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Insel-Bote

07. Dezember 2016 | 21:22 Uhr

Kleine Insel, große Freiheit

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Wolfram Kiwit lies sich Amrum von Hans v. Dewall zeigen – eine Liebeserklärung in sechs Paketen

Amrum – dies ist die Insel der Entschleunigung. Hans v. Dewall kommt mit seiner Familie seit 30 Jahren im Sommer hierher. Er kommt aus Dortmund wie ich. Und zeigt mir seine Insel. In gut vorbereiteten Paketen. Maximal 20 Minuten pro Thema und Ort. Dazwischen Radfahren. Ich hinter dem 74-Jährigen. Der schnell fährt und viel klingelt. Die Menschen hier kennen ihn. Und grüßen freundlich. Hier kommt Amrum in sechs Paketen.


Wittdün + Touristik-Chef Der Hafenort Wittdün ist auf den ersten Blick erstaunlich unschön. Wir treffen Touristik-Chef Frank Timpe (50). Er verkauft Amrum. Gemeinsam und im Wettbewerb mit den Nachbarinseln. Hier ist das Schönste nicht der Blick nach Föhr. Hier ist Föhr ein Stück Marschland. „Das ist doch eigentlich Münsterland“, sagt Hans v. Dewall. Und Sylt sei eine Halbinsel und überhaupt habe man Sylt nicht nötig. „Amrum ist die größte und schönste Sandkiste Europas“, schwärmt Frank Timpe. 2350 Einwohner leben hier, 10 000 Gästebetten sind gerade voll belegt. Ab aufs Rad. Richtung Sand.


Sand + Weite Amrum ist überschaubar. Kleine Insel, große Freiheit. 20 Quadratkilometer ohne Kniepsand, der sich wie eine vorgelagerte Sandbank an die Insel schmiegt. 10 Quadratkilometer Kniep. Fast die Hälfte der Insel besteht aus Dünen. Der Strand von Nebel hat eine unvergleichliche Weite. Als stände man zwischen zwei Meeren. Nordsee und Sandmeer. Hans v. Dewall schwärmt von der Natur und der Fauna der Insel, zeichnet Umrisse mit der Sandale in den Sand. Ab aufs Rad. Richtung Museum.


Museum + Simon Ralf-Sigmar Simon (75) erwartet uns am Öömrang Hüs in Nebel. Der Radiologe aus Hannover lebt seit 2006 komplett auf der Insel. Und kümmert sich ehrenamtlich um das Heimatmuseum. Er weiß viel und redet schnell. Das historische Friesenhaus ist von 1683. Es hat einen klassischen Frontspieß, einen Giebel, der auch Rettungsspieß genannt wird und auf Befehl des dänischen Königs gebaut werden musste. Amrum war eine arme Insel. 1864 kamen die Preußen. Die Kommandeure. Später die Kurgäste. Das Haus erzählt viele Geschichten. Ralf-Sigmar Simon kennt sie alle. Er zeigt uns eine prächtige Friesentracht. Anderthalbstunde Ankleide mit Hilfe brauchten die Frauen, 110 Nadeln steckten dann im Tuch. „Auf Föhr hatten Sie immer noch einen Bommel mehr“, sagt er. 1873 wurde der Leuchtturm auf Amrum gebaut. Ein Desaster. Denn die Amrumer lebten gut von auf Sand gelaufenen Schiffen. Bis die Sylter kamen, waren die Amrumer Strandräuber schon weg. Ab aufs Rad.


St. Clemens + die Steine Das Schiff der Kirche St. Clemens in Nebel ist von 1236. Auch hier kennt sich Ehren-Historiker Simon bestens aus. Der Innenraum ist wundervoll. Besonders faszinierend sind aber die „sprechenden Steine“ draußen. Alte Grabsteine, die mit Bürgerhilfe wieder restauriert und neu aufgestellt wurden. Jeder Stein ist eine Lebensgeschichte. Auch meine beiden Begleiter haben geholfen und haben „ihre Steine“ auf dem Friedhof. „Ich wollte unbedingt einen mit Schiff“, sagt Hans v. Dewall. Und bekam ihn. Er hat ab 1776 am Grab von Rord Petersen gestanden. Bis ein preußischer Architekt die Steine abräumen ließ. Jetzt stehen sie wieder. Und sprechen von Menschen, die hier gelebt haben. Tempo. Aufs Rad. Von Nebel, ein Friesendorf wie gemalt, nach Norddorf.


Friesenkate + Heidrun Unser Ziel: Die Friesenkate im Letje Jaat (Kleiner Weg) von 1741. Denkmalgeschützt. Hier verbringen die Dewalls ihre Sommerurlaube. Seit 30 Jahren. Ehefrau Heidrun (68) empfängt uns mit Wasser. Endlich. Früher waren die drei Kinder in den Ferien dabei. Nächstes Jahr fährt Enkelin Amalia (3) mit. Das Haus gehört einer befreundeten Familie. Es ist durch und durch friesisch, liebevoll ohne Schnickschnack. „Wir brauchen hier nichts“, sagt Heidrun v. Dewall, „nur Windjacke und Badezeug“. Amrum ist Natur pur. Aufs Rad, zur Fähre nach Wittdün. Ich komme wieder. Mit Zeit. Denn Amrum ist ja die Insel der Entschleunigung.

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erstellt am 21.Jul.2016 | 22:40 Uhr

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