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Insel-Bote

08. Dezember 2016 | 15:22 Uhr

Inselklinik auf Föhr : Wie unsicher war der Kreißsaal?

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Teile des Gutachtens, das zur Schließung der Wyker Geburtshilfeabteilung führte, liegen nun vor. Die Bürgerinitiative übt Kritik.

Geradezu flehentlich klangen immer wieder die Bitten der Insulaner, die sich mit der Schließung der Föhrer Geburtshilfestation nicht abfinden wollten, an Landrat Dieter Harrsen, das Gutachten, mit dem dieser das Aus für den Wyker Kreißsaal begründet hat, öffentlich zu machen. Denn, so war ihre Hoffnung, vielleicht könnte sich einiges, was die Gutachter bemängelt haben, mit gemeinsamer Anstrengung und überschaubaren finanziellen Mitteln abstellen lassen.

Nun liegt das Gutachten, das Harrsen – der sich dabei stets auf den Datenschutz berief – immer noch unter Verschluss halten wollte, unserer Redaktion in Auszügen vor. Am 3. September 2014 hatten zwei externe Gutachter die Geburtshilfeabteilung des Wyker Krankenhauses unter die Lupe genommen – genau ein Jahr später hat die Klinikleitung wegen Sicherheitsmängeln und eines angeblich zu großen Haftungsrisikos die Schließung verfügt.

Die beiden Gutachter bemerkten den ersten Mangel bereits, bevor sie die Klinik erreicht hatten: „Eine innerörtliche Ausschilderung zum Krankenhaus ist nicht vorhanden, der Weg vom Fährenanleger dorthin wurde erfragt.“ Die beiden Fachleute müssen durch die Stöpe Richtung Strandpromenade abgebogen sein, sonst hätten sie die Schilder, die an allen Einfahrten zur Stadt – außer der aus Richtung Golfplatz – stehen, nicht übersehen können.

Weitere Kritikpunkte, die die Gutachter bemerkten, waren organisatorische Abläufe im Kreißsaal, etwa, dass im Notfall benötigte Instrumente und Medikamente zwar vorhanden, aber nicht als Set zusammengepackt waren und im Kreißsaal Hinweisschilder für das Vorgehen bei Komplikationen fehlen würden. Gerade darüber hatte sich eine der beiden Föhrer Hebammen bereits unmittelbar nach dem Besuch der Gutachter aufgeregt: „Ich arbeite seit Jahrzehnten in der Geburtshilfe und weiß, was zu tun ist. Anstatt erst eine Gebrauchsanweisung zu lesen, handele ich sofort“, hat sie damals erklärt, und dass solche Anweisungen vor allem in großen Kliniken sinnvoll seien, in denen immer wieder junge Assistenzärzte plötzlich allein vor Situationen stünden, mit denen sie zuvor nie konfrontiert waren.

Handlungsanweisungen lassen sich aufhängen und Notfallsets packen, doch was ist mit der Reanimationseinheit, in der Kinder in Notfällen versorgt werden können? Sie sei nicht betriebsbereit gewesen, bemängeln die Gutachter. „Nicht betriebsbereit, weil sie nicht eingeschaltet war“, kommentierte Gynäkologe Dr. Thomas Hölter jetzt auf Nachfragen des Insel-Boten diesen Kritikpunkt. Um das Wärmebettchen aufzuheizen, hätte man nur einen Knopf drücken müssen, so Hölter.

Hebammen und Gynäkologe hätten keine spezielle Fortbildung in der Notfallversorgung problematischer Neugeborener, bemängeln die Gutachter außerdem. Und sie sehen ein weiteres Problem darin, dass nicht überprüfbar gewesen sei, ob in der Wyker Klinik ein Notkaiserschnitt innerhalb der geforderten zwanzig Minuten durchgeführt werden könne. Das „erscheint bei dieser Personalstärke, zudem im Rufdienst, mehr als fraglich“, konstatieren die Gutachter – offenbar in Unkenntnis darüber, dass die beiden Gynäkologen und eine Hebamme auch von Zuhause aus in knapp fünf Minuten in der Klinik sein können. Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, könnte die Klinikleitung bei Bereitschaftsdiensten außerdem eine Präsenzpflicht anordnen, merkt Hölter dazu an.

Bleibt der ganz große Risikofaktor der Erreichbarkeit der Insel. Diese sei an 70 Tagen im Jahr nicht gegeben, an denen selbst der Rettungshubschrauber witterungsbedingt Föhr nicht mehr ansteuern könne, heißt es in dem Gutachten. An solchen Tagen sei die Inselklinik für längere Zeiträume auf ihre eigenen Ressourcen angewiesen, „die definitiv die Handhabung komplexer geburtshilflicher Notfälle nicht, oder nur sehr eingeschränkt“ erlaubten. „Auch schlechtes Wetter fällt nicht vom Himmel“, ist Thomas Hölter davon überzeugt, dass man für solche Situationen einiges vorausplanen könne, etwa indem man bei vorhergesagten Unwettern zusätzliche Blutkonserven einlagere, die ja auch benötigt werden könnten, wenn sich Feuerwehrleute im Einsatz verletzten.

„Während kleine, häufig vorkommende Komplikationen mit den vorhandenen Ressourcen möglicherweise noch sicher gehandhabt werden können, ist es nur eine Frage der Zeit, wann statistisch gesichert auftretende Zwischenfälle die Leistungsfähigkeit der Abteilung bei Weitem überschreiten. Die Patientensicherheit wird zwar suggeriert, ist jedoch unter den vorgefundenen Bedingungen nicht gegeben ... Das Haftungsrisiko ist als ausgesprochen hoch einzustufen“, lautet ein Fazit der Gutachter.

„Wenn Geburten in der Wyker Klinik tatsächlich so gefährlich gewesen wären, wie behauptet, hätte die Klinikleitung den Kreißsaal unmittelbar nach Vorlage des Gutachtens schließen müssen und nicht erst ein Jahr später“, glaubt Hölter, dass diese Entscheidung eigentlich aus wirtschaftlichen Gründen gefallen sei.

Und die Initiatoren des Bürgerbegehrens „Zukunft. Grundversorgung Nordfriesland“, das sich für den Erhalt der Kliniken und Geburtsstationen einsetzt, sehen sich durch dieses Gutachten in ihrem Anliegen sogar bestärkt. „Wenn unzureichende Beschilderungen, das Abschalten eines aktuell nicht benötigten Apparates, fehlende schriftliche Anweisungen sowie nicht dauerhaft vorgehaltene Gerätesets dem Kreistag als Gründe für die Schließung ausreichen, dann kann mit dieser Argumentation jederzeit jede Klinik in Nordfriesland abgewickelt werden“, fürchtet der Sylter Lasse Lorenzen. Und der Wyker Markus Herpich meint: „Landrat Harrsen hat gerade kürzlich im Fernsehen mitgeteilt, es hätte den Föhrern nichts geholfen, das Gutachten zu kennen. Betrachte ich nun die aufgeführten Kritikpunkte, hätten wir viele davon in Eigenleistung abstellen können“.

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erstellt am 05.Nov.2016 | 09:30 Uhr

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