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Landeszeitung

30. September 2016 | 17:10 Uhr

Drama kurz vor dem Berufsverkehr

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Wehrführer Hilburger: Hätte sich die Schwebefähren-Kollision nur eine halbe Stunde später ereignet,„hätten wir Leichen bergen müssen“

Es war die folgenreichste Kollision in der 102-jährigen Geschichte der Schwebefähre – und dennoch hat Rendsburg gestern Glück im Unglück gehabt. Als die Fähre um 6.38 Uhr mit dem Frachter „Evert Prahm“ zusammenstieß, befanden sich nur der Fährführer und ein einziger Passagier an Bord. Beide wurden verletzt. Wäre der Unfall eine halbe Stunde später passiert, hätte es nach Einschätzung der Feuerwehr eine Katastrophe gegeben. In jenem Fall wären zahlreiche Kinder und Jugendliche an Bord gewesen, die die Kanalquerung nutzen, um zur Schule zu kommen. „Dann hätten wir Leichen bergen müssen“, sagt Wehrführer Gerrit Hilburger.

Eine auf die Hochbrücke ausgerichtete Webcam hat das Drama aufgezeichnet: In der zunächst im Internet auf der Videoplattform „Youtube“ verbreiteten Sequenz ist zu sehen, wie die Schwebefähre am Südufer anlegt. Dann fährt ein Frachter in Richtung Westen vorbei, anschließend setzt sich die Fähre in Bewegung und legt am Nordufer an. Plötzlich nähert sich ein weiteres Schiff aus der gleichen Richtung. Kurz bevor dieser Frachter unter der Hochbrücke hindurchfährt, legt die Fähre ab. Einen Augenblick später kommt es zur Kollision. Die Fähre wird seitlich hochgeschleudert, dreht sich, schrammt an dem Frachter vorbei und schleudert zurück. Dabei werden mehrere der zwölf Stahltrossen beschädigt, die die Fähre mit dem in über 40 Metern Höhe auf Schienen aufgesetzten Laufwagen verbindet. Die Wucht der Kollision reißt den Wagen aus den Schienen, dadurch wird die Fähre manövrierunfähig. Die Hochbrücke selbst bleibt unbeschädigt. Auch das kann wieder unter der Kategorie Glück im Unglück verbucht werden, denn Sekunden später passiert ein Zug die Hochbrücke. Der Fährmann wird schwer verletzt, ebenso sein einziger Passagier, jedoch nur leicht. Es handelt sich um einen Polizeibeamten, der nach der Nachtschicht nach Hause fahren will. „Sein Fahrradhelm hat ihn wohl vor schlimmeren Verletzungen bewahrt“, erklärt Michael Heinrich, Sprecher der Polizeidirektion Neumünster. Der verletzte Beamte löst den Alarm aus, der um 6.40 Uhr in der Rettungsleitstelle eingeht.

Mit einem Großaufgebot rücken daraufhin Polizei, Feuerwehr und der medizinische Notdienst an. Eine der Fähren von der Fährstelle Nobiskrug transportiert einen Leiterwagen der Feuerwehr direkt an die Unfallstelle. Die Leiter wird ausgefahren, darüber gelangen die Retter auf die Schwebefähre. Die Bergung des verletzten Fährführers aus seinem Führerhaus dauert eine Stunde.

Bis zu 90 Rettungskräfte sind vor Ort. Der zeitweise intensive Regen und die Kälte erschweren die Arbeiten. Die Deutsche Bahn sperrt umgehend den Zugverkehr entlang der Strecke. Betroffen sind sämtliche durch Rendsburg führende Linien. Ein Notfallmanager der Bahn stellt keinen Schaden an den Gleisen fest. Der Verkehr im Kanal wird unterbrochen. Am späten Nachmittag gelingt es Arbeitern, den Laufwagen, an dem die Fähre hängt, mit einem Kettenzug an das Nordufer zu ziehen. Um 16.15 Uhr kann der Schiffs- , 15 Minuten später der Zugverkehr wieder aufgenommen werden.

Rätselraten herrscht über die Unfallursache. Weder der Fährführer noch der Frachterkapitän waren betrunken. Die Wasserschutzpolizei und der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung nehmen die Ermittlungen auf, offizielle Ergebnisse gibt es bis zum Redaktionsschluss nicht. Klar ist, dass alle Schiffe auf dem Nord-Ostsee-Kanal Vorrang vor den Fähren haben. Laut Matthias Visser, Pressesprecher des Wasser- und Schifffahrtsamtes Kiel-Holtenau, gibt es eine Dienstanweisung, die den Mindestabstand zwischen Schiffen und Fähren regelt. Demnach dürfen die Fähren nicht ablegen, wenn sich ein herannahendes Schiff in weniger als 1000 Metern Entfernung befindet. Die Fährleute fahren weitgehend auf Sicht. Bei Dunkelheit oder Nebel können sie sich auf dem Radarschirm im Steuerstand vergewissern, dass sie freie Fahrt haben. Visser geht davon aus, dass das Radargerät auf der Schwebefähre gestern morgen ordnungsgemäß in Betrieb war – jedenfalls sei ihm nichts Gegenteiliges bekannt, sagt er.

Dass die Mindestabstandsregel zu herannahenden Schiffen nicht immer eingehalten wird, wird fast jeder Fährpassagier schon einmal erlebt haben. Das bestätigt gestern auch ein ehemaliger Fährmann gegenüber der Landeszeitung. Dem Mann, der anonym bleiben möchte, waren keine Abstandsregeln bekannt. In welchem Abstand zu einem herannahenden Schiff seine Kollegen ablegen, liege im Ermessen jedes einzelnen. Jeder gehe aber auf Nummer sicher, „bei 100 Metern fährt keiner mehr los“, sagt er.

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erstellt am 08.Jan.2016 | 12:35 Uhr

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