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Insel-Bote

11. Dezember 2016 | 15:01 Uhr

Wattenmeer : Gegen alle Stürme gewappnet sein

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Dem Wasser mehr Raum bieten: Kartsen Reise informiert über unkonventionelle Ideen für den Küstenschutz in Zeiten des Klimawandels.

„Kurswechsel Küste – Was tun, wenn die Nordsee steigt?“ Mit dieser Frage befasste sich Professor Karsten Reise bei einer Veranstaltung des Föhrer Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in Wyk. Dabei stellte der langjährige Leiter der Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung Lösungen vor, die teilweise recht ungewöhnlich klingen, und vielleicht auch nicht alle umzusetzen sind, aber auf jeden Fall wert sind, darüber nachzudenken.

Reise ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass die durch die Menschen verursachte Erderwärmung einen Anstieg des Meeresspiegels zur Folge hat.
In der Vergangenheit bestand der Küstenschutz aus Deichbau und dem Trockenlegen des Landes dahinter. Für die Wattenmeerregion und die Nordseeküste bedeutet das, dass viele Gebiete hinter den Deichen teilweise unter dem Meeresniveau liegen, was bei einem Deichbruch zu einer Katastrophe führen könne, zumal auch die Häuser nicht mehr auf Erhöhungen gebaut werden. Früher lag die Marsch höher, informierte Reise, doch mit der Entwässerung ab der 1960-er Jahre sei das Land immer mehr abgesackt. Als warnendes Beispiel nannte er die Entwicklung an der Elbe: „Es ist nicht klar, ob das gut geht, wenn die Deiche immer höher gebaut werden und die Elbe immer tiefer ausgebaggert wird“.

„Abzuwarten, was der Meeresanstieg bringt, geht nicht“, befand der Wissenschaftler, denn Maßnahmen dagegen würden auf jeden Fall notwendig und dann noch teurer ausfallen. Nachdrücklich lobte er die Wattenmeer-Strategie 2100 des Landes Schleswig-Holstein. Sie bedeute einen gewaltigen Schritt und bewirke ein Abrücken von den Bemühungen zur reinen Hochwasser-Abwehr. Die könne nämlich auf Dauer als Schutz vor dem ansteigenden Meeresspiegel nicht ausreichen. Steigender Wasserstand könne im schlimmsten Fall dazu führen, dass Wattflächen und Salzwiesen unter dem Wasser verschwinden. Diese Bereiche würden dann förmlich ertrinken. Es gelte nun, den Wattenbereich mit dem Meer zu wachsen zu lassen, was an manchen Küsten der Fall sei, wo bei Überflutungen auf dem flachen Land Sinkstoffe abgelagert werden.

„Steigendes Meer und sinkendes Land sind nicht nachhaltig“, so Reise, der eine Kooperation des Menschen mit dem Meer forderte und eine Streuung der Risiken, zum Beispiel durch den Bau von Warften und von Pfahlbauten vorschlug. Es sei notwendig, dem Wasser mehr Raum zu bieten, und es unter anderem bei Flut durch die Deiche zu lassen. Könne das Meereswasser in das Land, habe es dort die Möglichkeit, die Sinkstoffe abzulagern. Die Holländer sind nach der Feststellung des Wissenschaftlers hier schon einen ganzen Schritt weiter und experimentieren unter anderem mit schwimmenden Gewächshäusern. Man müsse mit der Entwässerung aufhören, denn auch mit einer Sumpflandschaft lasse sich Geld verdienen. Eine Möglichkeit wäre der Anbau von Lotus oder auch die Nutzung von Aquakultur.

Es gibt viele Ideen, wie man sich an die Entwicklung anpassen könnte. Für die Insel Föhr schlug Karsten Reise beispielsweise die Öffnung des Laglumsiels und die Erstellung einer zweiten Deichlinie in der Marsch vor. Auf diese Weise könne ein Teil der Insel eine Pufferfunktion für steigendes Wasser übernehmen.

Es dürfe jedoch nicht mehr lange nur bei den Ideen bleiben, wolle man erreichen, dass sich spätere Generationen nicht in einer Festung hinter dem Meer verbarrikadieren müssen, sondern mit dem Meer leben können. „Das steigende Wasser muss nicht nur eine Bedrohung sein, sondern bietet auch Chancen für ein besseres Küstenleben“, ist Reise überzeugt.



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erstellt am 29.Sep.2016 | 12:30 Uhr

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