zur Navigation springen

Insel-Bote

11. Dezember 2016 | 09:14 Uhr

Amrum-Kultour 2016 : Kein Tag wie jeder andere

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Musik-Marathon: Auch bei der 15. Auflage begeisterten Bands wieder an fünf Spielorten in allen Gemeinden.

Eigentlich ist es so, dass alle Musiker den Tag über auf der Insel ausschwärmen, an schönen Orten spielen und Gäste sammeln, um dann abends in der „Blauen Maus“ noch einmal alles zu geben und eine tolle Riesen-„Kultour“-Sause auf die Bühnen zu bringen. So geschehen jetzt zum 15. Mal.

Steenoddes „Weltenbummler“, am Watt unterm weißen Sonnenzelt, hatte fast schon Hauskonzertcharakter. „Strand 33“ war Beachparty mit Zuhörern im Schwimmoutfit. Nebels „Strandpirat“ ist Hoch-die-Tassen, das schmucke „Dörnsk an Köögem“ hat ganz intime Gartenmusik zugelassen und „Pustekuchen“ in Wittdün bot den Rahmen für beste Straßenmusik. Fünf Gigs, fünf Orte, jeder spielt überall rund eine halbe Stunde, das macht für die Künstler zweieinhalb Stunden Konzert. Plus die Session in der „Blauen Maus“, einmal drinnen in kultiger Bar-Atmosphäre, einmal draußen unter Bäumen auf dem Gartenkutter. Sind insgesamt dreieinhalb Stunden Konzert, und dabei ist die (mögliche) Jam-Session zum Schluss noch nicht mal eingerechnet. Erst nach Mitternacht stellten die „Kult-Bands“ ihre Instrumente in die Bühnenecke und luden ihr Publikum ein, sich mit ihnen jetzt beim Bier zu treffen. Was für ein langer Tag für alle.

Es ist ein Glück, dass die Organisatoren der „Kultour“ mittlerweile ihre Künstler schon am Vorabend auf die Insel bitten können. Zum entspannteren Eingrooven. Dazu braucht es Unterkünfte, die im Juni und September so einfach nicht immer zu beschaffen sind. Gottseidank gibt es Unterstützer, die für die Bands einen Platz bereithalten. Weitere Unterkunftgeber würden übrigens freudig empfangen werden. Ist auch ganz schön, so zu helfen. Man kann ein bisschen backstage mit dabei sein. Und wer nie Roadie war in seinem früheren Leben, dem wird das gefallen. Genauso wie der private Fahrdienst. Der einen näher ran bringt an die zentralen Fragen während der Inseltour: Wie viele Steckdosen gibt es? Wie ist das Publikum? Kann man in Sachen Stimmung gleich mitten auf die Zwölf oder fangen wir ganz vorsichtig an?, wie es einer der Musiker formulierte. Und weil wir eben doch nie Roadies waren in unserem früheren Leben, genießen wir es, den Mikrofonständer oder Gitarrenverstärker durch die wartenden Fans zu tragen.

Die Band-Mischung war gelungen. Erstmals dabei war die pop-soulige Miu mit Bandkollege Joscha. Die 29-Jährige aus Hamburg hat gerade ihre erste CD herausgebracht und mit ihrer Stimme viel Raum eingenommen. Liedermacher, Schauspieler und Amrumer Jochen Klüßendorf, sonst mit seiner Countrybeat-Band „GUT“ unterwegs, war jetzt auf Solotour. Den Mann findet man sommers am Strand in Nebel als Surflehrer und – gelungene Mischung – im Winter in seinem Obst- und Gemüseladen auf Hamburg-St. Pauli. „Crazy Horst“ – Georg Dittmar und Philipp Mayer – machen Straßenmusik für drinnen und sammeln wirklich schöne, seltene Texte, die an einem Durchschnittsmenschenleben oft komplett vorbeigehen. Allen voran das Trinklied mit dem Text von Erich Mühsam von 1904. Wunderschöne Texte zum Mitdenken. Ist ein Genuss. Mit Kontrabass, Gitarre, Mandoline, Ukulele und Mundharmonika.

Alte „Kultour“-Zeiten bespricht man auch am besten mit ihm, Georg Dittmar, der mit Phil schon bei der Ur-„Kultour“ dabei war im September 2008. Als einzige Band, mit eigenem Tour-Shirt und acht ganz malerischen Spielstationen: darunter der Heimatlosenfriedhof, das alte Badekabinenhaus in Norddorf und – Achtung – die Altglascontainer in Süddorf und Nebel.

„LabCows“, das Bluesrock-Trio aus Hamburg, hat auch bei seinem zweiten „Kultour“-Auftritt eine tolle Show abgeliefert – von eigenen Songs bis Jethro Tull. Ebenfalls auf der Bühne: das Duo „HeyTwoNight“ mit Reiner Jodorf und Michael Marquardt. Zwei, die alles spielen, was mit den Sixties zu tun hat. Und sich derart selbst auf den Arm nehmen, dass sogar Jürgen Drews’ Bett im Kornfeld so klang, dass man beide dafür auf keinen Fall ins Watt schicken mochte.

Bei Jan und Barbara von der Weppen in der „Blauen Maus“ war die ganze Zeit über so was wie das Basecamp für alle. Da gabs am Kultourtag Frühstück mit Gruppenfoto. Und Abendessen, bevor die Gäste kamen. Ganz tolle Gastgeber. Und die Gäste – über 200, volles Haus – hatten Musik, wo immer sie waren: draußen, drinnen; ein ganz intimes, kleines Festival, was auch Zeit ließ, mit den Musikern zu reden. Und einige gabs, die sich wieder an ihren Roadie-Traum erinnerten und spontan Mitglied im gemeinnützigen Amrumer „Kultour“-Verein wurden.

Bei der abschließenden Jam-Session reichten den Profis kleinste Blicke und kürzeste Ansagen. Sätze, wie „Ist in C-Dur und auf deutsch“ war Abstimmung genug, um alle auf beziehungsweise aus der Spur zu bringen. Denn das letzte Lied dieser „Kultour“ ging so: Und diese Maja / die ich meine / die heißt Biene. Es war eine super Stimmung bis tief in die Nacht.

Noch drei aufmunternde Sätze zu den Wohnungen, die immer so dringend benötigt werden: Niemand braucht Angst zu haben, dass aufgedrehte Stars unter Drogen nachts Amrumschaf auf dem wertvollen Teppich grillen. Sie sind alle erschöpft von dem wunderbaren Tag. Wie zu hören war, wurde höchstens noch mal eine Partie Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. Und sich dann im Schrankbett weggeklappt.

Infos für alle Roadies: www.kultour-amrum.de.

zur Startseite

von
erstellt am 13.Sep.2016 | 12:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen