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Insel-Bote

21. Februar 2017 | 04:28 Uhr

Föhr und seine Geschichte : Die Insulaner und der Habsburger

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Zu Österreichs Kaiser Franz Joseph haben die Föhrer eine ganz besondere Beziehung – und auch seine Soldaten hinterließen auf der Insel ihre Spuren.

Knapp sieben Jahrzehnte lang regierte Kaiser Franz Joseph I. das Habsburgerreich – von 1848 bis zu seinem Tod vor 100 Jahren, am 21. November 1916. Doch was hat der österreichische Herrscher mit dem charakteristischen Backenbart ausgerechnet mit der Insel Föhr zu tun? Unsere Autorin Karin de la Roi-Frey weiß die Antwort.

 Am 18. August 1864 wurde auf Föhr ganz groß gefeiert – und zwar der 34. Geburtstag eines besonderen Landesherrn. Sein Name: Kaiser Franz Joseph von Österreich. Zusammen mit den Preußen hatte er im deutsch-dänischen Krieg (1. Februar bis 1. August 1864) die dänische Herrschaft in Schleswig-Holstein beendet. Das Wyker Fleckenkollegium schickte dem Kaiser ein Glückwunsch-Telegramm mit den Worten: „Das befreite Föhr sendet ... Seiner Majestät dem Kaiser von Österreich seinen herzlichen Glückwunsch und tiefstgefühlten Dank.“ Zu Kaisers Ehren fand denn auch ein Festgottesdienst statt, der um 10 Uhr begann.

 Zu einer zweiten Geburtstagsfeier oder einem Besuch seiner Majestät auf Föhr ist es allerdings nie gekommen. Bereits ein Jahr später war der preußische Kaiser Wilhelm II. der Herrscher über den Landesteil Schleswig mit den nordfriesischen Inseln. Österreich verwaltete nach dem Gasteiner Vertrag vom 14. August 1865 nun Holstein.

 Es folgte die Zeit des sogenannten Kondominiums. Das bedeutete, dass zwei Länder gemeinsam über Schleswig-Holstein verfügten. In der Schlacht von Königgrätz entschied sich 1866 die Frage der Vorherrschaft im Deutschen Bund zugunsten von Preußen. Damit war Föhr nach jahrhundertelanger dänischer Herrschaft und einem österreichischen Interim preußisch geworden. An den Feldzügen von 1864 und 1866 nahm als Feldarzt und überzeugter Anhänger der Preußen ein später sehr bekannter Wyker teil: der Badearzt und Leiter des Wyker Krankenhauses Dr. August Gerber (1840-1912).

 Die Soldaten des österreichischen Kaisers, die teilweise durchs Watt nach Föhr kamen, hinterließen Spuren und Andenken auf Föhr. Während in Westerland auf Sylt Besorgnis herrschte über die veränderte politische Lage, feierte man in Nieblum und Wyk ausgelassene Feste. Es ging hoch her, es wurde getrunken und getanzt. Dann kam es zum Streit. Er endete in einer Messerstecherei und einer Schießerei zwischen den Soldaten Medwescheg und Taudenschön. Die beiden wurden dabei schwer verletzt und ins Wyker Lazarett („Redlefsens Hotel“, Königstraße 5) eingeliefert. Doch jede Hilfe kam zu spät, Medwescheg und Tausendschön starben. Ihr Grabstein mit den zusätzlichen Zeilen „Befreiungstag 18. Juli 1864“ steht auf dem Friedhof von St. Nicolai.

 Es könnte bei einem dieser Feste in Nieblum gewesen sein, dass die flotte Insel-Friesin Inge Friederika Petersen (1838-1909) aus Goting den Patrouillenführer der 1. Kompanie des 9. Kaiserlichen Königlichen Österreichischen Jägerbataillons kennenlernte. Ein österreichischer Unteroffizier berichtet: „Wer über die Grenzen der Ehrbarkeit hinausgeht, der thut wohl, sich von den Friesinnen fern zu halten, denn so sanft und gut sie auch sein mögen, es zuckt ein Zug um ihren Mund, auf der Stirn thront ein kleines Wölckchen und im Auge wacht ein Dämon, mit denen ich nicht zu tun haben möchte.“ Der in Nieblum stationierte Joseph Osning scheint all diese Hindernisse überwunden zu haben. Man muss sich sehr schnell sehr nahe gekommen sein, denn neun Monate später kam Julius Osning (1865-1916), der Urgroßvater der Verfasserin, zur Welt.

 Von Südwesthörn durchs Watt nach Föhr hatte Jens Ludwig Jensen, genannt Jens „Bäcker“ (1831-1924) das 9. Jägerbataillon geführt. Er stammte aus Fahretoft und gehörte auf Föhr mit dem noch bestehenden „Haus Jensen“ zu den Südstrandpionieren. Mit ihm kam auch die verzierte Tabakpfeife mit Bataillonsgravur auf die Insel, die er als Dank von den Österreichern erhalten hatte. Sie gehört zu den besonderen Familien- und Insel-Andenken im Haus von Ingke und Heie Sönksen-Martens.

 Im November 1866 verließen die österreichischen Jäger die Insel. Zurück in Wien marschierten sie auf dem Opernring an Kaiser Franz Joseph vorbei. Soweit bekannt, kam der Kaiser nie nach Schleswig-Holstein. Sein nördlichster Aufenthalt in Deutschland war Stettin, wo er im September 1895 an Manövern teilnahm. Die von Föhr zurückgekehrten Mannschaften wurden von den Bürgern Wiens zum Essen eingeladen, die Offiziere besuchten ein Galadiner in der Hofburg. Zwanzig österreichische Soldaten hatte man zu Wyker Ehrenbürgern gemacht. Einer von ihnen, Ernst Karl Ferdinand von Prittwitz und Gaffron, nahm 1889 an der 25-Jahr-Feier, ein Sohn des Ehrenbürgers Friedrich Ritter von Wieser nahm im Juli 1914 an der Feier zum 50. Jubiläum der Befreiung Föhrs teil. Kurze Zeit später brach der 1. Weltkrieg aus und die alten Waffenbrüder Österreich und Preußen standen wieder an der Front.  Der alte Kaiser Franz Joseph, der ehemalige Föhrer Landesherr, lebte noch zwei Jahre, bis er vor hundert Jahren, am 21. November 1916, seine Augen für immer schloss.

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