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Lokales

04. Dezember 2016 | 19:30 Uhr

Inselhelden auf Föhr : Kleine Urlauber als Gefangenenchor

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Taschenoper Lübeck gastierte gestern zum Schleswig-Holsteinischen Musikfestival mit Beethovens „Fidelio“ – kindgerecht.

Wyk auf Föhr | Als die siebenjährige Lara und ihre Freunde die Bühne stürmen und Pizarro mit bloßen Händen überwältigen, halten die Kinder in der ersten Reihe den Atem an. Der Coup gelingt, der fiese Gefängnis-Chef muss abdanken. Durchatmen. Applaus. Die 150 Mitglieder des Gefangenenchors, davon mindestens zur Hälfte unschuldige Minderjährige, sind wieder frei. Happy End.

Eine große Oper für kleine Menschen. An diesem Nachmittag im Kurgartensaal in Wyk funktioniert dieses Konzept wunderbar. Zum Schleswig-Holsteinischen Musikfestival (SHMF) gastierte gestern die Taschenoper Lübeck mit einer kindgerechten Version von Beethovens einziger Oper "Fidelio" auf Föhr. Aus dem wuchtigen Freiheitsepos, mit dem Beethoven gegen die Tyrannei und für die Prinzipien der Französischen Revolution zu Felde zog, haben Margrit Dürr und ihr Team ein sanftes Stück mit neuem Text und vielen Berührungspunkten für das junge Publikum gemacht.

„Ich bin gefangen, du bist gefangen, wir sind gefangen“, singen die Kinder zur Opernmusik, kreisen ihre Arme und machen Kniebeugen, so wie es Kerkermeister Rocco und seine Gehilfin Leonore von der Bühne herab verlangen. Immer wieder wird das Publikum in die Handlung eingespannt, ein engagierter Gefangenenchor. Langeweile kommt so gar nicht erst auf, die Kinder sind so auch während der musikalischen Einlagen außergewöhnlich ruhig, ja konzentriert. Dafür sorgt auch die aufregende Bühnenausstattung. Pizarros Staatsgefängnis wurde aus dem auslaufenden 18. Jahrhundert ins digitale Heute versetzt. Schaltkreise und Platinen leuchten in giftigem Grün von der Wand, mit einem Tablet-PC überwachen Rocco die Gefangenen, denen zu Beginn ein grüner Punkt auf die Stirn gepappt wird. Elektroden, die die Gedanken der untergebenen Übeltäter messen sollen. Auf dem Monitor wird gar die Herzfrequenz der Delinquenten gemessen. Doch eine Knastatmosphäre kommt natürlich nicht wirklich auf. „Es sind alle verhaftet“, ruft Rocco gleich zu Beginn in den Saal, und nicht nur in der ersten Reihe wird gekichert.

„Wir haben die Oper etwas freundlicher gestaltet“, erzählt Dramaturgin und Sängerin Dürr. Das selbst geschaufelte Grab für Pizarros Erzfeind Florestan bleibt den kleinen Urlaubern erspart. Die danken es mit Engagement und Raffinesse. Als die Tarnung von Leonore aufzufliegen droht (sie hatte sich verkleidet, um Pizarro zu entgehen), imitiert ein kleiner Junge aus dem Gefangenenchor (sprich Zuschauer) die etwas aufgesetzte männliche Gangart bestens und macht klar: „Wir Jungs laufen eben so.“ Damit helfen alle der Verkleideten. Statt eines dominanten Orchesters spielt ein Streicher- und Bläser-Quintett den Beethoven-Sound eingängig und eher adagio, also dem Tempo der Insel entsprechend.

Und natürlich ist die Opernversion auch deutlich kürzer. Knapp 75 Minuten, die die jungen Besucher und ihre Eltern teilweise mucksmäuschenstill verfolgen. „Es ist eine wunderbare Abwechslung zum Strandalltag. Ich bin positiv überrascht“, sagt Hülya Bülle, die mit ihrem Mann Jan und der kleinen Lara gekommen sind. Die Kölner machen noch bis Samstag Urlaub auf ihrer „Lieblingsinsel“ Föhr. Und Lara genießt den Nachmittag besonders. „Einfach cool“, findet sie die Oper. Natürlich besonders, weil sie den fiesen Pizarro überwältigt hat.

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erstellt am 19.Jul.2016 | 12:16 Uhr

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