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Landeszeitung

05. Dezember 2016 | 01:35 Uhr

Einer der letzten seiner Art : Kanalfischer Brauers spricht über seine Heimat – den NOK

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Seit 162 Jahren lebt Familie Brauer aus Rade bei Rendsburg vom Fischfang. Das Besondere: Sie fischen im Nord-Ostsee-Kanal und ihr Restaurant „Aalkate“ wird gerne besucht. Jetzt plant Hans Brauer seinen Ruhestand.

Hans Brauer ist kein Mann vieler Worte. „Kanalfischerei Brauer – seit 1854“ prangt schlicht in großen Lettern auf dem Schild, das an dem rotgestrichenen Schuppen hängt, der direkt am Nord-Ostsee-Kanal steht. 162 Jahre – eine lange Tradition. Die Fischerei wurde stets vom Vater auf den Sohn vererbt. Ob er jemals daran gedacht hat, einen anderen Beruf zu ergreifen? Brauer zögert keinen Moment mit der Antwort. „Das war von vornherein klar, dass ich Fischer werde.“ 62 ist er jetzt und plant, im kommenden Jahr in den Ruhestand zu gehen. Wer sein Nachfolger wird, kann er aber noch nicht sagen.

In blauer Latzhose und blau-weiß-gestreiftem Fischerhemd sitzt Hans Brauer im Restaurant „Aalkate“ unter einem ausgestopften Kormoran. Ein Fischer, wie man ihn sich vorstellt und ein Schleswig-Holsteiner wie aus der Flens-Werbung: Sympathisch, aber zurückhaltend. Wortkarg, wenn's ums Persönliche geht, auskunftsfreudig, wenn's um Fische geht. Doch auch Heimat und Historie sind seine Themen.

Den Ruhestand schon im Blick: Brauer in seinem Restaurant „Aalkate“.
Seit 162 Jahren leben die Brauers aus Rade bei Rendsburg vom Fischfang. Das Besondere: Sie fischen im Nord-Ostsee-Kanal. Foto: Sopha
 

Er holt einen Packen alter Fotos hervor. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Haus und Hof um 1900. Bereits die erste Kanalverbreiterung schlug hier Wunden. Bei der zweiten Verbreiterung Ende der 1960er Jahre musste vieles abgerissen werden. „Das fanden wir gar nicht so witzig“, erinnert er sich. Wenn er heute aus der „Aalkate“ kommt, betritt Brauer nach einem Meter bereits Gelände der Kanalverwaltung. Nach zwanzig Metern beginnt dann der Kanal, den es noch nicht gab, als Brauer-Urahn Hans als Lehrer nach Rade bei Rendsburg kam. „Im Sommer, wenn die Kinder in der Landwirtschaft halfen, durfte er das Schulland beackern“, erzählt der amtierende Fischer. In diesem Fall war es dem Schulmeister auch erlaubt, im Schirnauer See und in der Obereider zu fischen, um das schmale Gehalt aufzubessern. Das war um 1804.

Die Geschichte der Brauers

Hans Brauer Nummer zwei war Fischer und Dienstknecht, der folgende Hans-Friedrich nebenbei noch Ziegler. „Rade kommt von Roden“, erzählt Brauer. Es hätte an dem Ort zahlreiche Ziegelbrennereien gegeben, die das Baumaterial für die Rendsburger Festung lieferten. Dafür seien sämtliche Bäume der Region gerodet worden. Zu jener Zeit – um 1854 – entstand das Familienunternehmen. Mit Hans Brauer Nummer drei, geboren 1881, zog dann der erste hauptberufliche Fischer Aale, Heringe und Zander an Land. Allerdings musste auch er sich mit neuen Fanggründen arrangieren: 1895 wurde der Nord-Ostseekanal eingeweiht, der Schirnauer See und Obereider quasi schluckte. Hans-Friedrich Brauer, Vater des jetzigen Fischers, betrieb nebenbei noch Landwirtschaft. Mit der zweiten Kanalverbreiterung war auch das Geschichte.

Brauer schweigt ein Weilchen. Ein Containerschiff gleitet auf dem Kanal vorbei. Vom Restaurant aus hat man die Wasserstraße gut im Blick. Diese Lage ist ein Alleinstellungsmerkmal, die Brauer und seine Familie zu schätzen wissen. Seit Mitte der 80er Jahre gibt es die „Aalkate“, die von Ehefrau Gerda geführt wird. „Damals wurde es mit der Fischerei schlechter“, sagt Brauer. Und: „Da ging es los mit den Kormoranen.“ Wie so viele Fischer ist er auf die Vögel nicht gut zu sprechen. „Die sind darauf spezialisiert, Aale zu fressen“, erklärt er und kommt nun so richtig in Fahrt. Denn die Aale müssen mindestens zehn bis elf Jahre alt werden – erst dann wandern sie wieder zurück in die Sargassosee, um zu laichen. Vertilgen die Kormorane die jüngeren Tiere, bedeutet dies: kein Nachwuchs. „Im vergangenen Jahr wurden eine Millionen Aale im Kanal ausgesetzt“, berichtet der Kanalfischer, denn sie hätten schon auf der Roten Liste gestanden.

„Das war von vornherein klar, dass ich Fischer werde.“ Hans Brauer bei der Arbeit in seiner Fischzucht-Anlage.
„Das war von vornherein klar, dass ich Fischer werde.“ Hans Brauer bei der Arbeit in seiner Fischzucht-Anlage. Foto: Henrik Matzen
 

In der der „Aalkate“ arbeiten Familienmitglieder, fünf Festangestellte und viele Aushilfen. Rustikal ist die Einrichtung, ein paar Fischernetze und maritimes Dekor sorgen für ansprechende Stimmung. Viel frischer als hier kann man Fisch kaum essen, stammt er doch überwiegend aus dem Kanal. 400 Hektar groß ist die Fläche, die Brauer bewirtschaftet – verteilt über 16 Kanalkilometer von Schacht-Audorf im Westen bis Königsförde im Osten. Wie oft er rausfährt zum Fischen? Brauer zuckt mit den Schultern, lächelt verhalten: „Viel zu wenig“. Schon als Kind hätte es ihn nicht in die Schule gezogen, sondern zum Bootshafen, erzählt er. Und am Nachmittag hätte er am liebsten Heringe gefischt. Die ziehen in jedem Frühjahr von Mitte März bis Mitte April zum Laichen in den Kanal.

90 Fischarten gibt es im Kanal

Der Reiz der Fischerei sei, „dass man nie weiß, was man im Netz haben wird“. Denn über 90 verschiedene Fischarten schwimmen in der Wasserstraße: Barsch, Zander, Plötze sind darunter. Der Grund ist das Brackwasser – eine Mischung aus Süß- und Salzwasser, erläutert der Fachmann. „Auch ein paar Exoten wie Lachse und Lachsforellen gibt es.“ Die landen allerdings nicht auf den Tellern der Gäste. Das sind die Tiere aus der Aqua-Kultur. Die ist neben dem Restaurant und einigen Ferienwohnungen ein weiteres Standbein der Familie. In einer Art schwimmendem Käfig werden die aus Nordamerika stammenden Tiere gezüchtet. „Nach dem Hähnchen sind sie das am schnellsten wachsende Tier“. Brauer ist zwar wortkarg, aber geschäftstüchtig.

Eines muss er noch richtigstellen: „Ich bin nicht der letzte Kanalfischer“. Anton Kardel in Holtenau kann sich auch so nennen. Allerdings – wenn dieser aufhöre, dürfe er keinen Nachfolger benennen. In Rade sieht das anders aus. Nur: Hans Brauer hat keinen männlichen Nachwuchs. Allerdings hat der Mann der erstgeborenen Tochter Inga den Namen der Familie angenommen, die Linie besteht also weiter.

Und wie wird die Zukunft aussehen? „Das kriegen wir schon“, antwortet Brauer norddeutsch-knapp. Und auf die Frage, was er denn machen werde, wenn er im Ruhestand ist, macht Bauer ebenfalls nicht viele Worte: „Dasselbe, was ich jetzt tue“.

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erstellt am 31.Okt.2016 | 17:57 Uhr

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