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Insel-Bote

06. Dezember 2016 | 15:11 Uhr

Föhrer hilft Afrikanern : Rettungseinsatz vor der Küste Libyens

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Mathias Menge wohnt in Wrixum. Doch die meiste Zeit des Jahres verbringt er auf dem Mittelmeer. Der Insulaner arbeitet für eine Hilfsorganisation, die Flüchtlinge aus Seenot rettet.

„Es ist der helle Wahnsinn, mit welchen Booten minderer Qualität die Schleuser die Menschen auf das Mittelmeer treiben. Dabei wollten durchaus nicht alle auf diese Reise, sondern wurden geradezu von den Schleusern darauf geprügelt, die ihnen auch noch den letzten Cent abnehmen.“ Mathias Menge weiß, wovon er redet. Als Search- and Rescue (SAR)-Koordinator ist er an Bord der „MS Aquarius“ an vorderster Front, wenn es darum geht, Flüchtlinge zu retten, die von Libyen aus versuchen, über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen. Die „Aquarius“, früher unter dem Namen „Meerkatze“ als Fischereischutzboot unterwegs, ist seit Februar für die europäische Organisation zur Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer „SOS Mediterranee“ im Einsatz. Seitdem war die „Aquarius“ für über 2400 Flüchtlinge die Rettung aus Lebensgefahr. Die Zahl derer, die es nicht geschafft haben, kennt zwar niemand, doch kann man sie sich leicht ausmalen.

Mathias Menge ist nicht nur Einsatzleiter auf der „Aquarius“, sondern inzwischen auch Einwohner der Gemeinde Wrixum, wo er zwischen seinen Einsätzen im Mittelmeer bei seiner Frau Iris, einer Diplom-Restauratorin, Ruhe zu finden sucht. Es kamen einige Zufälle zusammen, bevor das Ehepaar Menge auf Föhr und Mathias Menge als Einsatzleiter auf der „Aquarius“ landete. Als neunjähriger Junge war er zur Kur auf der Insel gewesen, berichtet Menge, und er habe gute Erinnerungen an den Aufenthalt. Doch war dies noch kein Grund, über einen Umzug nachzudenken. Vielmehr absolvierte er eine Ausbildung zum Tischler und wurde auch Meister dieses Handwerks. Doch ein alter Kindheitstraum war, zur See zu fahren. So studierte Menge von 2004 bis 2008 Nautik, um dann als nautischer Wachoffizier unterwegs zu sein. Schließlich erwarb er auch noch das Kapitänspatent und war bis Ende 2015 als 1. Offizier auf einem Schwergutschiff unterwegs.

Die Menges waren in Berlin ansässig, und dort nahmen die Zufälle ihren Lauf. Der erste war ein Zeitungsbericht über den Verein „SOS Mediterrannee“, der im Mai 2015 von dem Kapitän und Historiker Klaus Vogel als zivile europäische Organisation zur Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer ins Leben gerufen worden ist. Klaus Vogel wollte die Augen nicht verschließen, sondern helfen. Er fand in ganz Europa Mitstreiter und gemeinsam schafften sie es, Geld aufzutreiben, ein Schiff zu chartern sowie Retter zu finden, um die Aktion zu starten.

„Als gute Seemannsfrau“, so Iris Menge, „habe ich die Informationen an Mathias weitergeleitet.“ Der war Feuer und Flamme, bot sich doch die Chance, den humanitären Einsatz mit der Seefahrt zu verbinden. Bei einem Treffen mit Klaus Vogel stellte Menge fest: „Die Chemie stimmt“. Er stieg ein und war mit dabei, als die „Aquarius“, ein 40 Jahre altes Schiff von der Lürssen-Werft in Bremen, Ende Februar von Bremerhaven über Marseille ins Mittelmeer überführt wurde.

Mathias Menge erlebte nicht nur beruflich, sondern auch privat eine Wendung: Das Ehepaar wollte an die Nordsee, wobei der genaue Standort nicht klar war. „Ich wollte das Licht am Meer“ schildert Iris Menge, die im Internet von Borkum bis Sylt auf Wohnungssuche ging. „Die Wohnung in Wrixum fiel uns geradezu vor die Füße“, denn die Beiden hatten nicht damit gerechnet, tatsächlich ein Domizil auf der Insel zu bekommen. Sie verließen Knall auf Fall Berlin, um Insulaner zu werden, was sie bisher nicht bereuten.

Auch wenn Mathias Menge auf der Insel ist, wird er nicht zum Privatier, was angesichts der Erlebnisse an Bord der „Aquarius“ wohl auch kaum möglich ist. Vielmehr verfolgt er eines der Ziele des Vereins, die Öffentlichkeit über die Lage der Flüchtlinge im Mittelmeer zu informieren. „Wir wollen Zeugnis vom Schicksal der Menschen ablegen und auch das Versagen der europäischen Staaten anklagen. Dabei erinnert er auch an die italienische Aktion „Mare Nostrum“, die beendet werden musste, weil sich die EU nicht zur finanziellen Hilfe bereitfand.

Als SAR-Koordinator, der die Verantwortung für die Rettungseinsätze trägt, ist Mathias Menge mitten im Geschehen. Normalerweise patroulliert die „Aquarius“ im notwendigen Abstand vor der libysche Küste, dem Ausgangspunkt der Flucht für Menschen überwiegend aus Eritrea, Sudan, Gambia und Nigeria. Es sind überwiegend Schwarzafrikaner, die nach Libyen kamen, um dort zu arbeiten. Diese Menschen, Frauen wie Männer, werden rassistisch verfolgt, gefoltert, wie Sklaven gehalten und sexuell missbraucht. „Wir haben es nicht nur einmal erlebt, dass einem kräftigen Mann ein Arm gebrochen wurde und er mit dieser unversorgten Wunde auf eines der Boote gebracht wurde. Die Menschen haben dort die Hölle erlebt“, so Menge, der es unglaublich findet, dass die Bundesregierung über einen ähnlichen Deal wie mit der Türkei nachdenkt. Die Menschen werden teilweise auch in Lagern gefangengehalten und gezwungen, von ihren Familien Geld einzufordern, um wieder heraus zu kommen.

Das Rettungsschiff ist mit der MRCC, der Rettungsleitstelle in Rom, in Kontakt, die die Rettungseinsätze koordiniert sowie die Orte festlegt, in denen die Flüchtlinge an Land gebracht werden. Trifft bei der „Aquarius“ eine Alarmierung ein, beginnt die Suche nach den Schiffbrüchigen. Dabei sind die nautisch-technische Besatzung der „Aquarius“ sowie ein acht-köpfiges Team der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die sich auch finanziell an dem Schiff beteiligt, unter Hochspannung. Die Suche nach den Booten der Flüchtlinge ist äußerst schwierig. Das Wetter ist durchaus nicht immer so gut, wie man es auf vielen Fotos vermuten kann und es kann mitten in der Aktion auch umschlagen. Nicht immer gelingt es dann, alle Bootsinsassen zu retten. Im Meer treibende Leichen sind Bilder, die man nicht so einfach verdrängen kann, weiß Menge.

Bevor die Schiffbrüchigen auf die Rettungsboote geholt werden können, werden sie mit Rettungswesten versorgt und dann an Bord der „Aquarius“ gebracht, wo maximal 500 Menschen kurzzeitig untergebracht werden können. An Bord des Schiffes stehen dann die Helfer für eine medizinische Erstversorgung der Menschen bereit. „Die meisten Flüchtlinge sind hochgradig traumatisiert“, ist von Menge zu erfahren, dessen Erzählungen albtraumartig anmuten. Es gibt auch erfreuliche Momente: Dazu gehörte die Geburt eines Kindes an Bord der „Aquarius“.

Der Verein „SOS Mediterranee“ ist total unabhängig von staatlichen Stellen und finanziert die Einsätze dank der finanziellen Hilfe von Awo international, den Ärzten ohne Grenzen und Spenden. Sie ist also auf Unterstützung von allen Hilfswilligen angewiesen, die sich im Internet unter www.sosmediterranee.org informieren können.

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erstellt am 09.Aug.2016 | 12:00 Uhr

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