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Landeszeitung

04. Dezember 2016 | 09:15 Uhr

Mit dem Bauern durchs Jahr: November : „Landwirtschaft ist Leidenschaft“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Wie viel Arbeit steckt in einem Liter Milch? Wie sieht der Arbeitsalltag auf einem Milchviehbetrieb aus? LZ-Redakteurin Katrin Schaupp wollte es wissen und packte ein paar Stunden auf dem Hof der Familie Butenschön an.

Henrik Butenschön mag Kühe, weil sie ausgeglichen und gutmütig sind. Ich mag Kühe, weil sie so schöne Augen haben. Während der Landwirt allerdings jeden Tag mit den Tieren zu tun hat, sehe ich Kühe meist nur bei einem Spaziergang auf der Weide. Deshalb habe ich keinen Blick für die 13 schönen Augenpaare, als ich mit Hendrik Butenschön, Sohn Tjark und dem Auszubildenden Siem-Ole Block auf einer Wiese stehe, um die Kühe nach und nach auf einen Viehwagen zu treiben. Ich helfe beim „Almabtrieb, nur ohne Alm“, wie es Bäuerin Katja Butenschön genannt hat – und habe ganz schön Respekt vor den misstrauischen Tieren. Die trächtigen Kühe kommen in den Stall – bis zum nächsten Frühjahr. „Das Gras enthält jetzt nicht mehr genug Nährstoffe“, erklärt Butenschön und verliert ansonsten nicht viele Worte.

Dann soll ich einen der Trecker zurück zum Hof fahren. Henrik Butenschön lässt keinen Zweifel daran, dass er mir das zutraut. Tjark, mit dem ich vorher schon eine Runde auf der Weide drehen durfte, assistiert mir und beweist Fahrlehrer-Qualitäten. Der 16-Jährige hat ein Faible für Trecker, und ich kann das nachvollziehen: So ein Traktor fährt sich gemütlich, der Sitz federt auf und ab, und von hier oben sieht man viel.

Doch der Trecker ist nicht das einzige Gefährt, das ich an diesem Tag lenke. Kaum zurück auf dem Hof, schwingt sich Butenschön auf einen Radlader, zeigt mir kurz ein paar Knöpfe und Hebel und nimmt mich auf dem Trittbrett stehend mit zum Strohlager. Mit der Silagezange greift er einen großen Ballen, wendet den Radlader, springt aus der Führerkabine und zeigt mir, wohin ich das Fahrzeug – optimalerweise mit dem Stroh – bringen soll. Langsam zuckele ich in Richtung des Stalls, in dem die getrockneten Halme als Einstreu dienen.

Unter den Anweisungen des Bauern schaffe ich es, den Strohballen fallen zu lassen und mit der Zange grob im Stall zu verteilen. Anschließend freue ich mich, als der Familienvater mir ein Arbeitsgerät in die Hand drückt, mit dem ich früher gerechnet hatte – eine Forke.


Technik im Einsatz: Das schont den Rücken


Damit verteilen wir das Stroh gleichmäßiger. Lange halten wir uns damit nicht auf. Henrik Butenschön erledigt so viele Arbeiten wie möglich mit technischen Hilfsmitteln. „Wir haben nur eine Wirbelsäule, und auf die sollten wir aufpassen“, ist seine Devise. So wundert es mich nicht, dass das Futter für die 730 Tiere mit einem kleinen Hoflader verteilt wird. Das ist nicht nur für den Rücken schonender, sondern geht auch schneller. Zeit ist kostbar – auch auf einem Bauernhof. Bei Butenschöns beginnt der Tag morgens um fünf Uhr mit dem Melken. Das Milchauto kommt alle zwei Tage um sieben Uhr. Bis dahin haben sich im Schnitt 9500 Liter Milch angesammelt. Wenig ist das nicht. Aber viel bekommen Butenschöns trotzdem nicht dafür. Im August lag der Kilopreis für Milch in Schleswig-Holstein bei knapp über 23 Cent. Für viele kleinere Milchviehbetriebe hat das zum Überleben nicht gereicht – sie mussten seit dem Wegfall der Milchquote Ende März 2015 aufgeben. Bei Butenschöns sieht es nicht danach aus. Ganz im Gegenteil: Sohn Tjark will den Hof übernehmen.


Ohne Milchquote: Viel Arbeit, wenig Geld


Ein Bauernhof ist meist ein großes Familienunternehmen. Bei den Butenschöns auf jeden Fall. Das Mittagessen, das um 11.30 Uhr auf dem Tisch steht, kocht in der Regel Henrik Butenschöns Mutter – und zwar für die gesamte, meist zehnköpfige Mannschaft. Dazu gehören neben der vierköpfigen Familie des Hofleiters noch zwei Auszubildende sowie ein Vollzeit- und ein Teilzeit-Angestellter. Gegen 12 Uhr ist die Mahlzeit verspeist und alle hauen sich aufs Ohr. „Für die Köchin ist das etwas frustrierend“, weiß Katja Butenschön. Die Bankkauffrau hilft ihrem Mann vor allem mit der Buchhaltung. „Ich mache sozusagen den ‚Innendienst‘ und bin Springer für alles, wenn mal Not am Mann ist“, so die 42-Jährige. Sie weiß: Die Büroarbeit mag ihr Mann am wenigsten, die mit Tieren am liebsten. „Melken, das mache ich zu gern“, bestätigt Butenschön. „Das ist eine angenehme Arbeit, man sieht dabei die Tiere und kann sich miteinander unterhalten.“


Ein 24-Stunden-Job, der nicht planbar ist


Dem Melken geht die Liegeboxenpflege voraus, wie ich erfahre. Auch hier darf ich mit anpacken. Zweimal am Tag säubern Butenschön und seine Mitarbeiter die Abteile vom Kuhmist und treiben die Tiere währenddessen in Richtung Melkstand. Abgesehen vom Geruch, den man laut Azubi Siem-Ole irgendwann gar nicht mehr wahrnimmt, fällt mir auf, wie schwer Kuhdung sein kann. Mit Schaufeln hieven wir die Fladen auf die Laufflächen, von wo der Mist mit einem Hoflader in die Spalten abtransportiert wird. Täglich im Wechsel werden die Boxen danach entweder gekalkt, um die Liegeflächen zu desinfizieren, oder neu eingestreut. Während Bauer Butenschön und ich gemeinsam noch den Kalk verteilen, hat Azubi Lennart Nielsen bereits mit dem Melken begonnen. Und auch ihn darf ich unterstützen – zusammen mit Butenschöns Tochter Lina.

Bevor die Melkmaschine zum Einsatz kommt, gilt es, jede einzelne Zitze anzumelken und das Euter kurz zu massieren. Das wird von Hand gemacht, bei jeder einzelnen Kuh. Und anschließend muss es schnell gehen: Lennart erklärt mir, dass optimalerweise nur eine Minute vergeht, bis die Melkmaschine die Kuh von ihrem kostbaren Gut befreit. „Das hat mit dem Milcheinschuss zu tun“, so der 20-Jährige. Während er routiniert und schnell zu Werke geht, habe ich Angst, den Kühen weh zu tun. Weil es aber zu keinen Unmutsbekundungen aus der Rinderriege kommt, packe ich nach meinen Möglichkeiten fleißig mit an, nachdem sich die Kühe Bauch an Bauch im Melkstand aufgereiht haben. Abgeschlossen ist der Vorgang immer erst, nachdem die Zitzen in eine Jod-Lösung getaucht wurden. „Die Zitzen sind nach dem Melken wie offene Tore, durch die auch Keime und Erreger in das Euter eindringen können. Außerdem sind sie durch den Unterdruck der Melkmaschine ja auch strapaziert. Da hilft das Jod“, erklärt Butenschön.

Erst gegen 18 Uhr ist Feierabend – da sind alle Mitarbeiter bereits seit 13 Stunden auf den Beinen. Während andere geregelte Urlaubszeiten und Wochenenden haben, lebt Henrik Butenschön an seinem Arbeitsplatz. Was ich erfahren habe ist sein ganz normaler Alltag – tagein, tagaus, und das sieben Tage die Woche. Trotzdem können sich Katja und Henrik Butenschön kein anderes Leben vorstellen – und ihre Begeisterung haben sie an die Kinder Tjark und Lina weitervererbt. „Landwirtschaft ist Leidenschaft“, sagt die Bäuerin. „Es ist ein 24-Stunden-Job, der nicht planbar ist. Wenn man nicht den Drang dazu hat, ist der Beruf eine große Belastung. Aber hat man sie, so ist er wunderschön.“ Ich verstehe, was sie meint. Trotz der Sorgen der Milchbauern merkt man, mit wie viel Herzblut alle dabei sind. Sie verlieren nicht immer große Worte, aber manchmal reicht ja auch schon ein Blick in die Gesichter. Und die auf dem Hof Butenschön sehen alle glücklich aus.

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erstellt am 19.Nov.2016 | 00:00 Uhr

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