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Ein Jahr nach der Havarie : Fahrgast auf Unglücks-Schwebefähre: „Ich habe gedacht, das war es jetzt“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Jan Heigener erlebte die Kollision mit dem Frachter aus nächster Nähe. Erstmals schildert er seine Erlebnisse.

Rendsburg | Es ist kalt und neblig, als Jan Heigener am Morgen des 8. Januar 2016 mit seinem Rad auf die Schwebefähre rollt. Der junge Polizist ist nach einer Nachtschicht auf dem Heimweg. Mit drei Hosen und einer dicken Jacke schützt er sich vor den Temperaturen um den Gefrierpunkt. Wie so oft hat sich der Osterrönfelder für das Fahrrad entschieden. So schafft er es in zehn Minuten von seiner Dienststelle in Rendsburg bis zur Wohnung auf der anderen Seite des Nord-Ostsee-Kanals. Wenn alles normal läuft. Doch nichts läuft an diesem Freitagmorgen normal.

Heigener trägt einen Fahrradhelm. Der wird ihm wohl das Leben retten. Als der Polizist auf der Schwebefähre zum Stehen kommt, ist er der einzige Passagier. Heigener steht in Fahrtrichtung ganz vorne rechts, das Fahrrad zwischen den Beinen. Was sich danach abspielt, bei Tagesanbruch vor knapp einem Jahr, wird er nie vergessen.

Um 6.39 Uhr kollidiert die Schwebefähre mit dem Frachter „Evert Prahm“. Mehrfach wird das an zwölf Stahlseilen hängende und 45 Tonnen schwere Verkehrsmittel hin und her geschleudert. Der Fährführer überlebt schwer verletzt. Die Mannschaft an Bord des Frachters kommt unversehrt davon. Die Schwebefähre wird irreparabel beschädigt und muss neu gebaut werden.

Dass es zur Kollision kommen wird, realisiert der letzte Fahrgast der alten Schwebefähre wenige Sekunden vor dem Aufprall. „Ich stand da wie angewurzelt. Im nächsten Moment riss es mir den Boden unter den Füßen weg.“

<p>Jan Heigener kurz nach dem Unfall im Krankenhaus. </p>

Jan Heigener kurz nach dem Unfall im Krankenhaus.

 
<p>Jan Heigener heute: Die Verletzungen sind verheilt. </p>

Jan Heigener heute: Die Verletzungen sind verheilt.

Mit dem Kopf prallt Heigener auf einen bordsteinartigen Stahlträger am Boden. Der Polizist und sein Fahrrad schliddern zunächst auf die andere Seite der Schwebefähre. Dort wird Heigener sein Fahrrad später wiederfinden. Er selbst wird wie eine Billardkugel weiter über Deck geschleudert und zieht sich mehrere Prellungen und ein Schädel-Hirn-Trauma zu. Weil nach dem Aufprall die dem südlichen Kanalufer zugewandte Seite der Schwebefähre nach oben geworfen wird, rutscht Heigener auf der schiefen Ebene in die entgegengesetzte Richtung nach unten – unter sich das eisige Kanalwasser. Und nichts, das den Fall bremsen könnte. „Mit meinen Fingern habe ich mich dann in den Lücken zwischen den Holzplanken festgekrallt. Kurz vor dem Ende kam ich irgendwie zum Halten.“ Bis zum Sturz in den Kanal fehlen nur Meter. „Ich wäre mit der dicken Winterkleidung untergegangen wie ein Stein.“

Heigener hält sich panisch am Boden fest, bis die Schwebefähre nicht mehr schaukelt. Er sieht, dass eines der Stahlseile gerissen ist und ein Zug über die Hochbrücke donnert. Sofort greift er zum Handy und setzt einen Notruf ab, um einen weiteren Zusammenstoß abzuwenden. „Ich habe gesehen, dass sich ein weiteres Schiff nähert.“ Heigener fordert die Leitstelle der Polizei in Kiel auf, den Schiffsverkehr sofort zu stoppen. Der nächste Frachter schafft es, dem in der Kanalmitte baumelnden Havaristen auszuweichen.

 

Den Moment des Zusammenstoßes beschreibt Heigener als „berstendes Geräusch. Sofort lag ein metallischer Geruch in der Luft.“ Vom Mann auf der etwa vier Meter hoch gelegenen Kommandobrücke sieht der 30-Jährige zunächst nichts. Kein Schrei, kein Warnsignal. Die Besatzung der Schwebefähre besteht aus einem Maschinisten. „Irgendwann hat er runtergerufen und gefragt, ob mit mir alles in Ordnung ist.“ Der Fährführer lässt eine Notstrickleiter herunter. Doch weder der am Knie verletzte Passagier noch der Schiffsführer sind in der Lage, sie zu benutzen. Nach wenigen Minuten tauchen am Rendsburger Ufer die ersten Polizisten auf. Heigener erkennt sie, es sind seine Kollegen – und sie erkennen ihn. Wie lange es dauert, bis er von der Fähre geborgen wird, weiß Heigener nicht mehr. „Ich werde den 8. Januar wie einen Geburtstag feiern. Der Helm hat mich vor dem Schlimmsten bewahrt.“

Die Mutter des Polizisten erhebt Vorwürfe gegen die Kanalverwaltung. „Uns macht traurig, dass sich vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt nach dem Unglück keiner bei ihm gemeldet hat“, sagt Gabi Heigener (64). Niemand habe sich erkundigt, wie es ihrem Sohn gehe. Auch der materielle Schaden sei nicht ersetzt worden. „Jeder kann mal einen Unfall verursachen, aber ich kenne es so, dass man sich zunächst um den anderen Unfallbeteiligten bemüht.“

Den Tag nach dem Unglück verbrachte Jan Heigener im Krankenhaus. An einen Satz ihres Sohns erinnert sich seine Mutter noch genau: „Er sagte zu mir: ,Mama, ich habe gedacht, das war es jetzt, nun ist mein Leben zu Ende.‘ Diesen Satz werde ich wohl nie vergessen.“

 

 

 

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erstellt am 05.Jan.2017 | 06:00 Uhr

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