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Insel-Bote

11. Dezember 2016 | 03:21 Uhr

Auf den Föhrer Deichen : Wollige Küstenschützer

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Schafe liefern nicht nur Wolle und Fleisch. Sie nutzen auch den Deichen.

Ohne Schafe sind Grasdeiche eigentlich nicht vollständig und auch nicht vorstellbar. Die Wolleträger gehören ganz selbstverständlich zum Landschaftsbild, wenn sie gemächlich über das Gras wandern, an den Halmen zupfen, um sich dann zum ausgiebigen Wiederkäuen niederzulegen. Das war aber nicht immer so. Vor etwa 50 Jahren weideten, wie sich manche Insulaner noch erinnern, auch Kühe im Vorland und das Gras am Deich wurde von den Bauern geschnitten. Doch die Schafe haben sich durchgesetzt: Mit ihrem „goldenen Tritt“, schaden sie der Grasnarbe nicht, sondern tragen zur Festigung der Küstenschutzwälle bei, und der regelmäßige Verbiss sorgt dafür, dass die Pflanzen stärker wurzeln und so der Deich bei Sturmfluten von den Wellen weniger angegriffen werden kann. So sind in der Deichschäferei mehrere Vorteile vereinigt: Neben Fleisch- und Wollgewinnung sowie Küstenschutz hat sie auch touristische Gesichtspunkte zu bieten und liefert den Gästen schöne Fotomotive.
Auf einer Deichlänge von 22,5 Kilometern leben zur Zeit etwas mehr als 1100 Mutterschafe sowie deren Nachkommen. Einer der 13 Föhrer Deichschäfer, die vom Land Schleswig-Holstein ihre Abschnitte gepachtet haben, ist Christian Lorenzen aus Oldsum. Gemeinsam mit Karl-Oluf Roeloffs, Jan-Erik Jensen und Eike Knudtsen bildet er eine Grasgemeinschaft, die ihre Tiere gemeinsam hält und betreut. Knapp 64 Hektar umfasst das Gebiet, auf dem die rund 300 Schafe der Gemeinschaft unterwegs sind. Die Vier sind auch die einzigen Deichschäfer, die noch ein kleines Stück Vorland nutzen dürfen. Die restlichen Vorlandflächen sind als Schutzzonen des Nationalparks Wattenmeer von jeder Nutzung ausgenommen.
Ab 15. März dürfen die wolligen Rasenmäher und ihr Nachwuchs auf die Salzwiesen am Deich. Dort bleiben sie während des Sommers und des Herbstes, um danach auf Weiden hinter dem Deich zum Grasen gebracht zu werden. Die zunehmende Zahl an Gänsen in der Föhrer Marsch macht sich auch für die Schäfer bemerkbar. „Unser Gras reicht nicht mehr so lange wie früher, und wir müssen manchmal zwei bis drei



Monate lang zufüttern und die Tiere in den Stall holen.“ Zur Lammzeit, bei Christian Lorenzen überwiegend im Februar, werden die Mutterschafe auf jeden Fall unter Dach gehalten. Damit hat der Landwirt eine bessere Übersicht über die Geburten und kann im Notfall rasch eingreifen.
Die Föhrer Deichschafe sind überwiegend Vertreter der Rasse Texel, die als Fleischschaf anerkannt ist. „Wir betreiben hier aber keine Reinzucht“, ist von Christian Lorenzen zu erfahren. Vielmehr werden manchmal auch andere Nutzrassen eingekreuzt, wobei vor allem Wert auf die Fruchtbarkeit der Tiere gelegt wird.
Die Föhrer Deichschafe verbringen ein gesundes und natürliches Leben. Sie ernähren sich ausschließlich vom Gras der Salzwiesen und bekommen allenfalls ein klein wenig Schrot zu fressen, wenn der Schäfer sie in eine bestimmte Richtung locken will. Mit den Landwirten haben die Tiere relativ wenig Kontakt. Lediglich bei der Klauenpflege im Herbst, beim Waschen gegen Parasiten und bei der Schur lässt sich die Begegnung mit den Menschen nicht vermeiden. Auch auf der Patientenliste der insularen Tierärzte tauchen die Föhrer Deichschafe nicht allzu häufig auf. Die natürliche Schafhaltung wirkt sich auch positiv aufs Lammfleisch aus. Die jungen Tiere werden geschlachtet, wenn sie ein Gewicht von etwa 40 Kilogramm erreicht haben. Zwar werden die meisten Lämmer nicht auf der Insel geschlachtet, weil hier die nötige Infrastruktur nicht mehr zur Verfügung steht, aber echtes Föhrer Deichlamm ist dennoch zu erhalten.
Zwar ist die Schafhaltung im Sommer wenig aufwändig, aber dennoch ist eine regelmäßige Kontrolle notwendig. Christian Lorenzen profitiert davon, dass diese Überwachung abwechselnd von den vier Gemeinschaftsmitgliedern übernommen wird. Sie erkennen ihre Schafe an der speziellen Kennzeichnung, wobei Lorenzen beobachtet, dass sich die Herden der einzelnen Landwirte kaum vermischen, sondern so wie im Winter zusammenbleiben.
Dass auch die Touristen ein aufmerksames Auge auf die Deichbewohner haben, bekommen die Schafhalter immer wieder zu spüren. Bemerken die Spaziergänger nämlich ein lahmendes Tier oder ein Schaf, das auf dem Rücken liegt, alarmieren sie zumeist die Polizei. Einerseits ist Lorenzen für die Aufmerksamkeit dankbar, hilft sie doch bei wirklichen Notfällen. Er gibt aber auch zu bedenken, dass man nicht gleich den Notarzt ruft, wenn ein Mensch hinkt. Außerdem ist den Schafen, die auf dem Rücken liegen leicht zu helfen – auch ohne Spezialkenntnis. Eine Hebelbewegung am Schaf oder etwas Zug an den Beinen reicht aus, um die Notsituation zu beheben.

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erstellt am 09.Sep.2016 | 20:42 Uhr

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