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Landeszeitung

05. Dezember 2016 | 05:32 Uhr

„Die Menschen kommen nicht zum Sterben zu uns“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Im Hospizhaus Porsefeld steht die menschenwürdige Pflege im Mittelpunkt / Förderverein besteht 20 Jahre

Der Hospizgedanke hat in Rendsburg eine lange Tradition. Seit 21 Jahren gibt es in der Innenstadt das Haus Porsefeld, in dem bis zu zehn Schwerkranke ihre letzten Tage verbringen. Unterstützt wird die Einrichtung vom Förderverein Hospiz Rendsburg. Am Montag feiert der Verein sein 20-jähriges Bestehen. Mit der Vorsitzenden Christine Söffge sprach unser Redaktionsmitglied Dirk Jennert über den Tod, Ängste und die Spendenbereitschaft der Rendsburger.

Frau Söffge, wie oft denken Sie an den Tod?

Im Alltag denke ich kaum daran. Es gibt aber bestimmte Gelegenheiten, wo es sich geradezu aufdrängt. Diese ergeben sich zum einen durch meine Tätigkeit im Förderverein. Zum anderen bin ich jetzt in einem Lebensabschnitt, in dem ich feststellen muss, dass um mich herum schon Freunde gestorben sind.

Wie sind Sie zur Hospizarbeit gekommen?

Früher habe ich mich mit der Hospizarbeit überhaupt nicht befasst. Ich bin erst durch die Pflege meiner Mutter dazu gekommen. Sie wurde von der Pflege Lebensnah betreut, und ich bin jeden Tag bei ihr gewesen und habe sie gepflegt – seit sie 80 war. Meine Mutter ist 91 Jahre alt geworden. In dieser Zeit war ich sehr eingebunden. Als ich mich von ihr verabschieden musste, habe ich mich sehr mit dem Tod beschäftigt. Über die Pflege Lebensnah ist dann der Kontakt zum Hospiz entstanden.

Was ist Ihre Aufgabe?

Meine Aufgabe als Vorsitzende ist es, das Geld dafür einzusammeln, dass gepflegt werden kann. Wir setzen uns für eine menschenwürdige Pflege ein. Um das Geld dafür zusammenzubekommen, machen wir verschiedene Aktionen. Es gibt das Entenrennen, den Weihnachtskalender, wir backen Waffeln, die Stadtwerke veranstalten für uns ein Benefizkonzert.

Allein an Mitgliedsbeiträgen nehmen Sie jährlich deutlich über 40  000 Euro ein. Für was konkret geben Sie das Geld aus?

Wir stellen Geld für unser stationäres Hospiz zur Verfügung, denn nicht alles wird von den Pflegekassen bezahlt. Es gibt demenzielle Wohngruppen, die betreut werden müssen. Zudem werden unsere Ehrenamtlichen im Umgang mit Kranken und Schwerkranken geschult. Diese Ausbildung finanzieren wir. Unseren Ehrenamtlichen gebührt allergrößter Dank dafür, dass sie diese Arbeit machen und die Kranken regelmäßig betreuen.

Wenn Sie als Hospizverein um Spenden bitten: Gibt es Vorbehalte, denen Sie begegnen?

Das ist ganz unterschiedlich. Wenn wir beispielsweise den Weihnachtskalender verkaufen, unterstützen die Leute das gern. Aber wenn wir ganz gezielt für das Hospiz sammeln, können durchaus auch schon mal Sätze fallen wie „Das interessiert uns nicht“. Ich glaube aber nicht, dass sich das gegen das Hospizhaus richtet. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen nicht mit dem Thema Tod konfrontiert werden möchten.

Wie lassen sich diese Vorbehalte überwinden?

Indem man beispielsweise Menschen dazu einlädt, unser Haus Porsefeld zu besuchen. Das haben wir schon getan. Die Besucher stellen fest: Das ist ein ganz normales Haus. Wenn man das Erdgeschoss betritt, begegnet man ganz normalen Menschen. Der erste Eindruck der Besucher ist: „Das ist hier ja gar nicht so schlimm.“ Das stimmt. Es ist überhaupt nicht schlimm. Es ist nicht dunkel und trüb bei uns. Es ist hell und sonnig. Es wird gelacht. Die Menschen, die in unserem Haus leben, kommen ja nicht zum Sterben zu uns. Sie hoffen alle, dass sie noch eine längere Zeit leben können, um erst dann in aller Ruhe und in Frieden zu sterben. Und wir haben ja durchaus Fälle, wo Menschen wieder nach Hause gehen.

Der Einweihung des Hauses Porsefeld vor 21 Jahren in der Denkerstraße war eine intensive Debatte darüber vorausgegangen, ob ein solches „Todeshaus“ in die Innenstadt gehöre. Anwohner wollten es nicht in ihrer Nähe haben. Wie viel ist von diesen Vorbehalten noch übrig?

Die damalige Debatte war vor allem auf Unkenntnis und eine Angst vor dem Tod zurückzuführen. Die Menschen dachten, dass da jeden Tag der Wagen des Bestatters vor der Tür steht. Dem war und ist nicht so. Es ist ein fröhliches Haus. Wir feiern Feste. Es ist wohnlich eingerichtet. Unsere Zimmer sind viel gemütlicher als jedes Krankenhauszimmer. Das Ansehen des Hauses hat sich gewandelt. Heute wissen die Menschen viel darüber. Es ist etabliert, weil viele jemanden kennen, der dort seinen Lebensabend verbracht hat.

Was haben Sie für Pläne für den Hospizförderverein?

Wir haben 688 Mitglieder. Aber wir schaffen wir es nicht, die 700-Mitglieder-Marke zu überschreiten. Das ist wie eine magische Zahl, aber wir arbeiten daran. Denn die Einnahmen über die Mitgliedsbeiträge sind für uns ein wichtiger Sockelbetrag. Wir wissen schließlich nie, wie viele Spenden im Laufe eines Jahres zusammenkommen. Was wir uns außerdem sehr wünschen, ist mehr Musik im Haus. Wir haben ein Klavier, und es würde unsere Bewohner sehr freuen, wenn eine Schülerin oder auch ein Erwachsener vielleicht einmal in der Woche etwas vorspielen würde.

Warum würde das den Menschen so viel bedeuten?

Zum einen weil es so viele Erinnerungen wecken würde. Zum anderen wäre es etwas Besonderes. Da würde jemand spielen nur für sie. Das ist etwas ganz anderes, als Musik im Radio zu hören.

> Der Förderverein Hospiz feiert am Montag, 12. September, 19 Uhr, in der Christkirche sein 20-Jahr-Jubiläum. Festrednerin ist Sozialministerin Kristin Alheit. Der Abend ist öffentlich.

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erstellt am 08.Sep.2016 | 10:23 Uhr

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