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Landeszeitung

06. Dezember 2016 | 23:02 Uhr

Groß Rheide : Freispruch nach tödlichem Unfall

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Motorradfahrer starb nach Zusammenstoß mit abbiegendem Pkw bei Groß Rheide. Eine Mitschuld war der Autofahrerin nicht nachzuweisen.

Gut ein Jahr nach einem Verkehrsunfall in Groß Rheide, bei dem ein 29-jähriger Motorradfahrer ums Leben gekommen war, musste sich eine beteiligte Autofahrerin wegen fahrlässiger Tötung vor dem Schleswiger Amtsgericht verantworten. Die 54-Jährige wurde freigesprochen. Es sei nicht auszuschließen, so der Richter in seiner Urteilsbegründung, dass die Frau das Motorrad, das sich mit weit überhöhter Geschwindigkeit näherte, gar sich sehen konnte.

Die Frau war am 3. Juli vergangenen Jahres um die Mittagszeit zusammen mit ihrem damals 16 Jahre alten Sohn auf der Landesstraße 39 von Dörpstedt in Richtung Groß Rheide unterwegs, als ihr einfiel, dass sie etwas vergessen hatte. „Deshalb wollte ich wenden“, sagte sie gestern vor Gericht aus. Nach eigenen Angaben stoppte sie und setzte den Blinker, um nach links in einen Feldweg abzubiegen. Sie habe zwar eine Autokolonne gesehen, die ihr entgegenkam, die aber sei weit genug weg gewesen, um gefahrlos abzubiegen. Allerdings hatte die Frau keinen Motorradfahrer gesehen. „Ich war schon fast in den Feldweg eingebogen, als ich einen Schatten sah. Dann gab es einen Knall.“

Das Motorrad schlug mit mindestens 140 Stundenkilometern in die linke Tür ein, wie ein Sachverständiger vortrug. Der Motorradfahrer landete auf der Rückbank des Wagens, er starb noch an der Unfallstelle. Die Autofahrerin und ihr Sohn, der sich nicht aus eigener Kraft aus dem Wagen befreien konnte, wurden in ein Krankenhaus eingeliefert, konnten aber nach wenigen Tagen wieder entlassenwerden, mit einigen Prellungen und Schnittwunden.

Der Sachverständige der Dekra war in seinem schriftlichen Gutachten zunächst davon ausgegangen, dass die Frau den herannahenden Autofahrer hätte sehen müssen. Dieser sei zwar mit einer Geschwindigkeit von 140 bis 158 Kilometer gefahren und habe pro Sekunde 38,8 Meter zurückgelegt, die Sicht sei aber gut gewesen und die Straße über etwa 300 Meter einsehbar. Der Gutachter machte auch deutlich dass es nicht zum Zusammenstoß gekommen wäre, wenn der Motorradfahrer sich an das Tempolimit von 100 km/h gehalten hätte. Der Richter stellte nach der Beweisaufnahme klar, dass der Biker wegen der überhöhten Geschwindigkeit einen Großteil der Schuld an diesem fatalen Unfall trage – und sich sicher auch vor Gericht hätte verantworten müssen, wäre er noch am Leben. Aufgabe des Gerichts war es nun jedoch über eine Mitschuld der Autofahrerin zu befinden – und dabei spielte einen weitere mögliche Variante des Hergangs eine entscheidende Rolle, die der Gutachter mündlich vortrug. Es sei möglich, dass der Biker nach dem Überholen von zwei Pkw erst kurz vor dem Zusammenstoß auf seine Fahrbahn gekommen sei – und zuvor von einem Auto verdeckt war.

Die überholten Autofahrer waren als Zeugen geladen. Sie schilderten eindrucksvoll, dass das Motorrad an ihnen vorbeirast sei. Auf die Fragen des Richters, wie lang die Strecke nach den letzten Überholvorgang bis zum Zusammenstoß war und wie viel Zeit dabei verging, konnten sie nach einem Jahr nicht mehr präzise beantworten. Eine der Zeugen sprach von einem Zeitraum von unter fünf Sekunden. Für die Bewertung der Schuld aber hätte es schon genauer sein müssen – eine unmöglich zu lösende Aufgabe mehr als ein Jahr nach dem Unfall.

Da auch das Gutachten keinen Aufschluss über diese wichtigen Fakten geben konnte, entschied das Gericht auf Freispruch – und entsprach damit den Anträgen von Verteidigung und Staatsanwaltschaft.

„Es ist wie im Fernsehen: Im Zweifel ist für die Angeklagte zu entscheiden“, sagte der Richter. Da keine Fakten dagegen sprächen, sei davon auszugehen, dass der Motorradfahrer mit 158 Stundenkilometern unterwegs und für die Frau nicht wahrnehmbar war. Deshalb könne das Gericht ihr keine Fahrlässigkeit vorwerfen – mit der zwangsläufigen Folge eines Freispruchs.

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erstellt am 09.Aug.2016 | 06:00 Uhr

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