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Insel-Bote

11. Dezember 2016 | 05:16 Uhr

Schleswig-Holsten Musik Festival 2016 : Wenn die Flöte singt

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Dorothee Oberlinger gilt als eine der besten Blockflötistinnen der Welt. Mit ihrem Ensemble 1700 kommt sie nach Föhr.

Dorothee Oberlinger gilt als eine der besten Blockflötistinnen der Welt. Sie zeigt, wie vielseitig die als pädagogisches Instrument verschrieene Blockflöte ist und spielt sowohl klassische Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert als auch zeitgenössische Kompositionen. Mit ihrem „Ensemble 1700“ kommt die dreifache Echo-Klassik-Preisträgerin nun zum Schleswig-Holstein Musik Festival und entführt morgen, Mittwoch, das Publikum in der Nieblumer St.-Johannis-Kirche mit italienischer Barockmusik an die Höfe der weitverzweigten Grafenfamilie Morzin. Andreas Guballa hat mit der Musikerin gesprochen.

Frau Oberlinger, die Blockflöte ist eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit – schon in der Steinzeit wurden Flöteninstrumente gespielt. Ärgert es Sie, dass die Blockflöte heute nicht den gleichen Stellenwert hat wie andere Instrumente?Natürlich hat die Blockflöte nach wie vor durch ihren Einsatz als pädagogisches Instrument einen schlechten Ruf. Aber die Leute, die wissen, was es bedeutet, die Blockflöte als Konzertinstrument zu spielen, schätzen das. Dafür gibt es auch – wie für die Barockmusik überhaupt – mittlerweile wieder ein großes Fanpublikum.

Die Blütezeit der Blockflöte lag im Barock, wo die meisten Kompositionen entstanden. Welchen Stellenwert hatte das Instrument in dieser Zeit?
In der Barockzeit hat sich erst die solistische Kunst für Melodieinstrumente entwickelt. Hier spielt die Flöte – wie die Violine – eine große Rolle. Für die Flöte wurden Solokonzerte, Sonaten und Kammermusik geschrieben, sie wurde in Opern und Kantaten eingesetzt. Die Komponisten haben das Instrument als Effekt geliebt. Sie tritt auf, wenn in Vokalmusik von Tod oder Liebe die Rede ist. In der Sololiteratur ist sie auch ein Gesangsersatz, denn sie kann wunderbar singen, Kantilenen spielen und wie eine Diva auftreten. Auf der anderen Seite kann sie genauso virtuos und zupackend sein wie eine Geige. So kommt es auch, dass Geigenmusik oft für die Blockflöte umgearbeitet wurde. Aber es gibt auch sehr viel Originalliteratur, die diesem Instrument auf den Leib geschneidert ist. In der Folgezeit, in der Klassik und Romantik, ist die Flöte nicht ganz ausgestorben, aber die Blockflöte wie wir sie heute kennen, ist kaum mehr gespielt worden. Im Zuge der Alte-Musik-Bewegung in den 1950-er Jahren des 20. Jahrhunderts hat die Flöte eine Renaissance erfahren und man kann sie heute an allen Musikhochschulen als Konzertinstrument studieren.

Auch durch Sie hat die Flöte seit vielen Jahren wieder Hochkonjunktur bekommen. Was fasziniert Sie an diesem Instrument?
Es ist ein sehr direktes Instrument, bei dem kein Rohrblatt oder irgendetwas anderes zwischen dem Spieler und dem Instrument ist. Man kann den Ton selber wie ein Sänger formen und es reagiert direkt und sensibel auf den Spieler. Daher heißt das Instrument in Italien auch „flauto diritto“ – also direkte Flöte. Man kann quasi durch das Instrument sprechen. Das ist ein Fluch und ein Segen zugleich, weil jede Emotion und jeder Gemütszustand herauszuhören ist. Diese Sensibilität hat mich schon immer gereizt. Außerdem fasziniert mich, dass man so viele verschiedene Flöten spielen kann: ganz kleine, ganz große – jede hat ihren eigenen Charme und ihr eigenes Register wie bei einem Chor oder einer Orgel.

Gab es je ein anderes Instrument als Alternative?
In meinem Elternhaus haben wir sehr viel Musik gemacht. Meine Mutter ist Querflötistin und hat sich mit mir zusammen Blockflöte beigebracht. Ich habe sehr viele unterschiedliche Instrumente ausprobiert und übernehme die Erfahrungen damit auf mein Instrument. Manchmal stelle ich mir vor, ich streiche einen Ton oder singe hinein. Ich rate meinen Studenten auch immer, sich mit möglichst vielen Instrumenten auseinanderzusetzen, um dieses Gefühl zu kennen. Im späteren Zusammenspiel mit anderen Instrumenten ist das sehr hilfreich.

Sie sind dreifache Echo Klassik Preisträgerin. Wie wichtig ist so ein Preis für Sie und die Popularität Ihres Instruments?
Als ich 2008 das erste Mal den Echo bekommen habe, war ich sehr erstaunt, weil ich damit nicht gerechnet habe. Der Preis hat schon einen Schwung an Popularität gebracht und die Menschen haben die Blockflöte als wunderbares Konzert- und Soloinstrument wahrgenommen. Das freut mich natürlich sehr.

In Ihren SHMF-Konzerten entführen Sie das Publikum an die Höfe der weitverzweigten Grafenfamilie Morzin nach Prag. Was dürfen die Besucher erwarten?
Graf Wenzel von Morzin war ein großer Verfechter und Liebhaber italienischer Musik. Antonio Vivaldi hat ihm seine „Vier Jahreszeiten“ gewidmet und deswegen darf diese Komposition in dem Programm nicht fehlen. In seinem Stadtpalast in Prag unterhielt Morzin ein kleines Orchester, zu dessen Mitgliedern auch Johann Friedrich Fasch und František Jiránek gehörten. Jiránek, der Sohn einer Bediensteten und vermutlich ein unehelicher Sohn des Grafen, wurde sehr gefördert und von seinem Dienstherren nach Venedig geschickt, um die italienische Musik zu studieren. Er kehrte dann nach Prag zurück und hat für Morzin Konzerte geschrieben, unter anderem ein Traversflötenkonzert, das zu hören sein wird.
Ein späterer Nachkomme von Morzin hat dann Joseph Haydn beschäftigt, der für den Grafen frühe Sinfonien komponiert hat, die er in der Folgezeit in Esterhazy für kleine Besetzung umarbeitete. Wir werden im Konzert Haydns spätere Streichquartett-Fassung präsentieren, wohl wissend, dass für Morzin das Werk als Sinfonie erklang. Um den italienischen Stil zu unterstreichen, gibt es ein weiteres Vivaldi-Konzert und ein Doppelkonzert für Traversflöte und Blockflöte von Telemann. Das Konzert wird also eine virtuose Zeitreise vom Barock zur Klassik mit den italienischen Einflüssen, die man am Hofe des Grafen Wenzel von Morzin so sehr liebte.

Sie kommen mit Ihrem 2002 gegründeten „Ensemble 1700“ nach Schleswig-Holstein. Was schätzen Sie an den Kollegen?
Das „Ensemble 1700“ ist ein Pool von Musikern, der sich je nach Projekt immer wieder neu zusammensetzt. Dadurch bekommt das Ensemble jedes Mal eine andere Ausrichtung. Auch wenn ich gern mit anderen Orchestern zusammenspiele, kann ich hier eigene Konzeptprogramme entwickeln, bei denen sich die Werke aufeinander beziehen, einen gemeinsamen Atem haben oder Kontrapunkte setzen. Wegen des Haydn-Schwerpunktes des SHMF bin ich auf Wenzel von Morzin gestoßen und so konnte dieses schöne Programm entstehen.

Interview: Andreas Guballa

 

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