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Landeszeitung

11. Dezember 2016 | 15:01 Uhr

KRIMIAUTOR AUS RENDSBURG : „Ich lote die Untiefen der Seele aus“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Thomas Nommensen stammt aus Rendsburg, lebt mit seiner Frau in Panketal bei Berlin und hat soeben seinen zweiten Krimi vorgelegt. Sabine Sopha sprach mit ihm über die alte Heimat, das Bücherschreiben und sein neues Werk „Wintertod“.

Auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert Thomas Nommensen zurzeit seinen zweiten Krimi: „Wintertod“. Manchmal besucht er auch Rendsburg, denn hier hat er Verwandte und Bekannte: Nommensen wurde 1964 in der Kanalstadt geboren, lebte zeitweise in Büdelsdorf und besuchte das Kronwerk-Gymnasium.

Herr Nommensen, Ihr zweiter Kriminalroman spielt in der Region Brandenburg-Berlin, dort, wo Sie jetzt leben. Warum haben Sie Arne Larsen – den Kriminalhauptkommissar aus „Ein dunkler Sommer“ – von Kiel nach Berlin versetzt?
Arne Larsen hat in seinem ersten Fall einige einschneidende Erlebnisse zu verdauen (privater und beruflicher Natur), die den Entschluss, seine Versetzung zu beantragen, forciert haben. Gleichzeitig hat es ihn auch gereizt, neue Erfahrungen zu sammeln und der „kleinstädtischen“ Enge seines bisherigen Einsatzortes zu entfliehen. Zudem bekommen Krimis, die in Küstenregionen spielen, schnell den Stempel Ostsee- beziehungsweise Nordseekrimi aufgedrückt, und die Leser erwarten dann einen Krimi mit besonders viel Lokalkolorit und ein wenig Urlaubsfeeling. Meine Krimis zeigen dagegen auch die dunkle Seite einer Region, sind sehr atmosphärisch und loten die Untiefen der menschlichen Seele aus. Gerade mit dem neuen Roman „Wintertod“ wird das deutlich. Es geht um Opfer, aus denen selbst wieder Täter werden. Die Spuren führen in die Vergangenheit, bis in das politische Herz der DDR, der Waldsiedlung bei Wandlitz.

Sie stammen aus Rendsburg, genauer aus Büdelsdorf, aber auf Ihrer Homepage ist nur die Rede von Schleswig-Holstein. Warum verraten Sie Ihre genauen Herkunftsort nicht?
Oh, das hat mich tatsächlich noch niemand gefragt(lacht). Es gibt einen ganz profanen Grund. Die erste Vita schrieb ich für eine Kurzgeschichtensammlung und musste mich mit drei Zeilen begnügen. Rendsburg war dem Verlag nicht bekannt genug, die Kombination mit dem Bundesland zu lang. So gab ich nur Schleswig-Holstein an und auch wenn die Vita immer stetig gewachsen ist, wurde diese erste Zeile beibehalten. Ich sollte das mal ändern, denn natürlich schlägt mein Herz immer noch für meine alte Heimat.

Wann waren Sie das letzte Mal in der Region Rendsburg?
Dieses Jahr im Juli, bei der Taufe meines kleinen Neffen, die an der Eider bei Borgstedt stattfand.

„Ein dunkler Sommer“ ist in der Region Kiel angesiedelt, aber Nordermühlen ist fiktiv. Waren Sie für die Recherche im Norden?
Nordermühlen ist stark von Rendsburg inspiriert, weist aber auch viele Unterschiede auf. Diese literarische Freiheit wollte ich mir bewahren und das geht am besten mit einem fiktiven Ort. So konnte ich die Atmosphäre der Region einfangen, ohne dass jedes Haus und jede Straßenkreuzung exakt stimmen müssen. Da ich die Gegend gut kenne, war keine spezielle Recherche nötig. In „Wintertod“ dagegen gibt es sehr viele reale Schauplätze, wie einen verwilderten Friedhof in Pankow, die Waldsiedlung bei Wandlitz und eine ehemalige Stasiklink. Neben Infos aus dem Internet habe ich auch mit Zeitzeugen gesprochen, Karten und Fotos studiert und alles selbst mehrfach in Augenschein genommen – so sind einige Wochen Recherche zusammen gekommen.

Was verbindet Sie noch mit Rendsburg beziehungsweise Büdelsdorf?
Sehr viel. Der größte Teil meiner Familie lebt dort, ich verfolge die Entwicklung der Stadt – auch in entsprechenden Gruppen auf Facebook. Und wann immer es geht, verbringe ich freie Tage mit meiner Frau dort.

Sie waren in dem selbstverwalteten Jugendzentrum, der T-Stube, aktiv. Die existiert immer noch. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Damals hieß sie noch ganz konventionell „Teestube“ und es wurde tatsächlich nur Tee ausgeschenkt. Zusammen mit den Besuchern haben wir zum Beispiel ein riesiges Floß auf der Eider gebaut und ein paar Jahre lang, die legendären Woodstöckchen-Festivals auf dem Gelände, wo jetzt der Wohnmobilstellplatz ist, veranstaltet. Eine wilde, aber auch sehr schöne Zeit.


Auf Ihrer Homepage geben Sie an, dass Sie als Musiker, Toningenieur, Dozent und Software-Entwickler gearbeitet haben. Welche Bedeutung hat Musik für Sie?
Ich spiele seit frühester Jugend Schlagzeug, war auch in zahlreichen Bands in Rendsburg und Kiel aktiv. Ich konnte mich schon immer für viele Stilrichtungen begeistern, mochte Darkwave ebenso wie Jazz. Beim Schreiben selbst höre ich nur selten Musik, aber ich benutze sie gerne, um mich vorher in eine bestimmte Atmosphäre zu bringen.

Ihre Frau Jutta Maria Herrmann schreibt ebenfalls Kriminalromane. Ihre Erstlinge sind beide im Jahr 2014 erschienen. Haben Sie zeitgleich mit dem Schreiben begonnen?
Meine allerersten Schreibversuche unternahm ich schon mit 14. Damals habe ich kleine Geschichten und Gedichte mit der Schreibmaschine meiner Grußmutter getippt, bei der etliche Buchstaben nicht mehr funktionierten. Ein Gedicht gewann sogar im schleswig-holsteinischen Landeswettbewerb „Lyrik zwischen 12 und 20“ und wurde im Stadttheater vorgetragen. Was war ich damals stolz. Dann habe ich sehr lange mit dem aktiven Schreiben pausiert. Erst als ich meine spätere Frau kennenlernte – sie arbeitete gerade an ihrem ersten Roman – beschloss ich, es mal mit Kurzkrimis zu probieren. Jutta hat mich zunächst ausgelacht – diese Seite von mir kannte sie nämlich noch nicht. Natürlich hat das meinen Ehrgeiz angefeuert. Und siehe da: Mein erster Kurzkrimi wurde 2009 gleich veröffentlicht, der zweite sogar mit dem renommierten Agatha-Christie-Preis ausgezeichnet. Logisch, dass ich dabei blieb und meinen ersten Roman plante.

„Das Buch kommt ohne Grausamkeiten aus, ist aber düster und stimmungsgeladen und spannend bis zur letzten Seite“ urteilte eine Leserin. Was inspiriert Sie zum beziehungsweise beim Schreiben? Und warum Krimis?
Ich mag es, die Untiefe der menschlichen Seele auszuloten, auf dem schmalen Grat zwischen Gut und Böse, zwischen Opfer sein und Täter werden, zu balancieren. Dafür ist der Krimi eben ideal. Auch Sozial- und Gesellschaftskritik lässt sich in einer spannenden Handlung leichter zum Leser transportieren. Außerdem liebe ich selbst Krimis und Thriller. Das ging als Kind mit Kalle Blomquist los und reicht heute bis zu Friedrich Ani, Zoran Drvenkar oder Jan Costin Wagner. Ich brauche glücklicherweise relativ wenig Inspiration zum Schreiben. In der Regel reicht es, die letzten Zeilen des vorherigen Abschnitts noch einmal zu lesen und ich kann weiter schreiben. Manchmal kommt die Inspiration aber auch in unpassenden Momenten, beim Autofahren oder Einkaufen – dann suche ich mir eine ruhige Ecke und spreche die Ideen und Texte auf mein Smartphone.

Gibt es reale Vorbilder für Ihren Kommissar oder für die von Ihnen beschriebenen Fälle?
Eine Zeitlang waren Kommissare in der Literatur grundsätzlich alt, alkoholkrank und depressiv. Larsen habe ich bewusst anders angelegt: noch relativ jung, sensibel und eigenwillig. Jemand, der ein großes Herz hat, aber manchmal auch stur seinem Bauchgefühl nachgeht. Schon eher ein nordischer Typ. Ein Vorbild gab es aber nicht. Mit Mayla Aslan ist ihm jetzt in Berlin eine Kollegin zur Seite gestellt, die aus der dritten Generation türkischer Gastarbeiter stammt. Sie glaubt, sich das Beste aus beiden Kulturen nehmen zu können, ist tatsächlich aber immer noch ein wenig in der Kluft zwischen Tradition und eigner, moderner Lebensweise gefangen. Dieses Gespann kommt sich in „Wintertod“ zunächst oft in die Quere, berappelt sich aber zunehmend. Mayla umgibt zudem ein Geheimnis, das erst im Folgeband ganz gelüftet wird.

Können Sie vom Schreiben leben?
Die allerwenigsten deutschen Autoren können heute alleine vom Verkauf der Bücher leben, das muss man leider genreübergreifend konstatieren. Auch ich habe, obwohl ich das Schreiben professionell betreibe, noch einen sogenannten „Brotjob“ als Web-Entwickler.

Ich nehme an, Ihr dritter Krimi ist schon in Arbeit? Wird Arne Larsen wieder in Berlin ermitteln?
Ja, Arne Larsen wird erneut mit seiner türkischstämmigen Kollegin Mayla Aslan Ermittlungen in Berlin aufnehmen. Dieser Fall hat allerdings seine Wurzeln in Schleswig-Holstein und so kann Larsen seine alte Heimat für die Ermittlungen aufsuchen. Auch sein etwas spröder Ex-Kollege Kuhlmann, den vielen Leser liebgewonnen hatten, wird im nächsten Roman noch mal einen Auftritt haben.

In „Wintertod“ führen Spuren in die Vergangenheit, zur Waldsiedlung der DDR in der Nähe von Wandlitz. Hat Arne Larsens zweiter Fall auch eine politische Komponente?
Nein, nicht direkt. Die Waldsiedlung hat mich vor allem wegen der dort herrschenden speziellen Lebensbedingungen und ihrer historischen Bedeutung gereizt. Zu DDR-Zeiten wohnten hier ja die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros des ZK der SED mit ihren Familien, abgeschirmt in einem sogenannten „inneren Ring“. Der weniger gesicherte äußere Ring war dagegen den Bediensteten vorbehalten. Es gab einen Kindergarten, eine Schwimmhalle, ein Klubhaus – fast eine kleine Stadt, doch die Menschen darin begegneten sich mit großem Misstrauen. Ein normales Miteinander existierte nicht. Ich habe mich gefragt, was wohl aus den Kindern wurde, die hier ohne vernünftige Sozialisierung aufwuchsen. Was, wenn eines von ihnen psychische Defizite entwickelte? Brachte man es dann fort oder versteckte man es vor der Öffentlichkeit? So entstand die Grundidee für das Haus Nr. 24 in meinem Roman.

> „Wintertod“: Eine Frau wird halb verscharrt auf einem Friedhof gefunden, eine Lehrerin macht sich Sorgen um ein Mädchen. Die Spuren führen zusammen. Mit verschiedenen Handlungssträngen entwickelt Thomas Nommensen Hochspannung. 432 Seiten, 9, 99 Euro, erschienen 21. 9. 2016 bei Rowohlt > „Ein dunkler Sommer“: Ein Mädchen wird entführt und stirbt einen qualvollen Tod. Jens Brückner wird verurteilt, weil sein Alibi geplatzt ist. Aber ist er wirklich der Täter oder auch ein unschuldiges Opfer? 416 Seiten, 9,99 Euro, 2. Juni 2014, Rowohlt Verlag

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erstellt am 21.Okt.2016 | 12:13 Uhr

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