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Landeszeitung

06. Dezember 2016 | 17:10 Uhr

Sprung aus den Wolken : Ein Familienausflug am Fallschirm

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Mit 75 Jahren wagt Anke Leutemann zum ersten Mal den Sprung aus einem Flugzeug. Schwiegersohn und Enkelin leisten ihr Gesellschaft.

Manchmal braucht es einfach eine Mutige, die den Anfang macht. In diesem Fall ist es Kathrin Nemitz gewesen, die zu ihrem 18. Geburtstag von ihren Eltern ein eher ungewöhnliches Geschenk bekommen hat. „Wir wollten ihr symbolisch einen Sprung in die Volljährigkeit schenken“, sagt Vater Volker Nemitz (52). Aus einem Flugzeug heraus. Damit Kathrin mit ihrem Geschenk nicht alleine am buchstäblich seidenen Faden des Fallschirms hängen würde, kam der Papa auf die Idee, gleich mit ihr aus dem Flugzeug zu springen. Eine Entscheidung, die wiederum Anke Leutemann (75) auf den Plan rief. „Wenn ihr springt, dann spring ich auch“, kündigte Kathrins Großmutter an.

Freitag, kurz vor 12 Uhr auf dem Flugplatz Hungriger Wolf in Hohenlockstedt. Bevor es zu ihrem ersten Tandemsprung geht, werden die drei erst einmal neu eingekleidet. „Sieht schnell aus“, sagt Anke Leutemann, als sie im Fliegeroverall aus dem Hangar kommt. Robby van Keeken ist ihr Tandempilot. Er erklärt ihr, wie sie sich in der Luft verhalten soll. „Wenn die Tür aufgeht, schieb ich uns langsam raus“, sagt er. „Wenn wir dann am Schirm hängen, zeige ich dir alles. Die Weser, die Ostsee vielleicht.“ Zehn Minuten später geht es zum Flugzeug. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das wird“, sagt Kathrin kurz vor dem Start. Angst habe sie nicht. „Die wird erst kommen, wenn die Tür aufgeht.“ Auch ihr Vater Volker, auf Erden gesegnet mit einer Höhenangst, die ihm schon den Sprung vom Zehn-Meter-Brett verbietet, ist ruhig, ganz ruhig. „Aus 4000 Metern Höhe wird das Ganze abstrakt“, sagt er, ohne es je ausprobiert zu haben. „Man sieht den Boden nicht, wenn man oben ist – das beruhigt.“

Dann holpert die kleine Maschine über die Wiese in Richtung Startbahn. „Uff“, sagt Kathrins Mutter Birte Nemitz (48), „ein bisschen komisch ist das schon. Immerhin sind da drei Familienangehörige drin.“ Das Flugzeug kämpft sich mit heulendem Motor in den Himmel. Ihr Vater Peter Leutemann (78) steht neben ihr und schaut der kleiner werdenden Maschine hinterher. „Wenn ich da jetzt drin sitzen würde, das wäre schön“, sagt er. Und weil das fast ein bisschen sentimental klingt, schiebt er schnell hinterher: „Aber als Oberhäuptling darf ich ja nicht umkommen.“ Irgendwann wird das Dröhnen des Motors leiser und das nervenzerrende Geräusch des Rasenmähers, mit dem die Wiese an der Besucherplattform gemäht wird, lauter. Deshalb hören die drei auf dem Boden Gebliebenen – ergänzt werden sie durch Kathrins Schwester Julia (14) – zunächst auch nicht, wie das Flugzeug zurückkehrt, um seine menschliche „Fracht“ über dem Flughafen abzuwerfen. Peter Leutemann starrt in den Himmel und raucht. Er entdeckt die ersten Fallschirme. Zwei Stück. „Da, da – da sind sie“, ruft er. „Aber Omi fehlt.“ Dann erst tauchen weitere Schirme am Himmel auf. Langsam kommt die Familie der Erde näher, dann landet sie auf der Wiese neben dem Hangar. Als Letzte hat Anke Leutemann festen Boden unter den Füßen. Nach 50 Sekunden freiem Fall und fünfeinhalb Minuten am Schirm hängend muss sie erst einmal Adrenalin abbauen. Das perlt nämlich in ihrer Blutbahn wie Kohlensäure im Sekt. „Es war super“, sagt sie dann. „Das Schweben war das Beste. Man ist schwerelos. Da fällt alles ab, was einem vorher Sorgen bereitet hat.“ Und nach einer Pause: „Das hätte ich schon viel früher machen sollen.“  

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erstellt am 24.Aug.2016 | 06:00 Uhr

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