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Landeszeitung

24. Juli 2016 | 20:28 Uhr

Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal : Kiel, Nantes und Bizerta: Unvergessene Schwebefähren in aller Welt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Städte in aller Welt trauern noch immer um ihr verlorenes Wahrzeichen. Die meisten Konstruktionen wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Rendsburg |  Seit dem Unfall der Schwebefähre setzen sich zahlreiche Bürger für den Erhalt des Bauwerks ein. Und das nicht nur, weil die Fähre ein wichtiges Transportmittel ist, sondern auch ein bedeutsames Wahrzeichen der Stadt mit Seltenheitswert. Weltweit gab es nach Angaben des Arbeitskreises deutscher Schwebefähren einmal 18 Konstruktionen, heute sind davon nur noch acht übrig. Neben dem Exemplar am Nord-Ostsee-Kanal existieren derzeit drei Schwebefähren in Großbritannien, eine in Frankreich, im argentinischen Buenos Aires, im Landkreis Cuxhaven sowie die älteste Schwebefähre (1893) in der Nähe von Bilbao, Spanien.

Doch was ist mit den übrigen zehn passiert? Wurden auch sie bei einem Unfall beschädigt? Die Landeszeitung hat nachgeforscht und die Geschichten der ehemaligen Schwebefähren zusammengetragen.

Ganz in der Nähe von Rendsburg hat es bis zum Jahr 1923 eine weitere Schwebefähre gegeben – in der Landeshauptstadt Kiel. Mit der Flottenpolitik von Wilhelm II. wurde das Werftgelände am Ostufer erweitert. Es reichte nach Angaben des Kieler Stadtarchivs vom Stadtteil Gaarden bis zur Schwentinemündung. Eine 118 Meter lange und 56 Meter hohe Schwebefähre überquerte ab 1909/1910 die Einfahrt zum Ausrüstungsbassin und galt damals als ein beliebtes Wahrzeichen der Landeshauptstadt. Entworfen wurde das Kieler Modell vom Marinehafendirektor Georg Ludwig Franziskus, nach dem auch die Franziusallee im Stadtteil Ellerbek benannt wurde.

Beim Abbau der Schwebefähre soll es zu einem schweren Unfall gekommen sein: Als das Verbindungskabel der beiden riesigen Pfeiler durchtrennt wurde, stürzte einer der Kolosse zusammen. Verletzt wurde dabei aber niemand, berichtete die Preetzer Zeitung am 8. Februar 1923.

In Frankreich gab es in der Vergangenheit die meisten Schwebefähren. Kein Wunder, denn der französische Ingenieur Ferdinand Arnodin gilt als Erfinder der Konstruktion. Insgesamt vier Exemplare lassen sich in den Geschichtsbüchern finden: in Marseille, Nantes, Rouen sowie in Brest. Alle wurden in der Vergangenheit zerstört oder abgerissen. Die Franzosen trauern ihren Schwebefähren auch heute noch hinterher. Das wird sofort deutlich, wenn man sich auf den Internetseiten der Städte über die einstigen Bauwerke informiert. „Was der Eiffelturm für Paris ist, ist für uns die Schwebefähre“, heißt es dort.


Fischrestaurant auf der Brücke

Über das Exemplar von Marseille gibt es sogar ein ganzes Buch mit dem Titel „Erinnerungen an die Schwebefähre von Marseille 1905  -  1945“. Auf 86 Seiten wird schnell klar: Die Franzosen haben ihre Schwebefähre geliebt. 19 Monate dauerte der Bau, um den „Quai du Port“ (Hafenkai) mit der anderen Uferseite, dem „Quai de Rive Neuve“, zu verbinden. Für die Fahrt 50 Meter über das Meer brauchte man eineinhalb Minuten. Auf der Brücke, an der die Fähre befestigt war, gab es sogar ein Fischrestaurant, das für seine erstklassige Bouillabaisse bekannt war. In den 30er-Jahren stellte die Stadt den Fährbetrieb ein, weil sie sich den teuren Unterhalt nicht mehr leisten konnte. Komplett zerstört wurde das Bauwerk dann im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht. Sie wollte so die Hafenzufahrt blockieren.

Trotz zahlreicher Proteste wurde der Betrieb der Schwebefähre von Nantes im Januar 1955 eingestellt und das Transportmittel verschrottet. Auch für die Bürger dieser französischen Großstadt hat sie noch immer einen großen symbolischen Wert. Das zeigt unter anderem Regisseur Jacques Demy, als er in dem Film „Ein Zimmer in der Stadt“ aus dem Jahr 1982 die Schwebefähre im Vorspann zeigt. Auf diese Einstellung soll er besonders stolz gewesen sein. Und die Redaktion eines französischen Magazins widmet der Fähre im Jahr 2003 eine große Geschichte unter dem Titel: „Heute wäre die Schwebefähre hundert Jahre alt geworden“.

Afrikas einzige Schwebefähre existierte nur elf Jahre lang. In Bizerta, einer Hafenstadt im Norden Tunesiens, wurde sie im Jahr 1898 erbaut. Doch die Franzosen demontierten das Transportmittel, um es dann im Hafen von Brest in der Bretagne wiederaufzubauen. Da die Hafenstadt im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielte, wurde sie fast vollständig durch Bombenangriffe zerstört – und mit ihr auch die Schwebefähre. Heute überqueren die Autos das Wasser mit Hilfe einer Betonbrücke.


Einstürzende Pfeiler treffen Flüchtlingsboot

Die Brücke in Rouen, die über die Seine führte, haben die französischen Soldaten selbst zerstört. So wollten sie den Vormarsch der Deutschen verlangsamen. Angeblich geschah die Aktion im großen Durcheinander, der Schiffsbetrieb lief weiter, und die einstürzenden Brückenträger fielen auf einen Schlepper, auf dem sich zahlreiche Flüchtlinge befanden. Das Boot war sofort gesunken. Die Schwebefähre in Runcorn war die erste Konstruktion, die in Großbritannien gebaut wurde und gilt weltweit als die Größte ihrer Art. Bis Anfang der 60er-Jahre brachte sie die Engländer über den Fluss Mersey. Die dazugehörige Eisenbahnhochbrücke hatte im Gegensatz zum Rendsburger Exemplar auch einen Fußgängerweg. Die Schwebefähre wurde später wegen technischer Mängel durch eine Bogenbrücke ersetzt, welche heute unter dem Namen „Silver Jubilee Bridge“ bekannt ist.

Hamburg hat den Bau einer Schwebefähre nur knapp verpasst: Der Entwurf für eine Konstruktion über der Elbe lag vor, doch der Senat entschied sich gegen das Projekt. Einem Bericht des Magazins „Der Spiegel“ zufolge haben die Verantwortlichen die Technik kurz vor der Jahrhundertwende als zu unausgereift angesehen.

Die Bewohner des 2000-Seelen-Ortes Osten im Kreis Cuxhaven können dagegen froh sein, dass der Volkssturmführer Schütt ein Schwebefähren-Liebhaber war und den Befehl Adolf Hitlers nicht ausführte. Dieser hatte angeordnet, dass alle Anlagen zerstört werden müssen, „die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann“– heißt es im sogenannten „Nero-Befehl“. Als Schütt mit drei Panzerfäusten bei der Fähre ankam, soll er mit Absicht daneben geschossen haben, um das Wahrzeichen nicht zu zerstören, schreibt Jochen Bölsche, Sprecher des Arbeitskreises deutsche Schwebefähren. Schütt wurde später von der Militärpolizei für drei Jahre ins „Umerziehungslager“ gesteckt.

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erstellt am 30.Jan.2016 | 19:36 Uhr

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