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Insel-Bote

04. Dezember 2016 | 19:24 Uhr

auf dem Wyker Rathausplatz : Flammender Protest und ganz viel Kultur

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Rund 2000 Insulaner demonstrieren gegen die Kreißsaal-Schließung. Katja Ebstein und „Stanfour“ unterstützen den Aktionstag.

Katja Ebstein konnte wegen eines Auftritts im Elsass nicht dabei sein, übernahm aber die Schirmherrschaft über den Protesttag gegen die Schließung der Föhrer Gebursthilfestation, der gestern auf dem Rathausplatz stattfand. Die bekannte Sängerin mit Zweitwohnsitz auf Amrum schickte eine flammende Solidaritätsadresse nach Föhr.

International sind sie längst erfolgreich, ihre Föhrer Wurzeln haben die Rethwisch-Brüder der Gruppe „Stanfour“ aber nicht vergessen. Und so war es für Alex und Konstantin Ehrensache, am Aktionstag dabei zu sein, Kontantin mit einigen Liedern auf der Bühne, Alex als Tontechniker. „Bis auf Alex sind unsere Kinder alle im Wyker Kreißsaal zur Welt gekommen“, berichtete Mutter Doris Rethwisch am Rande des Auftritts ihrer Sprösslinge. „Es ist uns eine Herzensangelegenheit, hier zu sein“, betonte Konstantin.

Ebstein und „Stanfour“ waren die prominentesten Unterstützer des Anliegens, den seit dem 1. Oktober geschlossenen Kreißsaal im Wyker Krankenhaus wieder zu eröffnen. Ein Anliegen, für das sich gestern rund 2000 Menschen auf dem Rathausplatz und nahezu alle, die in der Föhrer Kulturszene Rang und Namen haben, auf der Bühne stark machten. Und nicht nur Föhrer hatten sich eingefunden. Hildegard und Sieghard Schmantek von der Initiative zum Erhalt des Niebüller Krankenhauses waren mit Protestplakaten auf die Insel gekommen und vereinbarten mit den Aktiven der Initiative Inselgeburt, künftig eng zusammenzuarbeiten. Viele Inselgäste kamen, zum Teil im Schlepptau von Trachtenfrauen und Musikfreunden Osterlandföhr, die vor Beginn der Veranstaltung vom Sandwalll zum Rathausplatz marschiert waren.

Viele blieben bis zum Schluss der dreistündigen Veranstaltung, in der es neben jeder Menge Musik und einigen Politikerstatements auch berührende Berichte von jungen Müttern gab. Frauen, die, als sie schwanger wurden, noch davon ausgegangen waren, dass sie ihre Kinder im Wyker Krankenhaus zur Welt bringen würden und dann von der Kreißsaal-Schließung kalt erwischt wurden. Jetzt sollten sie die Insel, ihre Familien und – was von allen Rednerinnen als besonders belastend geschildert wurde – bereits vorhandene Kinder 14 Tage vor dem Geburtstermin verlassen, sich in unpersönlichen Boardinghäusern einquartieren und ihre Babys ohne die Unterstützung der Menschen, die ihnen nahestehen, zur Welt bringen. Viele Frauen konnten nicht rechtzeitig zum Festland fahren, weil ihre Kinder krank waren oder nicht untergebracht werden konnten, dramatische Situationen waren so programmiert. Eindrucksvoll zeigte das eine große Tafel, die neben der Bühne aufgebaut war und auf der alle Insel-Kinder, die seit dem 1. Oktober 2015 zur Welt kamen, und die Umstände ihrer Geburt aufgeführt waren. 41 Geburten gab es seither, 14 Mal mussten in dieser Zeit Frauen ausgeflogen werden und/oder einen Notkaiserschnitt über sich ergehen lassen.

Zu den Rednern, die sich in ihren Beiträgen mit dem Anliegen, den Kreißsaal wieder zu eröffnen, solidarisierten, zählten der SPD-Bundestagsabgeordnete Matthias Ilgen, Martje Thiesen von der Kreistagsfraktion der Grünen, die Landesvorsitzende des Hebammenverbandes, Margret Salzmann, und Dunsums Bürgermeister Erk Hemsen, der in einer flammenden Rede an friesische Protesttradition und daran erinnerte, wie einst Frauen mit heißer Grütze Feinde vertrieben haben. „Diesen Frauen sind alle, die hier in der Politik tätig sind, jetzt etwas schuldig“, sagte er unter dem Beifall der Zuhörer.

Beifall gab es natürlich auch für alle, die dafür sorgten, dass die Protestveranstaltung zugleich ein fröhlicher Kulturnachmittag wurde, an dem so viele insulare Gruppen zusammen kamen, wie nur selten zuvor. Da traten junge Frauen mit vorgeschnallten Bäuchen in einem Sketch auf und es wurde ein Band mit Aussagen von kleinen Inselkindern vorgespielt, die sich ihre eigenen Gedanken zur Kreißsaal-Schließung gemacht hatten. Das A-capella „Quintettt ohne fünf“, die Tidenhup-Band, die Band „Cruisin for Bruisin“ und die aus Utersum stammende Folk-Baltica-Sängerin Keike Faltings mit ihrer friesischen Gruppe „Kalüün“ musizierten, die Kinder des „Circus Mytilus“ und die Hiphop-AG der Eilun-Feer-Skuul zeigten Ausschnitte aus ihrem aktuellen Programm, die beiden kleinen Rapper Tom und Nico sangen einen Protest-Song von Renate Sieck, die Oevenum-Midlumer Trachtengruppe tanzte und der Männergesangverein Föhr-West und die „Feer Ladies“ trugen gemeinsam den Gefangenenchor aus der Oper „Nabucco“ vor. Sie alle unterstützten damit das Anliegen der Initiative Inselgeburt. Die hatte übrigens auch Landrat Dieter Harrsen eingeladen, der als Aufsichtsratsvorsitzender des nordfriesischen Klinkums mitverantwortlich für die Schließung des Föhrer Kreißsaals ist. Doch der habe auf die Einladung noch nicht einmal reagiert, hieß es von Mitgliedern der Initiative.

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erstellt am 18.Jul.2016 | 06:30 Uhr

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