützen ihn bei diesem Vorhaben.



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erstellt am 18.Nov.2016 | 17:29 Uhr

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