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Landeszeitung

11. Dezember 2016 | 07:20 Uhr

Protest vor Verbandsgebäude : Milchbauern wütend auf eigenen Verband

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Der Vorwurf: Interessenvertreter helfen nur der Industrie. Die Forderung: Produktion soll gesenkt werden.

Landwirte aus ganz Schleswig-Holstein sind gestern zu einer Demonstration vor der Zentrale des Bauernverbands in Rendsburg zusammen gekommen. Mehrere hundert Milchbauern, die zum Teil mit einer aus rund 40 Fahrzeugen bestehenden Treckerkolonne angereist waren, richteten den Protest gegen ihren eigenen Verband. Sie werfen ihm vor, vor der Milchindustrie einzuknicken, während viele von ihnen um ihre Existenz und ihre Höfe bangen. Die Stimmung auf dem Gelände Grüner Kamp war teilweise sehr gereizt.

„Ich habe rasende Wut auf den Bauernverband“, sagte Ursula Trede aus Nienborstel. „Die Situation ist katastrophal, unserem Hof fehlen jeden Monat 10.000 Euro Einnahmen. Wie soll ich meinem Sohn da noch raten, den Betrieb zu übernehmen?“ Wenn der Bauernverband nicht dafür sorge, dass die Milchmenge gedrosselt und die Preise steigen würden, müssten zahlreiche Betriebe untergehen. Für ihren Familienbetrieb haben sich die Tredes eine Frist bis Weihnachten gegeben, dann wollen sie entscheiden, ob sie aufgeben oder weitermachen. Dem Bauernverband werfen die Demonstranten vor, auf Seiten der Milchindustrie und nicht auf der der Bauern zu stehen. Der Verband sei ihrer Meinung nach der Ansicht, dass die Regulierung der Milchproduktion dem freien Spiel des Marktes überlassen werden solle. „Was ist das für ein Verband, der eine Mengenregulierung über Insolvenzverfahren macht?“, fragte Milchviehwirt Nico Hellerich aus Wewelsfleth wütend. Die Forderung der Landwirte an ihreInteressenvertretung: Während der Milchpreis-Krise muss die Liefermenge für Milch europaweit kurzfristig um mindestens fünf Prozent gesenkt werden.

Werner Schwarz, Landesvorsitzender des Bauernverbands, wies die Kritik im Gespräch mit unserer Zeitung zurück. „Ich verstehe nicht, weshalb wir hier zum Prügelknaben werden sollen“, sagte er. „Es geht um Abnahmemengen und Preise zwischen Milchbauern und Meiereien, da haben wir gar keinen Einfluss drauf.“ Wohl aber die Bauern, die eine Satzungsänderung bei den Genossenschaftsmeiereien durchsetzten könnten. Doch dafür müssten sie an einem Strang ziehen. Eine Meinung, der auch selbstkritische Bauern zustimmten. „Bei den Molkereien sind wir teilweise selbst schuld“, sagte ein Demonstrant, „ da haben wir nicht genug Druck ausgeübt.“ Einige Bauern hätten wenig Solidarität gezeigt und lieber auf den Niedergang der Konkurrenz gesetzt.

Mit versteinerter Miene nahm der Präsident des Bauernverbands zur Kenntnis, wie Bauern einen schwarzen Grabstein für die aufgebenden Milcherzeuger vor der Zentrale aufstellten. „Wann wacht Ihr endlich auf und seht das Euer Weg nicht der Richtige ist“ steht darauf geschrieben. Als Motivationsstein bezeichneten sie den schwarzen Granit sarkastisch.

Schwarz und sein Stellvertreter Peter Lüschow stellten sich schließlich unter persönlichen Anfeindungen und Schmähungen ihren Kritikern. „Ich kann beim besten Willen nicht dafür garantieren, dass jeder, der Bauer bleiben will, auch Bauer bleiben kann“, sprach Schwarz Klartext. Peter Lüschow wehrte sich gegen den Vorwurf, der Bauernverband würde seinen Einfluss auf die Politik nicht geltend machen und wäre dadurch für das Problem sinkender Milchpreise mitverantwortlich. „Die Rechnung, wenn der deutsche Bauernverband etwas will, dann reagiert erst Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt, dann Angela Merkel und anschließend Europa, stimmt nicht. So funktioniert das einfach nicht“, sagte er. Zudem habe sich die Mehrheit der Bauern bislang gegen eine Mengenregulierung der Milch ausgesprochen.

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