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Insel-Bote

04. Dezember 2016 | 05:02 Uhr

Sylter Muscheln mit Zertifikat

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hörnumer Muscheln tragen ab sofort MSC-Gütesiegel – das sorgt für Freude bei Naturschützern und Kritik bei Muschelfischern

Sie säen, pflanzen und ernten auf ihren Feldern wie die Bauern auf dem Festland. Nur liegen die Felder der Brüder Pascal und Julien de Leeuw inmitten der Nordsee. Fast jeden Morgen fahren die beiden jungen Kapitäne vom Hörnumer Hafen aus zu ihren Miesmuschelanpflanzungen, die nur wenige Kilometer vor der Südspitze liegen. Erntezeit ist von Anfang Juli bis Mitte April. In der Hochsaison ziehen die Muschelfischer schon mal 100 Tonnen Meeresfrüchte an Bord der beiden Muschelkutter „Capella“ und „Siebennus Gerjets“.

Ebenso wie die anderen Muschelfischer, die vor Hörnum regelmäßig zu ihren Muschelbänken aufbrechen, dürfen Pascal und Julien ihre Ware jetzt mit dem blauen MSC-Gütesiegel für nachhaltige Fischerei auszeichnen. Schleswig-Holsteins Umwelt- und Fischereiminister Robert Habeck (Grüne) überreichte jetzt in Kiel das vom unabhängigen Marine Stewardship Council (MSC) vergebene Zertifikat an Peter Ewaldsen von der Erzeugerorganisation schleswig-holsteinischer Muschelfischer (wir berichteten).

Minister Habeck, die Muschelfischer und Umweltverbände lobten die Zertifizierung als positiven Schlusspunkt nach jahrelangem Streit. Die erst im Sommer 2015 im sogenannten Muschelfrieden vereinbarten Eckpunkte und die Verpflichtung, sie auch einzuhalten, waren die Voraussetzung für die Zertifizierung - zwei vorherige Anträge waren vom MSC abgelehnt worden. Auch mehrere Naturschutzverbände, darunter der World Wide Fund For Nature (WWF), tragen die gefundene Regelung für die Muschelfischer im Wattenmeer mit.

Das Fischereiministerium bewertete die Zertifizierung als „weiteren Meilenstein im Einigungsprozess zwischen Naturschützern und Wattenmeer-Fischerei“. Der erfolgreiche Dialog mit Hilfe einer Mediation könne Vorbild sein für andere Debatten, erklärte Habeck.

Auf seiner Sommerreise im vergangenen August ging der Minister an Bord von Muschelfischer Adrian Leuschel und machte sich vor Ort ein Bild von der Ernte der Muscheln vor Hörnum. Sein Eindruck damals: „Besser, als ich es erwartet hatte“, so Habeck gegenüber der Sylter Rundschau. Ihn freue die neueste Entwicklung, vor allem weil der Konflikt mit den Muschelfischern „einer der verhärtesten Konflikte“ in der schleswig-holsteinischen Fischereigeschichte gewesen wäre, so der Minister. Einer der Kernpunkte des Konflikts: Es sollten keine gebietsfremden Arten in ein Naturschutzgebiet wie das Wattenmeer gebracht werden. Die Muschelfischer brauchen aber kleine Besatzmuscheln, die sie meist aus der irischen See und aus Holland holen.

Der Muschelfrieden, der für Habeck als „einer der großen Meilensteine des Naturschutz“ bewertet wird, sieht unter anderem vor, dass die Kulturfläche, auf der die Muschelfischer wirtschaften, von 2000 Hektar auf 1700 Hektar reduziert wird. Davon dürfen bis zu 250 Hektar für Saatmuschelgewinnungsanlagen genutzt werden. Außerdem wird die Fischerei auf wild lebende junge Besatzmuscheln eingeschränkt.

Das MSC-Siegel ist die logische Weiterführung des Muschelfriedens. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein Gütesiegel für die Qualität der Muscheln, sondern dafür, dass nachhaltig gefischt werde, erklärt Habeck. Und dieses Kriterium sei für viele Verbraucher wichtig. In der Zukunft könnten Supermärkte Produkte ohne solches Label womöglich auslisten, so der Minister.

Peter Ewaldsen, Geschäftsführer der Erzeugerorganisation schleswig-holsteinischer Muschelzüchter, sieht das Siegel eher kritisch. Die Muschelfischer hätten große Zugeständnisse gemacht und freiwillig auf 25 Prozent ihrer Muschel-Kulturflächen verzichtet, erklärt er. „Für die Muschelfischer ist es eine echte Einschränkung und wir haben wesentliche Opfer bringen müssen. Wir sind aus dem Watttenmeer, abgesehen von einer kleine Fläche, weitestgehend vertrieben und das Restrisiko, dass wir auf dieser Fläche zurechtkommen, tragen wir alleine“, so Ewaldsen. Er betont außerdem, dass es sich bei dem MSC-Siegel keinesfalls um ein Label für Qualität handele: „Wir haben hier in Hörnum die besten Muscheln Europas. Sie werden über den holländischen Markt in alle Länder verteilt.“ Die Hörnumer Muschelfischer hätten nie Probleme gehabt, ihre Ware loszuwerden, allerdings wäre der Wunsch der Verbraucher nach einem Siegel so groß, dass sie sich den Anforderungen beugen müssten. „Es ist einfach ein Label für die Nachhaltigkeit, das entworfen wurde, um die Überfischung der Meere zu stoppen“, erklärt Ewaldsen. „Dieses Label wird heute in den Supermarktketten verlangt – und weil das für uns wichtig ist, haben wir uns bemüht, es zu bekommen.“

Hans-Ulrich Rösner vom WWF erklärt: „Auch wir haben das nicht ganz schmerzfrei unterschrieben.“ Darauf antwortet Vivien Kudelkas vom MSC Deutschland: „Wenn alle unzufrieden sind, wissen wir, es richtig gemacht zu haben“. Der MSC gelte weltweit als strengster Standard für nachhaltige Fischerei. Die Vereinbarung soll für die nächsten 15 Jahre Grundlage der Zusammenarbeit zwischen Muschelfischerei und Naturschutz sein. Dennoch zeigt sich auch Detlef Hansen von der Nationalparkverwaltung zufrieden: Nur noch zwölf Prozent des geschützten Wattenmeers seien für die Muschelfischer nutzbar; früher seien es etwa 50 Prozent gewesen.

Von der Arbeit der Muschelfischer können sich NDR-Zuschauer morgen Abend um 20.15 Uhr selbst ein Bild machen: Ein Jahr lang hat ein Kamerateam die beiden Muschelfischer Pascal und Julien de Leeuw vor Sylt begleitet, bei Hitze, Kälte, Sturm und Flaute. Die Reportage „die nordstory“ gibt einen Einblick in die Arbeit der Meeresbauern.


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erstellt am 27.Okt.2016 | 07:01 Uhr

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