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Westerrönfeld : Der Mord ist nicht vergessen

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Der Neffe des Kieler Juden Friedrich Schumm besuchte dessen Grab auf dem Westerrönfelder Judenfriedhof

Westerrönfeld | Efeu wuchert mit großen Blättern über den Boden. Ein schmaler Pfad ist in dem Dickicht erkennbar. Er führt zum Grab von Friedrich Schumm. Vier große runde Steine sind frisch auf dem Grabstein abgelegt worden - denn Dan und Max Schumm aus San Francisco haben die letzte Ruhestätte ihres Kieler Vorfahren besucht. Dieser war 1933 von den Nazis ermordet und dann in Westerrönfeld bestattet worden.

Lange Jahre wusste Dan Schumm nichts von den Vorfällen in der Reichskristallnacht, die zum Tod des Onkels und zur Flucht der Familie führten. "Mein Vater wollte nie darüber reden", erzählt der Sohn Walter Schumm (Jahrgang 1910), dem jüngeren Bruder von Friedrich (Jahrgang 1901). Die Kinder durften auch nie Aprilscherze machen. Denn am 1. April war der Kieler Rechtsanwalt im Gefängnis erschossen worden.

Ein Stolperstein in der Holtenauer Straße 59 in Kiel, dort wo die Schumms lebten, erinnert an die Vorgänge. In der Kehdenstraße 16 betrieben Georg und Hedwig Schumm ein Möbelgeschäft. "Mein Onkel war mit seiner Frau aus Berlin nach Kiel gekommen, weil seine jüngere Schwester heiraten sollte", weiß Dan Schumm. Eine Information, die in den Internet-Beiträgen nicht zu finden ist. Bekannt ist: Als der Rechtsanwalt das elterliche Haus betreten wollte, kam es zu einer Rangelei mit den zwei SS-Männern, die vor dem Laden Posten bezogen hatten. Es löste sich ein Schuss, einer der Männer wurde verletzt. Friedrich Schumm flüchtete, stellte sich später aber der Polizei. Ein aufgeheizter Mob von SA-Männern stürmte noch am selben Tag das Gefängnis: Friedrich Schumm wurde von 30 Schüssen tödlich getroffen.

Den Grabstein ließ die Familie noch 1933 aufstellen. 1934 flüchteten Friedrichs Witwe und seine Geschwister nach Palästina. Die Großeltern Georg und Hedwig Schumm besuchten sie dort einige Male. "Alle versuchten, sie davon zu überzeugen zu bleiben", weiß Dan Schumm. Doch die Großeltern reisten immer wieder zurück nach Deutschland. Georg und Hedwig Schumm wurden 1942 deportiert und in Theresienstadt ermordet. 1951 wurde Dan Schumm in Palästina geboren, 1954 wanderte die Familie nach Amerika aus.

Walter Schumm heiratete in Palästina - eine Deutsche aus Augsburg. Damals wurde das Schweigen erstmals gebrochen: Vom Rabbiner Dr. Posner, der ebenfalls von Kiel nach Palästina emigriert war. "Der Rabbi sollte bei der Trauung meiner Eltern nicht darüber sprechen, hielt sich aber nicht daran", erinnert sich Dan Schumm an Erzählungen. Dan Schumm ist heute 61 Jahre alt, sein Sohn Max 21. Er hat erst spät von den Vorgängen der Kieler Kristallnacht erfahren, Einzelheiten aus dem Internet recherchiert.

"Die Familie fühlte sich als Deutsche", berichtet Dan, der heute in San Francisco lebt. Er schmunzelt. "Es gab bei uns Sachertorte und Dampfnudeln - alles war Deutsch." Die Begriffe spricht er auf Deutsch aus; ein bisschen kann er verstehen. "Sie konnten Goethe und Schiller zitieren und Wilhelm Busch - das war ihre Welt." Die Verbindung zur Religion war gering. "Sie konnten kein jüdisches Gebet aufsagen." Die Familien fühlten sich so sehr als Deutsche, dass für sie die Massenvernichtung der Juden schlicht unvorstellbar war, mutmaßt der 61-Jährige.

Dem Judentum ist die Familie heute locker verbunden. Am Grab setzen Dan und Max die Kippa auf, die kreisförmige Kopfbedeckung, die bei religiösen Anlässen von Männern getragen wird. Die Kinder haben Bar Mitzwa (die religiöse Mündigkeit) gefeiert, sie gehen ein bis zwei Mal im Monat in die Synagoge.

Als klar war, dass Sohn Max Studienkollegen in Deutschland treffen wollte, war das für Dan Schumm ein Einlass, zum Grab des Onkels zu reisen - das nach dem Krieg noch kein Familienangehöriger besucht hatte. Warum Friedrich Schumm in Westerrönfeld bestattet wurde, ist bis heute unklar. Vielleicht wurden in Kiel Ausschreitungen befürchtet, mutmaßen die Experten vom Jüdischen Museum in Rendsburg. Vielleicht war es als zusätzliche Bestrafung der Familie gedacht, rätselt Dan Schumm.

Auf jeden Fall haben er und sein Sohn aus der Bucht von San Francisco rundgewaschene graue Steine mitgebracht, die sie auf Friedrich Schumms Grabstein legen. Dieser Brauch soll zeigen, dass jemand das Grab besucht hat. Und, so Dan Schumm, "dass diese Person nicht vergessen ist".

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erstellt am 28.Jun.2012 | 07:54 Uhr

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