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Insel-Bote

27. September 2016 | 22:39 Uhr

Wyker Krankenhaus : Kreißsaal geschlossen: Gynäkologen auf Föhr ziehen die Reißleine

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Der Kreißsaal auf Föhr ist ab Donnerstag aus Haftungsgründen geschlossen. Ein Gynäkologe warnt: Das Risiko für Schwangere und ihre Kinder steigt damit.

Wyk | Keine Stunde war es her, dass der Amtsausschuss einstimmig eine Resolution an den Kreistag verabschiedet hat, in der der Erhalt der Geburtshilfe am Wyker Krankenhaus gefordert und noch mal ausführlich auf die andernfalls erhöhten Risiken für Mütter und Kinder hingewiesen wird, da platzte die Bombe: Die Wyker Geburtshilfeabteilung wird nicht, wie von Klinik-Geschäftsführer Frank Pietrowski beschlossen, zum 1. Dezember eingestellt, sondern bereits am 1. Oktober. Das Wyker Gynäkologen-Ehepaar Engel/Hölter wird ab sofort keine Geburten mehr begleiten.

Ziemlich geknickt gab Dr. Thomas Hölter diese Entscheidung bekannt, die er und Juliane Engel hätten treffen müssen, weil ihnen nach den von Pietrowski öffentlich gemachten Gründen für die beabsichtigte Schließung des Kreißsaals ein unabsehbares Haftungsrisiko zugefallen sei, dass nicht nur versicherungs- sondern auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte. „Herr Pietrowski bringt uns in eine Situation, in der wir, wenn wir als Geburtshelfer tätig werden, und es passiert etwas, den Staatsanwalt am Hals haben“, so Hölter.

Die beiden Gynäkologen hatten sich nicht nur bei ihrer Versicherung erkundigt, sondern auch ein Rechtsgutachten eingeholt. Und in dem wird ihnen eindringlich geraten, nachdem Pietrowski Haftungsrisiken öffentlich benannt hatte, die Tätigkeit als Geburtshelfer am Wyker Krankenhaus umgehend einzustellen, es sei denn, die Klinik übernehme die Haftung. Ein Ansinnen, das der Klinik-Chef in einem Schreiben an Engel und Hölter am Dienstag klar abgelehnt hat. „Letztendlich kann es nur und muss es Ihre persönliche Entscheidung als Belegarzt/Belegärztin sein und bleiben, ob Sie dieses weiter bestehende Haftungsrisiko für die begrenzte Zeit bis zum 30.11.2015 mittragen. Der Klinikträger selbst kann Sie verständlicherweise nicht von dieser Haftung befreien“, heißt es darin.

Hölter hat dem Verwaltungschef deshalb am Mittwoch mitgeteilt, dass die Praxis Engel ihre geburtshilfliche Tätigkeit ab sofort einstellen wird. Eine Entscheidung, die nicht nur für die beiden Frauenärzte selbst bitter ist, sondern vor allem auch für die Insulanerinnen, die bereits in den nächsten Tagen Kinder zur Welt bringen werden und nun Hals über Kopf nach neuen Lösungen suchen müssen.

„Ich weiß mir keinen anderen Rat mehr, aus der Situation muss uns jemand raushelfen“, so Thomas Hölter, der gleichzeitig betont, dass die Praxis Engel jederzeit bereit wäre weiterzumachen, wenn die Haftungsfrage geklärt wäre.

Seit der Einrichtung der geburtshilflichen Abteilung am Wyker Krankenhaus hab es rund 1000 Geburten gegeben – und keinen Zwischenfall, betont der Gynäkologe, der überzeugt davon ist, dass das Risiko für schwangere Insulanerinnen und ihre Kinder durch eine Schließung des Kreißsaals deutlich steigen wird. „Wir kommen in eine Situation, die nicht mehr planbar ist. Jetzt wird es richtig gefährlich“, so Thomas Hölter. „Es ist jetzt nicht mehr die Frage, ob, sondern wann hier ein totes oder schwer behindertes Kind zur Welt kommt.“

Auf dieses erhöhte Risiko geht auch die Resolution an den Kreistag ein, die der Amtsausschuss gestern auf den Weg gebracht hat und die auch den Landtagsfraktionen, den für Föhr und Amrum zuständigen Landtags- und Bundestagsabgeordneten und dem Sozialministerium geschickt werden soll. Die Föhrer und Amrumer Politiker fordern den Kreistag darin auf, „aus strukturpolitischen Gründen seinen grundsätzlichen Willen zum Erhalt der Geburtstation der Inselklinik zu bekräftigen“. Außerdem verlangen sie eine Gesellschafterversammlung des Klinikum (der Kreistag ist der Gesellschafter) in dem diese den Geschäftsführer beauftragt, zeitnah ein nachhaltiges Konzept zur dauerhaften Sircherung der Geburtsstation vorzulegen und gegebenenfalls überprüfen zu lassen, ob die Inselsituation und die vorhandene 1:1-Betreuung von Schwangeren durch „ihre“ Hebamme aus medizinisch-fachlicher Sicht ein Abweichen von Richtlinien zulasse.

Weiter verlangen die Insulaner, dass die Station bis diese Fragen geklärt sind, in ihrem bisherigen Umfang weiter betrieben wird und der Kreis sich dazu bekennt, die Föhrer Geburtenstation „in 100-prozentiger Trägerschaft des Kreises zu erhalten und alles dazu notwendige zu tun“. Der Verabschiedung der Resolution war ein ebenfalls einstimmiger Grundsatzbeschluss vorausgegangen, in dem der Amtsausschuss sich ohne Wenn und Aber für einen Erhalt der Geburtshilfe auf Föhr aussprach.

Nachdem in der Amtsausschuss-Sitzung eine Woche zuvor vor allem besorgte und aufgebrachte Bürger zu Wort gekommen waren, nutzten jetzt Ausschuss-Mitglieder die Gelegenheit zu – ablehnenden – Stellungnahmen zu den Plänen des Kreises. „Wir sollten Landrat Dieter Harrsen wohl mal daran erinnern, dass auch Föhr und Amrum zum Kreis Nordfriesland gehören“, meinte Oldsums Bürgermeister Hark Riewerts. Die Geburtshilfe zu schließen ohne dass ein Notfallplan vorliege, sei unverantwortlich, ergänzte sein Nieblumer Kollege Friedrich Riewerts. „Es ist fatal, wie der Kreis mit uns umspringt, und wir stärken denen immer den Rücken“, schimpfte Amtsvorsteherin Heidi Braun, die sich ausdrücklich bei den vielen Insulanern bedankte, die vor einer Woche vor dem Amtsgebäude demonstriert und im Sitzungssaal ihre Sorgen geschildert hatten.

Die Kreistagsabgeordneten hätten von der Schließungsabsicht nichts gewusst, berichtete Wyks Bürgermeister Paul Raffelhüschen, sein Kreistagskollege Jürgen Jungclaus, der gleichzeitig dem Klinik-Aufsichtsrat angehört, betonte, dass dieses Gremium die Schließung nicht beschlossen habe. Es sei lediglich bei seiner Sitzung mit einer Tischvorlage über die Entscheidung des Klinik-Geschäftsführers informiert worden, so der Wittdüner Bürgermeister.

„Wir versuchen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Geburtshilfe zu erhalten“, betonte der Wyker SPD-Stadtverteter Peter Schaper. „Wir müssen eine ganz starke Front aufbauen“, ergänzte Jungclaus, „dazu ist die nächste Kreistagssitzung eine wichtige Plattform“. Vor allem müsse juristisch geklärt werden, ob eine so weit reichende Entscheidung nicht eigentlich nur von der Gesellschafterversammlung beschlossen werden dürfe, denn in dem Fall sei Pietrowskis Schließungs-Verfügung ungültig.

Erst nach dieser Sitzung erfuhr dann auch Heidi Braun von der neuesten Entwicklung. „Das ist eine Katastrophe, ich bin völlig sprachlos“, sagte sie im ersten Schock, um dann doch schnell wieder zu altem Kampfgeist zurückzufinden. „Wir arbeiten weiter an dem Thema und suchen eine Lösung“ kündigte sie an. Heute Vormittag werden Gynäkologen, Hebammen und der Verwaltungschef sich noch einmal zusammensetzen. Braun hofft, dass dann bereits ein Lösungsweg im Sinne der jungen Mütter auf den Inseln aufgezeigt werden kann. Hölter ist skeptisch.

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erstellt am 01.Okt.2015 | 05:45 Uhr

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