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Zu Gast in Wyk : Der Mann, der aus der Kälte kommt

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Seit über 35 Jahren ist Arved Fuchs in Eis-Regionen unterwegs. Außerdem hält er Vorträge, hilft beim Teambuilding und geht mit Jugendlichen segeln.

Arved Fuchs hat auf Föhr über seine Expeditionen nach Grönland erzählt. Jetzt geht der 63-jährige Abenteurer bis Oktober in die Vortragspause. Neben Seminaren zu Teambuilding und Risikomanagement für Firmen kümmert er sich im Sommer um sein Segelcamp für Jugendliche. Ein Gespräch über Kälte und Klimawandel.


Warum eigentlich so oft Grönland?
Grönland war für mich immer besonders. Es ist die größte Insel der Welt, kulturgeschichtlich interessant, hat ungemein faszinierende Landschaften und Menschen, die bis 1818 glaubten, sie seien die einzigen auf der Welt. Grönland war mein erster Kontakt zur Arktis 1979 und irgendwie eine Weichenstellung. Fast 40 Jahre begleitet mich die Insel jetzt. Daher ist mein Vortrag auch so was wie eine sehr persönliche Rückschau.

Wie geht grönländisches Frühstück?
Na ja, es ist nicht unbedingt vegan. Viel Fleisch und viel Fisch. Den gibts auch mal roh oder luftgetrocknet, wie zum Beispiel den arktischen Saibling. Längs aufschneiden, Mittelgräte entfernen und in die Sonne hängen zum Trocknen – sehr lecker!

Sie sind wahrscheinlich ein Allesesser ...
Ich liebe Spargel, aber stimmt natürlich, ich esse, was es gibt. Auch rohe Robbenleber. Man verschafft sich Respekt damit.

Das Thermometer am Anfang ihres Grönland-Bildervortrags zeigt minus 40 Grad. Was hilft gegen solche Kälte?
Man kann lernen, mit Kälte umzugehen. Das ist wie ein Handwerk. Ich bin früher zur Abhärtung in Bäche gegangen, und habe auch mal in einem Schockgefrierraum unter Schweinehälften übernachtet. So was war tatsächlich mal erlaubt. Aber hauptsächlich muss man seinen inneren Frieden mit der Kälte machen. Man darf sie nicht als etwas drohendes wahrnehmen. Aber natürlich muss man die eigenen Körpersignale zu deuten wissen.
Wer dauerhaft unter so widrigen Bedingungen durch Arktis und Antarktis zieht, braucht ordentliches Equipment. Was ist Ihr Tipp?
Man muss variabel sein mit der Kleidung. Auch in der Kälte gilt: so wenig wie möglich anhaben, denn man darf nicht ins Schwitzen kommen. Der Schweiß gefriert nämlich sofort und dann wirds unangenehm. Genauso: Wenn wir Jacken über die Vliespullis ziehen, muss man immer erst den Raureif drauf wegbürsten. Denn der würde unter der Jacke schmelzen und alles durchfeuchten. Irgendwann hat man diesen disziplinierten Umgang mit der eigenen Ausrüstung gelernt.

Sie haben den Nordpol mit dem Schiff umrundet, in Grönland überwintert, sind mit Hundeschlitten übers Eis und zig Entdeckerrouten gefolgt. Gibt es unter den weltbekannten Männern welche, die sie besonders fasziniert haben?
Ja, Fridtjof Nansen zum Beispiel. Weil der damals einfach mehr zu sagen hatte, als nur „Ich bin da gewesen“ (im Nordpolarmeer). Nansen war gesellschaftspolitisch sehr engagiert. Und der zweite ist Ernest Shackleton (Antarktis). Der Mann muss menschlich großartig gewesen sein. Ein Charismatiker. Anders schaffen Sie es nicht, unter solch unwirtlichen Bedingungen Ihre Mannschaft bei der Stange zu halten und alle heil wieder zurückzubringen. Das ist hohe Kunst.

Auf Ihrer Expedition 1991 zum Franz-Josef-Land haben sie einen ganz besonderen Fund gemacht ...
Wir waren auf den Spuren der Entdecker. Und haben beim Grab eines der Teilnehmer dieser österreichisch-ungarische Nordpolexpedition ein Dokument gefunden. Zumindest dachte ich, dass dieser vom Frost eingebackene Klumpen Papier sein könnte. Wir haben ihn luftgetrocknet und dann in einer dunklen Kiste verpackt ans Bundeskriminalamt nach Wiesbaden geschickt. Und es waren tatsächlich vier Seiten Originaldokument, noch in Sütterlin, über die Expedition von 1873.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?
Ich sammele alte Polar- und maritime Literatur. Was ich gern hätte, wären die Berichte von der zweiten deutschen Nordpolexpedition 1869/70. Die ist wenig bekannt. Der Leiter damals war Carl Koldewey mit seinem Schiff „Germania“. Da gibt es vier Bände, die würden mich interessieren.

Ihr fast 80 Jahre altes Holzschiff, die „Dagmar Aaen“, hat einen Rumpf aus ganz dicken Eichenplanken. Sie segeln mit maximal zehn Leuten. Und es gibt keine Dusche?
Und zwar ganz bewusst nicht. Weil – dann will jeder. Wir haben zwar eine Entsalzungsanlage, aber nur einen 450 Liter-Tank, und dann kommen sie ja mit dem Wassermachen gar nicht hinterher. Eine Salzwasser-Dusche an Deck, schön mit Eimer, tuts auch.

Umwelttthemen sind in Ihren Vorträgen immer präsent.
An Grönland ist der Klimawandel so deutlich abzusehen. Da ist in den letzten dreizehn Jahren die Dicke des Inlandeises um 30 Meter zurückgegangen. Und der Meeresspiegel, der im letzten Jahrhundert um zwanzig Zentimeter stieg, soll – so die Prognose – zum Ende dieses Jahrhunderts um das fünffache steigen. Mit einem Meter mehr sieht die Welt aber anders aus. Man kann ja schöne Bilder zeigen, aber man darf das Unangenehme nicht ausklammern.

Sie veranstalten seit acht Jahren im Sommer ein Klimacamp für Schüler. Da reisen Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren aus der ganzen Welt zusammen auf einem Segler. Und Sie auf der „Dagmar Aaen“ nebenher.
Wir versuchen, die Jugendlichen für Umweltthemen zu sensibilisieren. Wir haben Partnerschulen weltweit, von Island über Österreich, Türkei bis Südamerika. Da haben an Bord mal ein Nigerianer und ein Grönländer über Schnee diskutiert. Diese Dynamik ist sehr ansteckend. Wir haben Wissenschaftler dort und einen pensionierten Lehrer. Es gibt Vorlesungen, und die Schüler spielen auch mal eine UN-Klimakonferenz durch. Das aktuelle Team steht schon fest. Im Juni gehts los. Auf einem alten Heringslogger von Kiel Richtung Süddänemark. Dieses Jahr ist auch jemand aus Westerland dabei.

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