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Landeszeitung

04. Dezember 2016 | 07:06 Uhr

Schöffengericht : Betrüger prellt Bahn um 292 Tickets

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Motiv: Er wollte sich als Premium-Kunde satt essen. Amtsgericht verurteilt Angeklagten zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft.

Ein 29 Jahre alter Angeklagter ist am Mittwoch vom Schöffengericht zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Damit entsprach das Gericht der Forderung der Staatsanwaltschaft, die Verteidigung hatte zwei Jahre und drei Monate gefordert. In die Bemessung des Strafmaßes ist mit eingeflossen, dass der Angeklagte noch zwei Bewährungsstrafen von jeweils vier Monaten ausstehen hat. Diese muss er nun wohl ebenfalls absitzen. Der Mann hatte gestanden, Computer-Betrug in 319 Fällen begangen zu haben.

Allein 292 Zugtickets soll der Rendsburger zwischen September 2013 und Oktober 2015 über das Internet bestellt haben – ohne selbst dafür zu bezahlen. Damit fuhr er dann tage- und wochenlang erster Klasse durch Deutschland und das benachbarte Ausland. Die Reisen gingen unter anderem nach München, Zürich, Amsterdam, Prag und Wien. Und immer wieder auch nach Berlin. Dort lebe seine sechsjährige Tochter, die er einmal im Monat besuche, sagte der schmächtige Angeklagte. Als Motiv für die anderen Fahrten gab der Hartz-IV-Empfänger Hunger an. „Die Taten habe ich begangen, weil ich durch meine Spiel- und Kaufsucht einen leeren Kühlschrank hatte“, sagte er. Als Premium-Kunde hat er sich in den Zügen und Lounges der Bahnunternehmen all inclusive satt gegessen. Zum Kauf der Tickets nutzte er die Bankverbindungen von Unternehmen, die diese auf ihren Internetseiten veröffentlicht haben. Der Deutschen Bahn, den Österreichischen Bundesbahnen und der Hamburger Hochbahn entstanden so ein Schaden von rund 44  000 Euro.

Auf ähnliche Weise ging er vor, um über ein Paypal-Treuhand-Konto Waren bei Ebay zu ersteigern. Diesmal waren es Privatpersonen, auf deren Kosten er bestellte. Und der Stiftung „Phönikks“, die Spenden für von Krebs betroffene Familien sammelt. „Dieses Geld haben sie den Familien der Erkrankten vorenthalten“, sagte Richterin Birka Knuth. „Ja, das ist doof“, antwortete der Angeklagte knapp.

Unter anderm bestellte er bei Ebay ein iPhone, einen Computer und ein Buch „Lernerfolg – Grundschule Mathematik“. Den Computer und das Buch wollte er weiter verkaufen, das Smartphone dagegen habe er behalten. Einige seiner Taten hat er ausgerechnet vom Computer im Jugend-Service-Büro in der Herrenstraße begangen – einer Einrichtung, die Jugendliche wieder auf den rechten Weg bringen soll. Dort hatte er zunächst Arbeitsstunden aufgrund einer anderen Straftat leisten müssen, später dann als Ein-Euro-Kraft gejobbt. Nach eigenen Angaben arbeitet er immer noch bei der Jugendfürsorge-Einrichtung. „Nach der Verhandlung heute wohl nicht mehr“, dämmerte es ihm. Als strauchelnder Jugendlicher hat er selbst leidlich Erfahrungen gesammelt. Von Beginn an auf einer Sonderschule unterrichtet, hat er nie einen Schulabschluss gemacht. Mit zehn Jahren begann seine Heimkarriere, nachdem er das Wohnzimmer seiner alkohlkranken Mutter in Brand steckte, während diese schlief. Eine Ausbildung als Küchenhilfe brach der 29-Jährige ab.

„Mit den Anforderungen des täglichen Lebens ist er überfordert“, sagte sein Pflichtverteidiger während des Plädoyers. Die Taten seien dem Angeklagten außerordentlich leicht gemacht worden. „Es hat bei den Bahnunternehmen sehr lange gedauert, bis die Kontrollmechanismen gegriffen haben.“

Das Unrechtsbewusstsein des Angeklagten sei so niedrig, dass es ihn eventuell gar nicht erreiche, sagte die Richterin in ihrer Urteilsbegründung. „Haben sie sich nie Gedanken darüber gemacht, dass sie das Geld eventuell Menschen weggenommen haben, die auch nicht mehr Geld haben, als sie?“, fragte sie den Angeklagten. Eine Antwort blieb er schuldig. Dass er sich für seine Betrügereien des Vereins „Phönikks“ bedient hat, empfand das Gericht als besonders niederträchtig. „Das ist menschlich und moralisch auf allerniedrigster Stufe“, sagte Richterin Knuth.

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erstellt am 01.Jul.2016 | 06:00 Uhr

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