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Landeszeitung

07. Dezember 2016 | 17:23 Uhr

Berühmtes Buch zurück in Rendsburg : Das harte Ringen um die Gutenberg-Bibel

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Die Entdeckung des Rendsburger Fragments im Jahr 1997 war eine Sensation. St. Marien wollte das Werk in die Vereinigten Staaten verkaufen – öffentlicher Druck verhinderte das.

Heute ab 18 Uhr zeigt das Druckmuseum im Hohen Arsenal eines der berühmtesten Bücher der Welt. Das „Rendsburger Fragment“ ist die jüngste Entdeckung im elitären Kreis der 49 noch existierenden Gutenberg-Bibeln. 1997 wurde es im Rendsburger Kirchenkreisarchiv zufällig gefunden. Beinahe wäre das Werk in die Vereinigten Staaten verkauft worden. Massive öffentliche Proteste durchkreuzten diesen Plan.

Im Juni 1997 erhält Heinrich Haller eine merkwürdige Einladung. Absender ist der Kirchenkreis. Man bittet zum Pressegespräch, will aber nicht mitteilen, um welches Thema es gehen soll. Haller, damals Chef der Kreisredaktion der Landeszeitung, ist irritiert. „Sehr unüblich“, findet er diese Geheimniskrämerei. Selbst auf Nachfrage will Propst Hans Jochims nichts verraten. Haller geht aus journalistischer Neugier dennoch hin – und wird an jenem Tag mit der größten und bedeutendsten Geschichte seiner beruflichen Laufbahn konfrontiert – einer Geschichte, die ihn über Jahre immer wieder beschäftigen wird.

Auf einem Tisch im Kirchenkreisbüro hinter der Marienkirche liegt eine Gutenberg-Bibel. Eine echte. Der Kirchenkreis und die Kirchengemeinde St. Marien als Eigentümerin des Werks haben sich vor der Bekanntgabe des Fundes rückversichert, es ja nicht mit einer Fälschung zu tun zu haben. Die Deutsche Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz bestätigte die Echtheit. „Das ist wie ein Sechser im Lotto“, fasst Dr. Johannes Stüben, Leiter der Hamburger Bibliothek der Nordelbischen Kirche, seine Emotionen zusammen.

In der Tat: Es ist eine Sensation. Von den 180 Bibeln, die Johannes Gutenberg, der Erfinder des modernen Buchdrucks, in den Jahren 1453 bis 1455 in Mainz gefertigt hatte, ging die große Mehrheit im Laufe der Jahrhunderte verloren. Stand der Forschung im Jahr 1996 ist, dass es nur noch 48 Exemplare gibt, die meisten davon in Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Vor allem Nationalbibliotheken und Universitäten wie Cambridge und Eton haben sich eines der begehrten Exemplare gesichert. Auch der Vatikan besitzt eine der gedruckten Kostbarkeiten. In Mainz hütet das Gutenberg-Museum drei Bände wie einen Schatz.

Das Mainzer Museum gilt als eine der größten Kapazitäten auf dem Gebiet des Gutenberg’schen Buchdrucks. Immer wieder werden seine Experten mit mutmaßlichen neu entdeckten Gutenberg-Bibeln konfrontiert. Doch seit Jahrzehnten haben sich alle „Verdächtigen“ als Fälschung oder Kopie erwiesen. „Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass heute noch bisher unbekannte Exemplare der Gutenberg-Bibel auftauchen“, sagt kurz nach dem Rendsburger Fund im Jahr 1997 die Direktorin des Mainzer Museums, Dr. Eva-Maria Hanebutt-Benz, gegenüber der Landeszeitung.

Die Entdeckung des Rendsburger Fragments entwickelt eine enorme Tragweite. Heinrich Haller zählt zu den wenigen Journalisten, die die Bedeutung des Fundes sofort begreifen. Am Tag nach der Pressekonferenz erscheint in der Landeszeitung eine komplette Seite, die ausschließlich der Gutenberg-Bibel gewidmet ist. Und damit ist die Katze endgültig aus dem Sack. Die Nachrichtenagenturen verbreiten die Kunde weltweit. Eine amerikanische Zeitung beruft sich in ihrer Berichterstattung auf Heinrich Hallers Artikel aus der Landeszeitung.

St. Marien sei über Nacht eine reiche Kirchengemeinde geworden, wie der damalige Vorsitzende des Kirchenvorstandes, Pastor Johannes Töllner, es deutlich macht. Zu verdanken hat St. Marien dies nicht nur Dr. Johannes Stüben von der Hamburger Bibliothek der Nordelbischen Kirche, der die Bibel als Werk Gutenbergs erkannte, sondern auch dem Archivpfleger Hans Grützner. Denn St. Marien hatte das Buch Jahre zuvor einer Restauratorin in Bayern geschickt, die das beschädigte Werk aufarbeiten sollte. Niemand ahnte, um was für einen Schatz es sich handelte, selbst die Restauratorin nicht. Lange lag das Buch unbearbeitet in ihrer Werkstatt. Heinrich Haller: „Es ist der Hartnäckigkeit von Hans Grützner zu verdanken, dass es nicht verloren ging, sondern nach Rendsburg zurückkehrte.“

Was macht man mit einem Schatz, der Millionen wert ist? Die Kirchengemeinde St. Marien ist in einer Zwickmühle. Das schwer beschädigte Buch angemessen zu restaurieren, ist ohne finanzielle Hilfe nicht möglich. Die 60  000 Mark, die man dafür benötigte, stellte die „Stiftung Spar- und Leihkasse Rendsburg“ zur Verfügung. Es gibt aber noch weitere Probleme, und die sind sogar noch größer. Wo und wie soll die Gutenberg-Bibel aufbewahrt werden? Wer kommt für die Versicherungsprämie auf? Allein das Werk zu versichern, würde die Gemeinde überfordern, zumal Investitionen in die Marienkirche anstehen. Lange Zeit bleiben diese Fragen unbeantwortet. Knapp zwei Jahre nach dem Fund jedoch trifft der Kirchenvorstand eine Entscheidung, die Wochen später für Empörung im ganzen Land sorgt. Hinter verschlossenen Türen stimmt der Vorstand grundsätzlich einem Verkauf der Bibel zu. Einen ernsthaften Interessenten gibt es bereits. Ein Amerikaner aus Cleveland bietet fünf Millionen Mark.

Doch so sehr sich die Kirchenoberen bemühen, den geplanten Verkauf geheim zu halten: In eingeweihten Kreisen macht schnell das Gerücht die Runde, St. Marien wolle die Rendsburger Bibel im Ausland versilbern. Redakteur Haller erfährt im Herbst 1999 davon. Er fragt nach – und erhält ausweichende Antworten. Hallers Misstrauen ist geweckt, er recherchiert weiter, nutzt sein Informantennetz. Der entscheidende Tipp kommt vom damaligen Chefkorrespondenten des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags, Erich Maletzke. Er ruft Haller an: „Heinrich, ein Freund hat mir erzählt, dass eure Rendsburger Bibel im Katalog eines Hamburger Auktionshauses aufgetaucht ist.“

Damit brechen die Bemühungen der Kirche um Geheimhaltung endgültig zusammen. Weitere Recherchen ergeben, dass die Spur tatsächlich nach Hamburg führt. Ein Antiquar aus der Hansestadt ist von St. Marien als Verkaufsvermittler verpflichtet worden. Als entsprechende Berichte in der Landeszeitung und den Kieler Nachrichten erscheinen, sieht sich der Kirchenvorstand quasi über Nacht mit einer massiven Welle des Protests und der Empörung konfrontiert. „Herr, vergib’ ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, kommentiert ein Leserbriefautor die Vorgänge im Kirchenvorstand. Bürgermeister Rolf Teucher fordert umgehend einen Verbleib „dieses wertvollen Kulturgutes in Rendsburg“. Auch die Landesregierung mischt sich ein. Sie sorgt dafür, dass die Bibel zügig in die Liste der besonders wertvollen deutschen Kulturgüter eingetragen wird. Ministerpräsidentin Heide Simonis macht der Kirche klar, dass die Bibel deswegen nicht mehr ins Ausland verkauft werden dürfe.

„Wir haben mit der Berichterstattung einen gewaltigen Druck aufgebaut, die Bibel im Land zu behalten“, sagt Haller heute. In seinen damaligen Zeitungskommentaren fordert er, die Bibel nicht nur im Land zu belassen, sondern sie dauerhaft im Rendsburger Druckmuseum auszustellen. Im April 2000 kommt die erlösende Nachricht, wenn sie auch in Rendsburg nicht mit der größten Begeisterung aufgenommen wird: Die Bibel bleibt zwar im Land, aber eben nicht in Rendsburg. Die Nordelbische Kirche kauft sie St. Marien für 3,5 Millionen Euro ab und stellt sie den Landesmuseen auf der Schleswiger Schlossinsel als Dauerleihgabe zur Verfügung. In der fünfköpfigen Kirchenleitung entfallen drei Stimmen auf Schleswig und nur zwei Stimmen auf Rendsburg.

Allerdings gibt es einen Passus zugunsten Rendsburgs. Bei einem berechtigten Interesse dürfen sich die Museen im Kulturzentrum die Bibel ausleihen. Das geschieht jetzt zum zweiten Mal. Heute um 18 Uhr wird sie im Arsenal präsentiert. Auch Heinrich Haller wird dabei sein. Nur berühren, wie damals bei seiner ersten Begegnung mit der Gutenberg-Bibel im Haus der Kirche, darf er sie nicht mehr. Das wertvolle Werk ruht hinter Panzerglas.

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erstellt am 16.Sep.2016 | 10:13 Uhr

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