zur Navigation springen

Landeszeitung

03. Dezember 2016 | 20:49 Uhr

Warder : Musik auf Spielplatz für echte Jungs

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Steinpark Warder erneut Austragungsort des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Faszinierendes Ambiente im Kieswerk.

Treffender als beim Weg vom Parkplatz zur Konzertscheune lässt sich der Zusammenhang zwischen Ort und Musik kaum erleben: Überall Hinweise auf das Programm. Jeder Geschäftsbereich des Sponsors Peter Glindemann in Warder steht für einen Teil im Programm der Gruppe „Uwaga!“ („Achtung“, polnisch). „Kieswerke“ als Synonym für die Ausgrabungen musikalischer Schätze, aus denen sich die Gruppe bedient, „Erdbau“ für das Können, etwas Neues damit zu machen; „Baustoffrecycling“ für den Aufwand, die besten musikalischen Bruchstücke zu verwenden und zeitgemäß neu zu präsentieren, „Deponie“ dafür, dass sich Ohrwürmer erneut in den Köpfen des Publikums festsetzen, „Containerdienst“ als Zusammenfassung für die Begeisterung eines kurzweiligen und intelligent erlebten Abends, „Transport“ für das, was man unweigerlich und gerne nach diesem Uwaga!-Konzert mit der Begeisterung macht: Sie enthusiastisch und mit Empfehlung für das nächste Konzert der Vier mitzuteilen und zu dessen Besuch zu animieren.

Die Verzauberung begann schon lange vor dem ersten Ton: Wie ein riesiger Spielplatz für echte Jungs, mit Riesen-Bagger, Schaufelladern und Muldenkippern wirkte die, in der Nacht kunstvoll rot, grün und blau angestrahlte Kulisse des Kieswerks auf den Besucher. Ebenso der Gang über einen mystisch beleuchteten Weg durch einen kleinen Zauberwald zum gepflegten Festival-Bereich auf dem Gelände des Gutes Seehof der Familie Glindemann.

Der Steinpark Warder war zum zweiten Mal Spielstätte des Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF). „Einmalige Konzerterlebnisse für Künstler und Publikum“ versprach die Festivalleitung für dieses Jahr. Dabei wird es hoffentlich nicht bleiben. Uwaga! bedeutet: Frische Musik aus gebrauchten Teilen. Kunstvoll kombiniert, mindestens ebenso kunstvoll gespielt und moderiert. Der Auftritt rankte sich um die Geschichte des seit 2007 bestehenden Quartetts. Gewürzt wurde er mit vielen Bezügen zum Leben der Vier: Das sind Christoph König (Violine, Viola), der sein Instrument nicht nur streiche(l)n kann, sondern es – wie Maurice Maurer (Violine) gelegentlich auch, zupfte, sanft rhythmisch darauf klatschte und klopfte; Matthias Hacker (Kontrabass), ein begnadeter Arrangeur mit jazzigem Rhythmus im Blut und schließlich der Tastenmann Miroslav Nisic, Über-Virtuose am Akkordeon und ebenso hochmusikalisches Schnellspiel-Talent. Man musste schon genau hinsehen, um zu erfassen, dass sehr viel mehr Töne in kurzer Zeit aus seinem Instrumenten herausflossen, als man zu hören glaubte.

Basis des Programms und reichlich mit Humor gewürzte Ansagen waren ausschließlich recycelte Werke. Notengetreu zitiert, bearbeitet und neu instrumentiert: „Schöne Stellen“ sind Ausgangspunkt für intelligent und kunstvoll-virtuos komponierte „Uwaga!“-Werke. Für Kenner Anlass zum Rätseln (Woher stammt die Melodie, wie heißt das Werk, wer hat es komponiert?). Für Neulinge war es ein erfrischendes Eintauchen in Schätze klassischer Musik. Gleich zu Anfang wurde an die fantastische e-Moll Sonate für Violine und Klavier von Wolfgang Amadeus Mozart erinnert. Im Original viel länger und spezieller, wäre sie niemals geeignet für diesen Aufführungsort. Hier passte die Kurzfassung bestens. Ebenso die Uwaga!-Fassung von Werken Johann Sebastian Bachs, Edward Elgars (Pomp and circumstances, bekannt aus den „Proms“-Konzerten in London) und vieles mehr. Dabei auch eine geniale Übertragung des Violinkonzerts vom finnischen Komponisten Jean Sibelius; auch eine Reminiszenz an die Gattin des Konzertsponsors. Hier hatten sich intelligente Erzmusikanten gefunden, die ihren Spaß an und mit der Musik unmittelbar ins Publikum transportierten.

Die Begeisterung Maurice Maurers für osteuropäische Gipsy-Musik (Schnuckenack Reinhardt ließ grüßen) und vom originalen Osteuropäer Miroslav Nisic aus Serbien übertrugen sich unmittelbar. Nisic, hat „mit seinen 24 Jahren schon alle Akkordeon-Preise in seinem Land gesammelt. Hat er uns gesagt!“ (Christoph König mit verschmitztem Lächeln). Klar, dass nicht nur seine Spielfreude Zugaben provozierte: Einen Wahnwitzigen „Sommer“ von Antonio Vivaldi und eine noch wahnwitziger gespielte und mitgefühlte „Alla Turca“ von Wolfgang Amadeus Mozart. So angeregt, war die einzige Möglichkeit zum Abklingen die Lichtinstallationen auf dem Weg zum Auto. Wenn da nicht die plötzlich erschreckend laut fauchenden Flammenwerfer gewesen wären.


Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen