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Landeszeitung

06. Dezember 2016 | 22:57 Uhr

Bobsport : „Fühle mich nicht wieder wie vorher“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Bob-Anschieber Joshua Bluhm aus Nortorf erzählt vom Kampf mit den Folgen eines Unfalls und vom emotionalen Gewinn des Bayerischen Sportpreises. Der 21-Jährige hat ein bewegendes Comeback hinter sich.

In dem bekanntesten deutschen Wörterbuch, dem Duden, findet sich für das Wort „Comeback“ folgende Bedeutung: „Neubeginn einer Karriere durch erfolgreiches Wiederauftreten nach längerer Pause“. Diese Definition trifft auf die vergangenen Monate von Bob-Anschieber Joshua Bluhm sehr gut zu. Der in Kiel geborene und in Nortorf aufgewachsene 21-Jährige kämpfte sich nach einem schweren Motorradunfall und mehreren Monaten Pause zurück. Nach nur knapp einem Jahr als Bobfahrer war Bluhm 2014 als Senkrechtstarter und einer von 152 deutschen Wintersportlern bei den Olympischen Spielen in Sotchi im Viererbob an den Start gegangen (7. Platz). Nach seiner ersten Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft 2015 kam es im Juni vergangenen Jahres zu dem schrecklichen Unfall. Doch bereits im Februar diesen Jahres holte er im Zweierbob als Anschieber von Pilot Johannes Lochner wieder WM-Silber. Für das Comeback wurde Bluhm nun mit dem Bayerischen Sportpreis 2016 ausgezeichnet. Er erhielt den „Jetzt-erst-recht-Preis“. Unser Mitarbeiter Simon Kortum unterhielt sich mit dem Modellathleten.

Hallo Herr Bluhm, wie geht es Ihnen? Sie hatten vor etwas mehr als einem Jahr einen schlimmen Unfall. Was genau war passiert?
Inzwischen geht es mir wieder gut. Das Training habe ich in gewohntem Umfang wieder aufgenommen. Eigentlich ist alles wie vorher, nur dass ich manche Dinge vorsichtiger angehe. Bei einer Motorradtour im Juli 2015, die ich mit zwei Kollegen von der Bundespolizei durch das Berchtesgadener Land gemacht habe, kam ich mit meiner Maschine zu Fall. Ich betone, wenn man mich fragt, dass meine beiden Begleiter auch Polizisten sind, um zu unterstreichen, dass wir uns verantwortungsbewusst im Straßenverkehr bewegt haben. Ich bin bergauf durch eine Rechtskurve gefahren, als mein Hinterreifen die Traktion verlor. Samt Maschine rutschte ich auf die Gegenfahrbahn, wo mich ein Auto erfasst und überrollt hat.
Was für Verletzungen hatten Sie erlitten und was ist in den Wochen nach dem Unfall passiert?
Neben einer gebrochenen Nase, einem Schädel-Hirntrauma, zwei gebrochenen Rippen und einer zusammengefallenen Lunge, hatte ich mein Sternoklavikulargelenk (Verbindung zwischen dem Brustbein und dem Schlüsselbein, d. Red.) und ein Schlüsselbein gebrochen. Zu meinem Glück war der Rettungshubschrauber nach kurzer Zeit vor Ort, um mich auf die Intensivstation des Universitätsklinikums Salzburg zu bringen. Die Wochen nach dem Unfall sind für mich in der Erinnerung wie ein einziger Nebel. Ansonsten durfte ich alltägliche Dinge, wie zum Beispiel Zähneputzen und meine Unterschrift mit der linken Hand neu lernen.

Wie sah die Zeit danach in sportlicher Hinsicht aus?
An richtigen Sport war vorerst nicht mehr zu denken. Meine gebrochenen Rippen haben jede Bewegung zur Qual gemacht, auch konnte ich meinen rechten Arm für mehrere Wochen nicht benutzen. Ich habe in Folge des Unfalls 14 Kilogramm abgenommen – Muskelmasse natürlich. Sobald es mir möglich war, habe ich wieder mit leichter körperlicher Betätigung angefangen. Entweder habe ich lange Spaziergänge gemacht oder auf dem Fahrradergometer gesessen. Dabei stand weniger der Gedanke an den Sport im Vordergrund, als dass ich einfach meinem Bewegungsdrang nachgegeben habe.

Wie sehr hat Sie der Unfall zurückgeworfen?
Der Unfall hat mir einen Trainingsrückstand von gut vier Monaten eingebracht. So etwas kann man binnen einer Saison nicht aufarbeiten. Auch fühle ich mich, wo das Ganze nun gut ein Jahr her ist, nicht wieder wie vorher. Alle meine Bewegungen sind bedachter geworden, irgendwie mit angezogener Handbremse.

Im Februar diesen Jahres wurden Sie dann aber schon wieder Vizeweltmeister im Zweierbob. Als Belohnung für das tolle Comeback wurden Sie mit dem Bayrischen Sportpreis ausgezeichnet. Welchen Stellenwert hat diese Auszeichnung für Sie?
Der Bayerische Sportpreis ist für mich als Nicht-Bayer natürlich eine besondere Auszeichnung. Bis man mir von meiner Nominierung erzählt hatte, habe ich absolut nicht damit gerechnet. Ich finde es sehr gut, dass meine Leistung, innerhalb einer Saison von fast Invalidität wieder auf Weltklasseniveau zurückzugelangen und eine Silbermedaille zu gewinnen, mit diesem Preis wertgeschätzt wird. Es hat mich gefreut, dass auch Menschen, die nicht unbedingt in der Materie stecken, jetzt etwas davon mitbekommen haben.

Wie haben Sie den Abend der Preisverleihung erlebt?
Ein ganz besonderer Moment war, dass mein Pilot Johannes Lochner eine Laudatio auf mich gehalten hat. Uns verbindet eine innige Freundschaft, weshalb es mir schwer fiel, bei seiner doch sehr emotionalen Rede trockene Augen zu behalten. Schön war auch, dass meine Familie, die ich sonst selten sehe, die Zeit gefunden hat, mich in München zu dieser Verleihung zu begleiten.

Wie lassen sich die berufliche Ausbildung und die sportliche Karriere miteinander vereinbaren?
Die Bundespolizei hat ein Programm geschaffen, das es Sportlern ermöglicht, den Beruf mit dem Leistungssport optimal zu vereinen. Aktuell durchlaufe ich eine vierjährige Ausbildung zum Polizeivollzugsbeamten. Von Anfang April bis Ende Juli bin ich in meiner Dienstelle in Bad Endorf (rund 50 Kilometer südöstlich von München, d. Red.). Der Unterricht ist so gestaltet, dass ich parallel dazu mein Sommertraining absolvieren kann. Auf die viermonatige Ausbildungsperiode folgen acht Monate, die komplett dem Sport gewidmet sind.

Wie sehen die nächsten sportlichen Ziele aus?
Für die kommende Saison haben Johannes Lochner und ich uns mehrere Podiumsplatzierungen im Weltcup als Ziel gesetzt. Weiterhin erhoffen wir uns natürlich bei der dritten WM in Folge eine Medaille gewinnen zu können.

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