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Landeszeitung

04. Dezember 2016 | 21:30 Uhr

Hornissen : Massaker am eigenen Nachwuchs

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Ein Hornissen-Volk tötet seine Larven an einem Nest in Bokel. Wespen-Experten sind ratlos. Sie können sich das Phänomen nicht erklären.

Bilder wie aus einem Horrorfilm an einem Hornissennest in einem Bokeler Schuppen: Hunderte der Tiere hatten es dieser Tage auf ihren Nachwuchs abgesehen. Mit ihren todbringenden Stacheln stachen sie zehn bis 20 Mal in ihre eigenen Larven, bis die sich nicht mehr bewegten. Die Hornissen flogen selbst die bereits am Boden liegenden Larven noch einmal gezielt an und malträtierten sie. Bis zu zwei Minuten dauerten diese Angriffe. Mit ihrem fast einen halben Zentimeter langen Stachel hatten die Hornissen es auf den „Rückenkanal“ abgesehen, den durch die Larvenhaut durchscheinenden Darmtrakt. Experten sind überrascht, denn ein Phänomen wie dieses ist bei Hornissen bisher noch nicht beobachtet worden.

Die Szenerie war erschreckend. Mehr als 50 Larven wurden nahezu im Zehn-Minuten-Takt von den Arbeiterinnen „entsorgt“. Der Boden unter dem Nest glich einem Schlachtfeld. „So ein Verhalten ist ungewöhnlich und bisher auch noch nicht dokumentiert worden, bei Hornissen aber wiederum auch durchaus denkbar“, sagte Christian Kutscher vom Deutschen Entomologischen Institut Müncheberg (Institut für Insektenkunde) auf Nachfrage der Landeszeitung. Kutscher selbst beobachtet seit mehr als zehn Jahren das Verhalten der größten Wespenart. Ihm zufolge töten Hornissen bei absoluter Nahrungsknappheit die Larven innerhalb des Nestes, um den Arbeiterinnen, Jungköniginnen und Drohnen dann als Nahrung zu dienen. Aber das geschehe eben innerhalb des Nestes – und nicht außerhalb, wie jetzt in Bokel.

Ungewöhnlich sei auch der Zeitpunkt des „Massakers am eigenen Nachwuchs“. „Mit den sinkenden Temperaturen in Spätherbst beginnen die Hornissen – wie auch andere Wespenarten – ihre eigenen Larven zu aus ihrem Nest zu werfen, da sie diese nicht mehr ernähren können“, bestätigt Rolf Witt vom Vademecum-Verlag. Witt ist Autor verschiedener Publikationen über Wespen. Zudem hat er unter anderem Vorträge und Seminare beim Naturschutzbund Deutschland und beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland gegeben. Doch ist dieser Zeitpunkt aufgrund der fast sommerlichen Temperaturen noch lange nicht erreicht. „Denkbar wäre zwar, dass die Larven aufgrund von Krankheit oder Seuche herausgeworfen wurden – jedoch ist die Anzahl der herausgeworfenen Larven auch dafür ungewöhnlich hoch“, gibt Witt zu. So brutal die zu Art der Wespen gehörenden Hornissen auch untereinander sein können, sind sie dem Menschen gegenüber eigentlich friedliche Zeitgenossen – wenn sie nicht bedrängt werden. Im Gegenteil, wer ein Hornissennest in der unmittelbaren Nachbarschaft hat, braucht sich über Mücken, Fliegen oder normale Wespen keine Gedanken mehr machen, denn die gehören zum Speiseplan der größten Wespenart. So verfüttert ein großes Hornissenvolk täglich bis zu ein Pfund Insekten an die Larven.

Aber Achtung: Hornissen stehen unter Naturschutz – ihre Nester dürfen nicht zerstört werden. Lediglich wenn eine Gefahr für Allergiker oder Kinder besteht, ist es Spezialisten mit einer Sondergenehmigung der Naturschutzbehörde erlaubt, ein Hornissennest umzusiedeln. Ansonsten braucht man nur zu Warten: Spätestens im Winter ist das Nest leer und kann entfernt werden.


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