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Landeszeitung

24. August 2016 | 12:14 Uhr

Unzureichender Netzausbau : Energiewende in SH: Der „Blackout“ rückt näher

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Flächendeckende Stromausfälle über mehrere Tage werden wahrscheinlicher. Fachleute bereiten sich auf den Ernstfall vor.

Jeder kennt das: Wenn der Strom ausfällt, herrscht kurz Verwirrung in Büros, Werkstätten oder zu Hause, bevor sich eher allgemeine Heiterkeit über diese ungewöhnliche Situation im Alltag breitmacht. Panik bricht selten aus, denn meistens ist der Strom schnell wieder da. Doch was passiert, wenn das Netz über mehrere Tage zusammenbricht? Davor hat Landrat Dr. Rolf-Oliver Schwemer jetzt eindringlich gewarnt. „Die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario steigt“, sagte er gestern in seinem Verwaltungsbericht vor dem Kreistag. Experten bestätigen das – und sprechen von verheerenden Auswirkungen.

Grund für die neue Unsicherheit ist die Energiewende, bestätigt der Ingenieur Jens Peter Solterbeck. Er ist Leiter des Netzcenters Fockbek der Schleswig-Holstein Netz AG. Aus Wind und Sonne werde inzwischen „unwahrscheinlich viel Energie“ gewonnen. „Die ist aber sehr wechselhaft, das passt nicht in das Verbrauchsverhalten der Menschen.“ Bei starkem Wind und viel Sonnenschein kann das Netz deshalb schnell überlastet sein. Vor allem, weil die Stromleitungen noch nicht weit genug ausgebaut sind. Die Kapazität reicht vor allem südlich des Landes noch nicht aus. Dann wird die Netzfrequenz von 50 Hertz schnell überschritten. Andersherum kann sie bei weniger Energieeinspeisung unter diese Grenze sinken. Deshalb sei es auch weiterhin nötig, Gas- oder Kohlekraftwerke zu betreiben, um Engpässe auszugleichen. Jede größere Schwankung macht Netzeingriffe erforderlich. „Das kommt heute etwa 1000 Mal im Jahr vor, vor zehn Jahren waren es noch zwei bis drei“, erklärt Solterbeck die Ausmaße. „Wenn dabei etwas schiefgeht, kann es das Szenario eines flächendeckenden Stromausfalls nach sich ziehen.“

Was ein solcher „Schwarzfall“ (engl. Blackout) bedeutet, hat Dr. Thilo Rohlfs mit seinem Krisenstab jetzt drei Tage lang geübt. Rohlfs ist beim Kreis für den Katastrophenschutz verantwortlich. Seine Aufzählung reicht weit: Die Löscheinsätze der Feuerwehr steigen, weil die Menschen mit offenem Feuer hantieren, um Licht zu machen, Essen zuzubereiten und sich zu wärmen. Die Rettungskräfte werden zu viel mehr Unfällen gerufen, weil Ampeln ausfallen. Züge bleiben auf freier Strecke stehen. Supermärkte stellen sofort den Betrieb ein, wodurch die Lebensmittelversorgung eingeschränkt ist. Auch Benzin und Diesel sind nicht mehr so leicht zu haben. Geldautomaten funktionieren nicht. Nach einigen Stunden wird das Abwasser nicht mehr geklärt. Milchkühen platzen die Euter, weil die Melkmaschinen nicht betrieben werden können. Lüftungsanlagen in Schweineställen fallen aus, die Tiere sterben. „Das sind immense Herausforderungen. Doch die größten Probleme stellen sich in Pflegeheimen und bei ambulanten Dialyse- und Beatmungspatienten“, sagt Rohlfs. Die Beatmungsgeräte können zwar eine Zeit lang per Batterie betrieben werden, doch ob das bis zum Eintreffen der Rettungskräfte reiche, sei offen. Deshalb ermittle die Verwaltung derzeit Pflegedienste sowie alle Pflegeheime und ob deren Stromversorgung einen Puffer vorhält. In der Imland-Klinik Rendsburg sei etwa eine komplette Versorgung der Patienten über eine Woche möglich.

„Wir wollen keine Panik verbreiten, müssen aber darauf hinweisen, dass länger anhaltende flächendeckende Stromausfälle möglich sind“, sagt Rohlfs. Er und sein Stab müssen dann „unpopuläre Entscheidungen“ treffen, denn zunächst seien Gefahren für Leib und Leben abzuwenden. „Wer nur im Dunkeln zu Hause sitzt oder mit dem Zug irgendwo gestrandet ist, muss sich selbst helfen.“ Wenn keine unmittelbare Gefahr bestehe, seien Notrufe kontraproduktiv, weil die Leitstelle dadurch überlastet werde.

Je länger die Elektrizität fehle, desto größer werde das Blackout-Gebiet. Ein Ausfall breite sich kaskadenartig aus. „Wie schnell das Netz wieder aufgebaut werden kann, hängt von der Größe des Ausfallgebiets ab“, erklärt Rohlfs. Jens Peter Solterbeck: „Auf lokaler Ebene dauert das nur wenige Stunden. Ein Ausfall im gesamten Kreis Rendsburg-Eckernförde ist in bis zu 24 Stunden behoben.“ Breite sich das Ausfallgebiet jedoch auf das ganze Land aus, könne die Wiederherstellung bis zu fünf Tage dauern, im gesamten Bundesgebiet bis zu acht Tage. Dass eine solche Krise dauern kann, erklärt Stefan Krohn, stellvertretender Leiter der Rendsburger Netzleitstelle: „Alle 10.000 Schalter in den 200 Umspannwerken des Landes müssen beim Einschalten von hier aus einzeln angesteuert werden.“ Um es nicht zu derart weitreichenden Störungen kommen zu lassen, werden alle Leitungen und Umspannwerke im Land von der Leitstelle der Schleswig-Holstein Netz AG an der Kieler Straße in Rendsburg überwacht. Von dort aus können auch rund 300 Techniker dirigiert werden, um Schäden zu beheben.

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erstellt am 18.Nov.2014 | 06:00 Uhr

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