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Insel-Bote

23. März 2017 | 11:33 Uhr

Interview : „Wir bauen eine Brücke zwischen den Kulturen“

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Hafedh Ben Mansour ist Integrationsbeauftragter des Amtes Föhr-Amrum. Er spricht über seine Arbeit auf den Inseln, das Ankommen in einer fremden Kultur und Flüchtlingspolitik im Allgemeinen.

Bereits als Abiturient hatte Hafedh Ben Mansour den Traum, dort hinzugehen, wo Vorbilder wie Freud und Karl Marx einst studierten. Nach einem Jurastudium in Tunesien und einer kurzen Zeit in Frankreich studierte er schließlich in Hannover Politik- und Sprachwissenschaften. Seit 25 Jahren lebt der Tunesier in Deutschland, hat mittlerweile auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Seit einem Jahr ist er der Integrationsbeauftragte des Amtes Föhr-Amrum.

Sie sind vor 25 Jahren – zwar nicht als Flüchtling – aber auch als Fremder nach Deutschland gekommen. Was hat sich am Integrationsprozess seitdem verändert, ist es leichter oder schwieriger geworden?
Damals war es unkomplizierter. Es gab nicht so viele bürokratischen Hindernisse. Aber damals war man auch auf sich alleine gestellt.
In einer Großstadt wie Hannover leben die Flüchtlinge auch heute noch anonymer – das Fremdheitsgefühl ist stärker. Hier auf der Insel werden die Flüchtlinge „verwöhnt“. Die Bereitschaft der Insulaner zu helfen ist auf allen Ebenen da: Alltag, Leben, Wohnen. Die Wohnungssuche ist das einzig schwierige, ansonsten bekommen sie hier alles.

Momentan gibt es 117 Flüchtlinge auf Föhr und Amrum. Sie haben alle eine Unterkunft und sind weitestgehend versorgt. Wie geht es jetzt weiter?
Am Anfang stand der ganze bürokratische Kram an: Wohnungen organisieren, Anträge ausfüllen und so weiter. Danach – dachten wir – wird es weniger. Aber im Gegenteil, der schwierige Teil fängt jetzt erst an. Anfangs war klar, was gemacht werden musste. Nun müssen wir selbst kreativ werden. Die Flüchtlinge sind jetzt angekommen, sie haben das Trauma der Flucht zum größten Teil verarbeitet. Ich sage immer gerne: Sie sind jetzt ausgeschlafen und schauen sich nun um, wo sie eigentlich gelandet sind. Diesen Moment müssen wir nutzen, um sie in die Gesellschaft zu integrieren.

Integration – was bedeutet das eigentlich und warum ist es so wichtig für die Flüchtlingspolitik?
Die Integration ist sehr wichtig, damit die Neuankömmlinge nicht auf schlechte Gedanken kommen. Je mehr Arbeit, Sprache und soziale Kontakte sie haben, desto geringer ist die Gefahr, dass sie von Extremisten manipuliert werden können. Es wäre schrecklich, wenn die deutsche Gastfreundschaft mit etwas Bösem bestraft würde.

Was sehen sie als größtes Hindernis der Integration?
Der Unterschied der Kulturen ist doch sehr groß. Die Flüchtlinge haben Schwierigkeiten mit dem Alltag und der Mentalität. Pünktlichkeit, Ordnung und Seriosität kennen sie aus ihrer Heimat kaum. Sie kommen aus einer lockeren Kultur. Hier sind die Menschen zielstrebig, schnell und es gibt sehr viel Papierkram. Ich hoffe, dass sie es schnell lernen. Ein paar haben sich bereits einen Ordner angelegt, in dem sie ihre Papiere ordentlich in Folien abheften.

Wir bauen eine Brücke zwischen den beiden Kulturen. Das ist der schwierigste und zeitaufwendigste Teil. Es wird nicht von heute auf morgen geschehen, es ist ein Lernprozess.

Wie lange dauert ein solcher Integrationsprozess? Können die kulturellen Unterschiede komplett überwunden werden?

Es dauert lange. Es gibt so viel zu lernen. Es fängt bei alltäglichen Dingen an. Bereits der Anblick eines Paares, das im Café sitzt und sich öffentlich küsst, kann schon befremdlich sein. Aber auch Gegenstände, die man in der alten Heimat nicht gebraucht hat. Ich vergesse immer noch regelmäßig meine Handschuhe oder den Kalender.

Wie haben sie aus der Sicht eines Politologen die letzten Jahre hinsichtlich der Flüchtlingskrise erlebt und wie wird sich die Lage weiterentwickeln?
Das Flüchtlingsphänomen gab es auch schon vor dieser Welle. Es wurde nur nicht so stark thematisiert. Es wird auch nicht weniger werden. Es gibt so viele Länder und Heimaten, die zerstört worden sind und nicht von jetzt auf gleich wieder aufgebaut werden können. Steinmeier hat gesagt: „Deutschland ist ein Anker der Hoffnung.“ Ich würde dem hinzufügen „aber kein Hafen“. Wenn alle hier stehen bleiben, kann Deutschland auch nicht mehr helfen. Zunächst muss das mit dem Krieg aufhören. Die Menschen sollten hierher kommen, Bildung und alles bekommen für eine begrenzte Zeit. Aber mit der Absicht, eines Tages zurückzukehren. Allerdings können sie nicht zu Ruinen zurückkehren.

Deshalb sollte sich Europa zum Ziel setzen, zielstrebig, zuverlässig und vertrauenswürdig direkt in die Basis zu investieren. Das Geld muss sinnvoll eingesetzt werden, um das Problem der Arbeitslosigkeit und Armut vor Ort zu bekämpfen.

Im vergangenen Herbst und Winter wurde die Angst vor Attentaten in Deutschland und Europa geschürt. Wie haben die Flüchtlinge auf der Insel diese gesellschaftliche Entwicklung wahrgenommen?

Natürlich haben sie das mitbekommen. Sie verfolgen auch viel das Geschehen in den Medien. Besonders das Attentat in Berlin hat sie schwer getroffen. Sie wurden so herzlich in Deutschland aufgenommen und dann bestraft ein Attentäter diese Hilfsbereitschaft. Bei den Neuankömmlingen entstehen Befürchtungen, dass sie irgendwann doch wieder gehen müssen.

Ich lebe seit 25 Jahren in diesem Land und habe in dieser Zeit das Vertrauen der Menschen gewonnen und Vorurteile abgebaut. Dann kommt ein anderer Tunesier und zerstört mit einer Aktion diese langjährige Beziehung wieder. Das hat mich schwer getroffen. Wir – Deutsche und Tunesier – wollen nun daran arbeiten, diese Beziehung zu reparieren.

Nach ihrem Studium haben Sie sich sowohl als Politologe beworben, als auch hier auf Föhr als Integrationsbeauftragter. Warum haben Sie sich für die Insel entschieden?
Ich habe mich zum einen für die Integrationsarbeit entschieden, um mehr mit Menschen zu kommunizieren. Zudem war es schon immer mein Traum, am Meer zu leben. In Tunesien haben wir mitten in der Wüste gewohnt, da hat man sich das Meer herbeigesehnt. Im Sommer sind wir manchmal auf eine Insel zum Campen gefahren.

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erstellt am 16.Mär.2017 | 12:30 Uhr

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