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Insel-Bote

04. Dezember 2016 | 07:10 Uhr

Auf Föhr : Geburtshilfe bleibt Thema

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Auch ein Jahr nach der Schließung des Wyker Kreißsaals flauen die Proteste nicht ab. Heute findet um 12 Uhr eine Kundgebung vor dem Amtsgebäude statt.

Genau ein Jahr ist seit der Schließung der Geburtshilfeabteilung im Wyker Krankenhaus vergangen – doch die Proteste flauen nicht ab. Nach dem großen Aktionstag im Juli, zu dem gut 2000 Insulaner auf dem Rathausplatz zusammenkamen, soll es zum heutigen Jahrestag dort um 12 Uhr eine Kundgebung geben – und die Veranstalter von der Initiative Inselgeburt Föhr-Amrum hoffen auf ähnlich viele Mitstreiter wie im Sommer. Denn nach wie vor haben viele Föhrer die Hoffnung nicht aufgegeben, dass irgendwann auf ihrer Insel doch wieder ganz offiziell Geburten stattfinden können.

Nicht nur demonstriert wurde in den zurückliegenden zwölf Monaten, es gab auch immer wieder Gespräche – in verschiedenen Gremien und mit unterschiedlichen Teilnehmern. Doch bewegt hat sich nicht viel. Der Klinikträger bleibt dabei, dass es auf Föhr keine Geburten mehr geben wird, Akteure vor Ort hoffen weiter, eine praktikable Lösung im Sinne der Insulanerinnen finden zu können.

Rückblende: Mitte September 2015 hatte das Klinikum Nordfriesland, zudem das Wyker Krankenhaus gehört, die Schließung der Föhrer Geburtshilfestation zum 1. Dezember angekündigt und dies mit in einem Gutachten festgestellten Sicherheitsmängeln begründet, die ein erhöhtes Haftungsrisiko bedeuteten. Zwei Wochen später gab es eine erste große Demonstration auf dem Rathausplatz. Am 30. September verabschiedete der Föhr-Amrumer Amtsausschuss eine einstimmige Resolution an den Kreistag, die Geburtshilfe auf Föhr zu erhalten, doch da war es schon zu spät. Denn zeitgleich zogen die Föhrer Gynäkologen die Reißleine und stellten ihre geburtshilfliche Tätigkeit zum 1. Oktober ein – schweren Herzens, wie sie betonten, doch nach der Veröffentlichung angeblicher Risiken „hätten wir den Staatsanwalt am Hals, wenn etwas passieren sollte“, so Dr. Thomas Hölter damals.

Frauenärzte und Inselhebammen betreuen seither die jungen Mütter von Föhr und Amrum vor und nach der Geburt, zur Entbindung aber müssen die Frauen aufs Festland – und um auf Nummer sicher zu gehen eigentlich schon 14 Tage vorher in einem Boardinghaus in Flensburg oder Husum Quartier beziehen. Eigentlich, denn viele Mütter wollen oder können nicht so frühzeitig die Insel verlassen, brechen erst auf den letzten Drücker auf – beim Aktionstag im Juli gab es berührende Berichte von Frauen, die Geburtsumstände erlebten, die man so niemandem wünschen würde.

„Keiner ahnt, wieviele Tränen wir trocknen mussten“, sagt Hebamme Kerstin Lauterberg und berichtet außerdem, dass sich nun viel mehr Frauen für eine Geburtseinleitung oder einen geplanten Kaiserschnitt entscheiden würden. „Ich versuche, die Frauen stark zu machen, ihnen die Angst zu nehmen und beobachte sie jetzt noch genauer, um sie so spät wie möglich auf die Reise zu schicken“, geht ihre Kollegin Kirsten Rickmers mit der – wie sie betont – absolut unbefriedigenden Situation um.

Doch was, wenn Mütter nicht mehr rechtzeitig zum Festland gebracht werden können – so wie Sarah Jensen, die, weil ihre sechsjährige Tochter krank war, im Januar wartete bis die Wehen einsetzten und dann in Wyk einen gesunden Sohn, Joui, zur Welt brachte? Ein tragfähiges Notfallkonzept, wie es den Insulanern vor einem Jahr versprochen worden war, gebe es noch immer nicht, sagt Frauenärztin Juliane Engel. „Es gibt eine Abmachung, dass die Hebammen dem Rettungsdienst helfen und eine Abmachung, dass die Gynäkologen angerufen werden können“, berichtet sie. Doch es sei völlig unklar, ob dann der ja in der Klinik noch vorhandene Kreißsaal benutzt werden dürfe.

„Es gibt keinen Kreißsaal mehr“, sagt dazu Klinik-Geschäftsführer Christian von der Becke, der erst seit dem Sommer im Amt ist und die „Baustelle“ Föhr von seinem Vorgänger Frank Pietrowski geerbt hat. „Der Kreißsaal existiert nicht mehr und wird auch nicht benötigt, für einen Notfall brauchen wir keinen Kreißsaal, sondern einen Operationsraum“.

Von der Becke erteilt damit auch Überlegungen eine klare Absage, den Raum, der noch vor gar nicht langer Zeit vom Krankenhausförderverein mit modernen Geräten ausgestattet worden war, an Hebammen zu vermieten, damit diese dort ein Geburtshaus betreiben können. „Die Wahrnehmung wäre dann immer, dass die Geburt im Krankenhaus stattfindet und das geht nicht“, so von der Becke. Doch was wird dann mit der Ausstattung des „nicht mehr existierenden“ Kreißsaals? „Die hat uns der Förderverein geschenkt und damit gehört die dem Klinikum“, sagt der neue Klinikchef und ruft damit den zweiten Vorsitzenden des Vereins, Erk Roeloffs auf den Plan. „In den Statuten ist klar geregelt, dass Dinge, die wir für die Klinik anschaffen, auf den Inseln bleiben und dort benutzt werden“, erklärt er.

Ein Nebenkriegsschauplatz in einer Geschichte, in der seit einem Jahr an vielen verschiedenen Fronten gestritten wird. So fordern viele Insulaner noch immer eine Veröffentlichung des Gutachtens, mit dem seinerzeit Frank Pietrowski und der Klinik-Aufsichtsratsvorsitzende, Landrat Dieter Harrsen, die Kreißsaal-Schließung begründet hatten. Herausrücken will von der Becke dieses Gutachten auch nicht („da kann ich nicht über meinen obersten Dienstherrn hinweggehen“), erklärt aber, dass der wesentliche Punkt darin sei, dass die Klinik nicht über ausreichende personelle Ressourcen verfüge, um jederzeit sichere Geburten gewährleisten zu können.

„Der Kreis hat die Gründe für die Schließung vor einiger Zeit ins Internet gestellt“, teilte dessen Pressesprecher Hans-Martin Slopianka gestern folgende Web-Adresse mit: www.nordfriesland.de/geburtshilfe. „Dort steht zum Beispiel, dass nicht das Gutachten, sondern die Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) die Ursache für die Schließung des Kreißsaales waren. Das Gutachten wies nur darauf hin, dass diese Kriterien auf Föhr nicht erfüllt werden“, so Slopianka.

Von der Becke betont derweil, dass er „für jede Art des Dialogs zur Verfügung“ stehe und bringt eine weitere Variante für künftige Inselgeburten ins Gespräch: Hausgeburten, bei denen dann im Notfall natürlich das Krankenhaus zur Verfügung stünde.

Eine kleine Chance scheint es also doch noch zu geben, dass Joui Jensen nicht das letzte echte Inselkind ist.


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erstellt am 01.Okt.2016 | 09:30 Uhr

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