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Insel-Bote

02. Dezember 2016 | 19:15 Uhr

Immobilienmarkt auf Föhr : Fünf Zimmer, Seeblick, sauteuer

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Der Immobilienmarkt boomt auf den Inseln. Die Preise sind in zehn Jahren zum Teil um 50 Prozent gestiegen - der Rekord liegt bei 11.000 Euro pro Quadratmeter.

Wyk | Es herrscht Goldgräberstimmung auf dem Immobilienmarkt auf Föhr und Amrum. Schweizer, Österreicher, sogar Russen interessieren sich für ein Häuschen. Und immer mehr Sylter. Die Preise steigen.

Andreas Rechert kann sich seine Kunden aussuchen. Den Interessenten aus Russland neulich wollte er nicht. „Ich habe Russen im Urlaub erlebt, ich möchte eigentlich nicht, dass die sich auf unserer Insel einkaufen“, sagt der Vertriebsleiter des Immobilienbüros Densch & Schmidt. Den Emissär eines russischen Investors, der sich bei Rechert nach Ferienwohnungen in der Amrumer Strandresidenz erkundigte, ließ er abblitzen. Die Exposées blieben in der Schublade. Rechert verkaufte an Kunden aus Deutschland. Davon gibt es derzeit ja reichlich.

Wer sind die Inselhelden?

Vom 18. bis 24. Juli entern fünf Chefredakteure aus ganz Deutschland den Lokalteil des Insel-Boten auf Föhr. Die Inselhelden sind sh:z-Chefredakteur Stefan Hans Kläsener (unten links) und seine Kollegen (v.l.n.r) Michael Bröcker (Rheinische Post, oben),  Ralf Geisenhanslüke (Neue Osnabrücker Zeitung), Wolfram Kiwit (Ruhrnachrichten, unten) und Jost Lübben (Westfalenpost).

Es ist ein fremder Blick auf die Inseln, nicht der von eingesessenen Lokalreporterin wie Petra Kölschbach und Peter Schulze. Aber vielleicht ist es für die Leserinnen und Leser auch ganz erfrischend, mal den Blick eines Dortmunders, eines Düsseldorfers, eines Bremers auf unsere Inseln einzunehmen. Falls es den Insulanern nicht gefällt: Nach einer Woche ist der Spuk vorbei. Versprochen.

Wie dieses Projekt zustande kam, lesen Sie hier ausführlich.

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Die kleine Episode ist nicht repräsentativ, ein Ansturm der Russen auf die beiden Nordseeinseln ist nicht wirklich in Sicht, doch steht die illustre Anfrage für einen Trend, der den Maklern auf Amrum und Föhr seit einigen Jahren prächtige Geschäfte beschert. Die Nachfrage nach Immobilien steigt unaufhaltsam. „Manches erinnert mich an den Goldrausch aus der New Economy Zeit 2001/2002“, sagt Rechert, der seit 1989 auf der Insel lebt. Damals zur Jahrtausendwende hatten sich viele Internet-Millionäre ihr Häuschen auf einer Nordsee-Insel gegönnt, sich in der Wirtschaftskrise 2007 aber wieder zurückgezogen. Die Preise gingen danach zurück. Heute sind sie erneut auf dem Niveau von damals. Eine Steigerung von 25 bis 50 Prozent in zehn Jahren, hat Rechert für Spitzenlagen beobachtet. Ein Haus mit Seeblick auf Föhr kostet derzeit locker 5000 bis 7000 Euro pro Quadratmeter.

Auf die Frage, ob er nicht doch noch irgendwo ein kleines Häuschen für 400.000 bis 450.000 Euro im Angebot habe, lächelt Rechert. „Da bekommen sie nur noch komplett sanierungsbedürftige Objekte.“ Der Boom hat viele Gründe. Die niedrigen Zinsen, die den Deutschen alternative Anlagen vermiesen und zugleich das Fundament für eine günstige Hausfinanzierung bieten. Und die Ruhe, das Naturerlebnis, das Föhr und Amrum immer schon zu bieten hatten. Das aber gewinne an Stellenwert in Zeiten, in denen Terror, Krisen und Unsicherheit dominieren,

„Hier können die Kinder problemlos abends alleine nach Hause gehen“, sagt Thomas Müller vom Maklerbüro Engel & Völkers, einem der großen Büros für die edleren Unterkünfte. Im Schaufenster hängt ein Bild von einer reetgedeckten Villa im Grünen. Kein direkter Seeblick. 82 Quadratmeter Wohnfläche. Kaufpreis: 565.000 Euro. Und daneben ein kleines rotes Schild: verkauft. Sogar von Sylt kommen inzwischen verstärkt Interessenten, beobachten die Experten. „Vielen Sylt-Fans ist ihre Insel inzwischen zu rummelig“, sagt Werner Prill, Makler aus Niebüll und mit seinen 67 Jahren einer der Erfahrensten in der Branche. Föhr sei „Entschleunigung pur“. Das habe sich inzwischen auch auf der Promi-Insel im Norden herumgesprochen.

Und auf ihren Lieblingssport müssen die Sylter nicht verzichten. Der 2009 erweiterte Golfplatz auf Föhr gehört heute zu den schönsten im Norden Deutschlands. Für die meisten Käufer ist die Immobilie auf Föhr aber vor allem eine Finanzanlage mit einer Prise Nostalgie. „Die meisten Interessenten waren selbst früher glückliche Urlauber auf Föhr“, sagt Thomas Müller. Die hohen Preise ziehen weitere Immobilienexperten auf die Insel. Vor ein paar Wochen eröffnete das Immobilienbüro Von Poll sein Büro an der Mittelstraße in Wyk. „Wir sind hier, um uns zu etablieren“, sagt Geschäftsstellenleiter Dirk Jensen selbstbewusst. Auf Föhr und Amrum bieten nun 21 Immobilienmakler etwa 60 Häuser und Wohnungen an. So etwas darf man wohl getrost verschärften Wettbewerb nennen.

Was die Makler freut, hat eine Kehrseite für die dauerhaften Bewohner. Die Preise für viele Waren sind durch die Insellage ohnehin hoch. Nun sinkt auch die Aussicht auf bezahlbares Immobilieneigentum. „Mit einem Handwerkerlohn kann hier keiner ein Haus kaufen“, sagt Wyks Bürgermeister Paul Raffelhüschen. Die Stadt versucht gegenzusteuern, kauft Grundstücke auf und überlässt sie per Erbpacht den Insulanern. Zuletzt wurden 28 Häuser nördlich des Kortdeelsweg in städtischer Trägerschaft gebaut, exklusiv für Föhrer und mit drei Euro pro Jahr pro Quadratmeter im Vergleich zu den Ferienimmobilien geradezu ein Schnäppchen. Die Einfamilienhäuser werden in Erbpacht bevorzugt an Familien verkauft.

So will die Stadt die demografischen Probleme abmildern. Schon heute ist jeder zehnte Insulaner älter als 75 Jahre, mehr als in der Kurstadt Baden-Baden. Und die Abwanderung der jungen Leute wegen fehlender Ausbildungsmöglichkeiten und attraktiver Jobs bleibt weiterhin das große Problem der Insel. Trotzdem weiß auch Raffelhüschen, dass die Stadt den Markt nicht aufhalten kann. „Wir können die Schraube nicht zurückdrehen.“ Und die Insulaner, das würde Raffelhüschen natürlich so nie sagen, verhalten sich bei dem Thema schizophren. Sie beklagen die Invasion der Festländer, verkaufen das eigene Häuschen aber dann doch, wenn nur der Preis stimmt. Und manchmal sind sie gar die Preistreiber. Neulich verkaufte Engel & Völkers in Wyk eine Dachgeschosswohnung mit Seeblick für 11.000 Euro pro Quadratmeter – ein Rekordwert. Der Käufer: Ein alteingesessener Insulaner, der sein Geld mit dem Tourismus gemacht hat.

Von Sylter Verhältnissen ist Föhr aber noch ein Stück entfernt, betonen die Immobilienexperten. Es gelte immer noch die Regel: Im Vergleich zu Sylt bekomme man auf Föhr „für das halbe Geld das doppelte Haus“, sagt Müller. Außerdem habe Föhr natürliche Hemmnisse im Vergleich zu Sylt. Es fehle der direkte Zugang zum Festland, das Gastronomieangebot, das glamouröse Image. „Ein Düsseldorfer kauft kein Haus auf Föhr“, sagt Müller und lacht. Auf Sylt seien heute knapp 70 Prozent der Immobilien Ferienhäuser, auf Föhr und Amrum erst 40 Prozent. Der Trend ist dennoch da. Eine Geschichte erzählt man sich in den Maklerbüros derzeit gerne. Neulich habe erstmals eine Schweizer Dame eine Immobilie aus dem Katalog gekauft. Unbesehen.

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erstellt am 20.Jul.2016 | 12:18 Uhr

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