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Insel-Bote

05. Dezember 2016 | 01:30 Uhr

In Wyk : „Eine Bibliothek ist kein Buchlager“

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Ludger Bült-Albers ist seit Mai Leiter der Stadtbücherei. Er berichtet über seine Vorstellungen und gibt Lesetipps.

„Das Schild hängt schief“, sagt der Bücherei-Chef und lacht. Ludger Bült-Albers will nicht dastehen wie ein Pedant, deshalb hat er es nur ganz leise zum Handwerker gesagt. Ansonsten ist er zufrieden mit dem runderneuerten Gesicht der Stadtbücherei: klare Ausschilderung, weniger Kleinklein, neuer Internet-Auftritt, neues Signet und das neue Schild mit den Öffnungszeiten.

„Das Thema der nächsten zwei Jahren ist Veränderung“, sagt der neue Leiter der Stadtbücherei in Wyk. Bült-Albers ist zwar schon seit Mai im Amt, aber bisher war einfach keine Zeit für ein Gespräch. Bevor der 58-Jährige nach Föhr kam, war er kurze Zeit in Stralsund und davor lange Bibliotheksleiter in Lindau. Für seine beiden Jungs war die Kindheit am Bodensee ein Traum. Wyk hat er sich erstmal angeguckt und dem romantischen Inselgefühl nachgespürt, was man als Festländer so im Kopf hat. Er fühlt sich wohl und schätzt das Direkte. „Ich habe hier einen klaren Versorgungsauftrag.“ Man sei schnell miteinander im Gespräch, und man könne nicht ausweichen, sagt er. Sie sind zu viert in der Stadtbücherei und sehen sich als Team. Und gucken auch gemeinsam, wie andere Bibliotheken so funktionieren.

„Wir brauchen hier mehr Licht“, sagt Bült-Albers. „Wir sind einfach zu dunkel.“ Energisch pest er durch sein Reich: 18  000 Bücher und 3000 DVDs, Hörbücher und TV-Spiele drängen sich auf 200 Quadratmetern. In jedem Winkel hängt ein Regal, auf jeder Fensterbank steht eine Bücherbox. Rund 100  000 Ausleihen zählen sie pro Jahr. Rein statistisch wäre damit jedes Medium fünf Mal im Jahr unterwegs. Stimmt so natürlich nicht. Es gibt auch Ladenhüter. „Die fliegen dann irgendwann raus“, sagt der Bibliothekar. Ansonsten aber gilt: „Wir haben hier ein Vollsortiment, also alles vom Bilderbuch bis zum Steuer-Ratgeber.“ Durch den Verbund mit dem Bibliothekssystem Schleswig-Holstein sind Neuerscheinungen binnen zwei Wochen auch in Wyk. 26  000 Euro hat er im Jahr für Ankäufe zur Verfügung; das Geld kommt vom Kreis, der Stadt und dem Büchereiverein Schleswig-Holstein. Für Wyk ergab das in diesem Jahr 2350 Neuzugänge. Manchmal geht der Chef auch selbst einkaufen. „Cornelia Funkes zweiten Band vom Drachenreiter habe ich vorhin drüben in der Buchhandlung für uns gekauft.“

Natürlich ist die Bücherei auch ein wichtiger Standortfaktor für den Tourismus. In den Sommermonaten verdreifacht sich die Zahl der Besucher. Darunter zahlreiche Stammgäste. „Das hat mich total erstaunt, es war ja mein erster Sommer. Da kommen Urlauber mit ihren Enkeln, die kamen schon vor dreißig Jahren mit ihren Kindern.“ Ohne Bücher in den Urlaub zu fahren, spart Gepäck. Zudem kann man online den Bestand bequem von zu Hause aus checken und weiß, ob das Lieblingsbuch vorrätig ist. Drei Wochen darf man es dann ausleihen. Zeitschriften und DVDs nur eine Woche.

Tourismus hin oder her, Bült-Albers sieht auch die Insulaner. Der Unterschied zwischen Winter- und Sommeröffnung äußert sich lediglich in der Stunde von 17 bis 18 Uhr. „Man muss kontinuierlich angebotsorientiert was vorlegen, sonst wird es keine Reaktion geben, sonst schafft man keine Nachfrage“, ist er überzeugt. Für die Grundschüler nebenan ist die Bücherhalle ein Segen, für Alleinerziehende und Menschen mit wenig Geld auch; ganz abgesehen davon, dass Bücher eigentlich für jeden ein Segen sein können.

„Für mich waren sie das immer“, sagt Bült-Albers mit Blick zurück: Sechs Geschwister, kleines Dorf Nordhorn im Südwesten Niedersachsens. Arbeiterkinder – ohne Geld, aber mit Liebe groß gezogen. Vorleseeltern. Neugier und Fantasie treiben ihn früh in die große Welt: in die Bücherei von Nordhorn. Lehre zum Industriekaufmann, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Das prägt – und öffnet den Blick. Für seinen Zivildienst bei Aktion Sühnezeichen arbeitet er in mehreren KZ-Gedenkstätten, auch in Auschwitz. Es folgt ein Studium der Bibliothekswissenschaften in Berlin. Er hat sich für Patientenbibliotheken in Krankenhäusern stark gemacht, nach dem er selbst eine aufgebaut hatte. Die soziale Komponente in seinem Job ist ihm enorm wichtig. Das tut einer Bücherei mit Sicherheit gut. Deshalb wünscht er sich auch offenere Räume. Nicht alles so dicht an dicht. „Eine Bibliothek ist kein Buchlager“, sagt er. „Wir wollen unsere Schätze doch präsentieren.“

Für 2017 hat er – neben mehr Licht – ein Gerät zum Selbstverbuchen auf der Agenda. Wer sich dann – frei raus – zu Themen wie Ehekrise, Hämorrhoiden, Brustkrebs und erstem Sex informieren will, der kann seine Bücher selbst scannen und muss an der Ausleihe nicht das blöde Gefühl haben, dass morgen die ganze Insel weiß, was einen gerade wild beschäftigt. Ebenfalls neu wird die Software, damit der Suchkatalog eine moderne Oberfläche bekommt. Die Stadt unterstützt ihn maßgeblich. „Bisher wurden meine Pläne sehr offen aufgenommen. Die Bereitschaft, etwas zu ändern, ist groß.“


Vier aus 21  000: die Lesetipps vom Chef persönlich:



1. Krimi: Dennis Lehane, Am Ende einer Welt. Krimis müssen mit Lebensqualität zu tun haben. Die mafiös geprägte Familiengeschichte ist toller Stoff.


2. Hörbuch: Herz der Finsternis von Joseph Conrad. Gelesen von Christian Brückner. Zwei Klassiker und unschlagbar in Sachen Stil und Stimme: Das Duo Brückner/Conrad.


3. Roman: Birgit Vanderbeke, Ich freue mich, dass ich geboren bin. Eine Flucht in den Westen in den 1960er Jahren. Was sie auf 150 Seiten schafft, schaffen andere nicht auf 500. Knapp verdichtet, sehr gehaltvoll.


4. Kinderbuch: Charlotte Habersack, Bitte nicht öffnen: Bissig!, Schräger Humor und ein bisschen provokant. Ein Buch, das sichtbar macht, was in Kindern so vorgeht.

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