zur Navigation springen

Landeszeitung

11. Dezember 2016 | 15:00 Uhr

Langwedel in Rendsburg-Eckernförde : Leben im Zirkuswagen: „Man lernt, sich zu reduzieren“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Heiko Mielke und Eva Glimsche leben auf kleinstem Raum - mit vielen Entbehrungen. Wohl fühlen sie sich trotzdem.

Langwedel | Für die einen ist es gerade mal die Größe des Gästezimmers, für die anderen gleich der ganze Wohnbereich. Auf insgesamt 20 Quadratmetern wohnen Heiko Mielke und seine Frau Eva Glimsche – in einem alten Zirkuswagen. „Ich lebe schon seit über 20 Jahren nicht mehr in einer richtigen Wohnung“, erklärt Heiko Mielke, der mit „Clowns ohne Grenzen“ weltweit unterwegs ist, um Menschen in Krisengebieten ein Lächeln zu schenken. Bevor es ihn nach Langwedel zog, wohnte der 56-Jährige an der Mühle in Bokel. Ebenfalls in einem Zirkuswagen. Als er auf der Suche nach einem neuen Zuhause war, liebäugelte er zunächst mit dem Kauf eines Grundstückes am Borgdorfer See, „doch auf der Rückfahrt bin ich hier vorbei gefahren“, erklärt Mielke, „und irgendwie hängengeblieben.“

Tägliches Ritual: Heiko Mielke und Eva Glimsche spielen leidenschaftlich gern Schach.
Tägliches Ritual: Heiko Mielke und Eva Glimsche spielen leidenschaftlich gern Schach. Foto: Borrmann
 

Aus der Nähe von Berlin kaufte er den Zirkuswagen, und seit Oktober 2009 ist der idyllische gelegene Ort auf dem Campingplatz am Brahmsee (Kreis Rendsburg-Eckernförde) das Zuhause des Künstlers. Nur ein Monat später zog auch seine damalige Freundin und heutige Ehefrau Eva Glimsche mit ein. „Wir sind hier im Büro, Wohnzimmer und Küche zugleich“, erläutert das Paar mit Blick auf das Innere des Wagens. Im hinteren Bereich steht ein Computer, daneben sind Couch, zwei Stühle, ein Tisch und im vorderen Bereich Herd, Küchenschränke und Kühlschrank. Das Schlafzimmer ist abgetrennt vom restlichen Wohnbereich. Fehlen tut es den beiden an nichts: „Wir haben hier alles, was wir brauchen.“

Das einzige, was Mielkes Frau besonders an kühlen Tagen vermisst, ist ein richtiges Badezimmer. „Zugegeben, so ein Bad mit Wohlfühltemperatur, das nicht ein paar Meter entfernt ist, wäre manchmal schon ganz schön“, gesteht Eva Glimsche, „aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, woanders zu wohnen als Heiko.“ Und für den ist der Umzug in eine Wohnung oder Haus unvorstellbar. „Ich fühle mich rundum wohl“, so der Künstler.

Aus dem Weg gehen kann sich das Paar auf den 8 mal 2,5 Metern nicht. „Wir sind aber beide beruflich viel unterwegs, da genießen wir die Zeit, die wir zu zweit hier sind“, erklärt Mielke, für den es im September mit „Clowns ohne Grenzen“ nach Russland geht. Zu ihrem täglichen Ritual gehört das Schach spielen.

Farbenfroh: Im Garten des Campingplatzes blüht es derzeit bunt.
Farbenfroh: Im Garten des Campingplatzes blüht es derzeit bunt. Foto: Borrmann
 

In dem Zirkuswagen aus dem Jahr 1962 gibt es Strom, der Briefkasten ist direkt vor der Tür, geheizt wird mit einem Holzofen, und sogar ein DSL-Anschluss ist gelegt. Auch fließend Wasser steht zur Verfügung. Nur in den Wintermonaten wird der Warmwasseranschluss abgestellt. Dann wird das Wasser warmgekocht. „Je nachdem, wer gerade Wasser braucht, holt auch Neues“, erklärt Mielke den Alltag im Wohnwagen. Abgewaschen wird an den Sanitäranlagen 150 Meter weiter. Das dreckige Geschirr wird dabei in eine Schubkarre bugsiert, das sei rückenfreundlicher. Um Wäsche zu waschen stehen eine Waschmaschine als auch ein Trockner auf dem Campingplatz zur Verfügung.

Umständlich sei der Alltag keinesfalls – „durch das Leben hier ist man viel mehr an der frischen Luft“, freut sich das Paar, das das rund 200 Quadratmeter Grundstück in Langwedel bewohnt. Dort genießen sie den Blick in die unbewohnte Natur, im Garten steht nicht nur das Brennholz für den Ofen, auch ein liebevoll gestaltetes, buntes Blumenbeet sowie frische Kräuter und eine gemütliche Sitzecke, die auch genügend Platz für Besuch bietet.

Die einzigen mit Erstwohnsitz auf dem Campingplatz sind Mielke und Glimsche nicht mehr. „Unsere direkten Nachbarn wohnen hier ebenfalls fest“, erklärt Mielke. Oft werde das Paar nach Ratschlägen und Tipps für das Wohnen auf dem Campingplatz gefragt. „Man muss sich auf jeden Fall reduzieren“, weiß Mielke zu berichten, „das lernt man hier als erstes.“ Das Reduzieren gehöre zum Leben auf dem Campingplatz eben dazu. „Man lernt auch, sparsamer in Bezug auf den Wasserverbrauch umzugehen“, erläutert Mielke.

Trotz des geringen Platzes sortiert das Paar mindestens einmal jährlich aus. „Man muss sich wundern, wie viel sich trotzdem hier ansammeln kann“, berichtet Eva Glimsche, die ihren Mann bei einem Zirkusworkshop kennen und lieben gelernt hat. „Ebenfalls empfehlen kann ich unsere Solarpaneele auf dem Dach“, so Mielke weiter, „sobald die Sonne scheint, pustet die Anlage frische, warme Luft mit 30 Prozent Luftfeuchtigkeit in den Zirkuswagen – auch im Winter. Das ist besonders praktisch, wenn wir mal längere Zeit nicht hier sind.“

In Nortorf verfügt das Ehepaar dennoch über zusätzlichen Stauraum. Dort wurden entsprechende Räumlichkeiten angemietet. „Vor allem unsere Zirkussachen sind dort untergebracht“, erklärt Heiko Mielke, aber auch ein paar Möbel und weitere Habseligkeiten seiner Frau sind noch dort. Diese werden gerade nach und nach aufgegeben. „Als ich zu Heiko gezogen bin, konnte ich mir zunächst nicht vorstellen, beispielsweise ohne meine Bücherregale zu leben“, gesteht Eva Glimsche, „aber man merkt dann doch ziemlich schnell, dass es geht.“ Der Vorteil: „Man lebt nur noch mit Lieblingssachen“, verrät sie schmunzelnd.

zur Startseite

von
erstellt am 14.Aug.2016 | 13:02 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen