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Insel-Bote

05. Dezember 2016 | 09:27 Uhr

Die Inselhelden auf Föhr berichten : So hartnäckig kämpft Renate Sieck um die Geburtshilfe auf der Insel

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Der Protest gegen das Aus für die Geburtshilfe auf Föhr will nicht verstummen. Inselheld Kiwit erklärt, worum es geht.

Wyk | Fünf Chefredakteure fünf deutscher Tageszeitungen schreiben eine Woche lang exklusiv für den Insel Boten! Wolfram Kiwit schreibt als erstes über den Geburtshilfe-Streit auf der Insel.

Wer sind die Inselhelden?

Vom 18. bis 24. Juli entern fünf Chefredakteure aus ganz Deutschland den Lokalteil des Insel-Boten auf Föhr. Die Inselhelden sind sh:z-Chefredakteur Stefan Hans Kläsener (unten links) und seine Kollegen (v.l.n.r) Michael Bröcker (Rheinische Post, oben),  Ralf Geisenhanslüke (Neue Osnabrücker Zeitung), Wolfram Kiwit (Ruhrnachrichten, unten) und Jost Lübben (Westfalenpost).

Es ist ein fremder Blick auf die Inseln, nicht der von eingesessenen Lokalreporterin wie Petra Kölschbach und Peter Schulze. Aber vielleicht ist es für die Leserinnen und Leser auch ganz erfrischend, mal den Blick eines Dortmunders, eines Düsseldorfers, eines Bremers auf unsere Inseln einzunehmen. Falls es den Insulanern nicht gefällt: Nach einer Woche ist der Spuk vorbei. Versprochen.

Wie dieses Projekt zustande kam, lesen Sie hier ausführlich.

Folgen Sie den Geschichten der fünf Chefredakteure auf dem Blog der Inselhelden, auf der Themenseite von shz.de, auf Twitter (#inselhelden) und auf der Facebookseite des Inselboten.

 

Wer als Fremder auf diese wunderschöne Insel kommt, merkt schnell, auch hier ist die Welt nicht nur schön. Das aktuelle Ärger- und Aufreger-Thema auf Amrum und Föhr hat mit dem Beginn des Lebens zu tun. Es geht um die im vergangenen Herbst beschlossene Schließung der Geburtshilfeabteilung am Wyker Krankenhaus.

Am Sonntag standen unübersehbar rund 2000 Menschen auf dem Rathausplatz und demonstrierten gegen die Schließung der Föhrer Geburtshilfestation. Wer hitzige und bisweilen gewaltvolle Demonstrationen aus Großstädten kennt, hätte dieses bunte Treiben mit Trachtenfrauen und viel Musik für einen leicht verregneten Folklore-Nachmittag halten können. Doch so friedlich die Insulaner, so ruhig der Grundton des Miteinanders auf der Insel, die Botschaft war deutlich: Die Menschen, nein, die Frauen, haben Angst, ihre Kinder fern der Familie mit einem 14-Tage-Sicherheitspuffer, untergebracht in einem anonymen Boardinghaus, auf dem Festland kriegen zu müssen. Das Leben soll in der Heimat beginnen, dort, wo das Leben spielt.

Vorwurf: Politischer Wille fehlt

Die Gründe für die Schließung der Geburtshilfe sind schnell erzählt. Am Ende geht es natürlich immer ums Geld. Ob nun Ärzte auf der Insel fehlen oder notwendigen Blutkonserven nicht immer frisch vorgehalten werden können oder das Haftungsrisiko aufgrund neuer medizinischer Standards zu groß ist, wäre der Kreißsaal politisch gewollt, wäre er auch möglich. So sieht das zumindest Renate Sieck (73), die Föhrerin mit dem Stirnband, die mir gleich am ersten Tag auf der Insel über den Weg lief. Von ihr kann man Föhr lernen. Mit zwei Mitstreitern hat sie die Demo organisiert und die Initiative „Inselgeburt Föhr – Amrum“ gegründet. Mit Jens Jacobsen und Fiede Amfaldern saß sie im Frühjahr dieses Jahres im Wrixumer Hof und sprach über den geschlossenen Kreißsaal. Es war die Keimzelle eines Bürgerprotestes. Jens sagte „Loot uns wat moken.“ Fiede: „Wi mööt wat doon.“ Renate Sieck: „Zwei Männer und Entbindungsstation. Dat geiht gor nich.“ Und so war die gelernte Kindergärtnerin von Anfang an dabei.

Renate Siecks Leben war immer politisch. „Ich muss was tun“, sagt sie. „Tante Renate“ nennen sie die meisten Menschen auf der Insel. Als Gründerin des Naturkindergartens an der „Schietkuhle“ im Wrixumer Wald hat sie viele, viele Insel-Kinder begleitet und aufwachsen sehen. „Natur, das ist mein Ding“, sagt sie. Für die Grünen saß sie ab 1995 acht Jahre im Magistrat. Im Jahr 2000 erfand sie für Kinder die Piratenfahrt und war acht Jahre als Oberpiratin mit der „Rüm Hart“ auf den Weltmeeren um Föhr unterwegs. Heute bekommen ihre Schützlinge selber Kinder. Seit Oktober 2015 nicht mehr auf der Insel.

Dass Landrat Dieter Harrsen (WG-NF), der auch Vorsitzender des Verwaltungsrates der Klinikum Nordfriesland gGmbH ist, nicht zum Aktionstag kam, fand sie enttäuschend. Dem Insel-Boten antwortet er gestern schriftlich auf unsere Fragen, warum er nicht vor Ort war und was er denn gesagt hätte: „Ich konnte aus privaten Gründen nicht teilnehmen, habe aber ohnehin den Eindruck, dass die Argumente zur Genüge ausgetauscht worden sind und mittlerweile mehr die Emotionen im Mittelpunkt stehen. Wäre ich gekommen, hätte ich die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) zitiert, die von Gerichten für die Beurteilung von Haftungsklagen herangezogen werden. Ich hätte zum wiederholten Male versucht, deutlich zu machen, dass es völlig ausgeschlossen ist, das nach diesen Leitlinien erforderliche Fachpersonal im Inselkrankenhaus adäquat zu beschäftigen und zu finanzieren – abgesehen davon, dass solche Spezialisten sich ohnehin kaum auf Arbeitsplätze in Wyk bewerben würden. Die Wyker Geburtenstation war bis zu ihrer Schließung die kleinste in ganz Deutschland.“

Gutachten unter Verschluss

Den Unmut der Bevölkerung kann er nachvollziehen: „Ich bin selbst Vater und weiß, wie hart es ist, auf eine Boarding-Lösung ausweichen zu müssen.“

Die Schließung des Kreißsaales wird immer wieder mit einem Gutachten begründet, das aber unter Verschluss gehalten wird. Warum eigentlich? Wäre es nicht besser, mit offenen Karten zu spielen, Transparenz zu schaffen? Landrat Dieter Harrsen schreibt dazu: „Das Gutachten enthält detaillierte Informationen bis hin zu Aussagen über einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die kein Arbeitgeber veröffentlichen würde.“ Für den Landrat ist die Schließung der Klinik-Geburtshilfe alternativlos. Für Renate Sieck nicht. „Wir beruhigen uns nicht“, sagt sie und: „Wir wollen nach Berlin.“

Jasmine Niessen (35) hat vor neun Wochen ihr drittes Kind bekommen. Mayleen. Auf dem Festland in Heide. Ihr Sohn Steven wird sechs Jahre alt und ist wie seine Schwester Cathleen (3) auf der Insel geboren. „Die Frauen sind verzweifelt“, sagt Jasmine Niessen: „Wir leben aus gutem Grund auf dieser Insel. Wir lieben Geborgenheit, Gemeinsamkeit – und nun beginnt das Leben für unsere Kinder außerhalb. Auch ohne die Familie, weil, wie soll das gehen?“ Werdende Mütter würden nicht mehr gefragt „Wie geht es dir?“, sagt die Föhrerin, sondern: „Wo gehst du hin?“

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erstellt am 18.Jul.2016 | 19:39 Uhr

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