zur Navigation springen

Husumer Nachrichten

06. Dezember 2016 | 13:10 Uhr

Bahn-Ärger : „Züge sind katastrophal unpünktlich“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Verkehrs-Minister Reinhard Meyer diskutiert auf der Schiene mit frustrierten Sylt-Pendlern – die Lage droht sich durch den Betreiber-Wechsel der Strecke erstmal weiter zuzuspitzen.

„Wir fühlen uns verraten und verkauft – diese Belastung ist unzumutbar.“ Geballter Pendler-Frust in Person von Achim Bonnichsen schlägt Wirtschaftsminister Reinhard Meyer am Dienstag (23. August) in der Nord-Ostsee-Bahn (NOB) entgegen, die von Hamburg kommend um 9.58 Uhr in Niebüll zur Weiterfahrt nach Sylt einläuft. Fahrplanmäßig. Viele Züge – besonders morgens und am späteren Nachmittag – tun dies nicht. Nur 60 Prozent der NOB-Züge von und nach Sylt waren über weite Strecken im Juni pünktlich, 40 Prozent zum Teil deutlich verspätet. „Katastrophal“, lautet dazu der Kommentar von Meyer, als Jochen Kiphard von Nah.sh diese Zahlen auf der Fahrt über den Hindenburgdamm präsentiert. Und in den kommenden Monaten droht eine noch größere Katastrophe – dadurch, dass im Dezember die DB-Regio die NOB als Betreiber der Strecke ablöst.

Trotz Übernahme-Angebots suchen sich einige NOB-Mitarbeiter neue Jobs, zudem müssen in den kommenden Monaten Urlaub und Überstunden abgebaut werden. „Wir rechnen mit Zügen, in denen wegen Personalmangels die Hälfte der Waggons geschlossen bleibt – und das schon ab September“, sagt Achim Bonnichsen, Sprecher einer Protest-Initiative, der sich schon mehr als 2000 Sylt-Pendler angeschlossen haben und Verspätungen über eine Facebook-Plattform dokumentieren. Pendler und Urlauber, die sich wie Sardinen in eine Büchse im Zug drängen, in dem es verschlossene, leere Waggons gibt: „Das muss verhindert werden, wir werden beide Betreiber auffordern, für einen möglichst reibungslosen Übergang zu sorgen“, verspricht Meyer. „Dafür muss ein verlässlicher Bereitschaftsdienst eingerichtet werden“, fordert Bonnichsen, der schon zwei Mitarbeiter seines Sylter Handwerker-Teams wegen des Pendler-Stresses verloren hat.

„Die dauernden Verspätungen zerstören das Privatleben zahlreicher Familien – man kommt nicht pünktlich zum Training oder ins Kino, Kinder stehen eine halbe Stunde vor verschlossenen Schulen oder Kindergärten, weil Papas Zug wieder unpünktlich ist“, wettert Bonnichsen. Der Minister zeigt sich sichtlich bewegt und empört: „Einfach total peinlich!“ Andreas Ohrt, ebenfalls Pendler-Vertreter, geht noch weiter: „Moralisch eine Katastrophe, der Strecken-Betreiber müsste vor Scham in den Boden versinken.“

Rechtlich seien dem Land die Hände gebunden, aber ebenfalls über die Moral will Meyer versuchen, Rüdiger Grube, den Chef der Deutschen Bahn, dazu zu bewegen, ein anderes großes Pünktlichkeits-Problem aus dem Weg zu räumen – die praktisch ungenutzten, an einige Autozüge angehängten Personen-Waggons. Das dadurch deutlich erhöhte Rangiervolumen dieses Sylt-Shuttle Plus blockiert die Strecke und auch einige Bahnübergänge auf der Insel erheblich. „Diese Waggons sind Geisterzüge, sowohl der Preis als auch die Fahrtzeit sind deutlich höher als in der NOB“, sagt Achim Bonnichsen. „Null Nutzen, aber eine große Behinderung – das ist eine Satire. Diesen Imageschaden kann sich die DB nicht länger leisten, diese Waggons gehören aufs Abstellgleis“, fordert Minister Meyer. Zumal es mit dem amerikanischen Unternehmen RDC seit Anfang des Jahres einen zweiten Autozug-Anbieter und dadurch deutlich mehr Autozug-Verbindungen pro Tag gibt, die für eine weitere Belastung der Strecke sorgen. Bisher werden alle Verbindungen von der DB gefahren.

Die derzeitigen Verspätungen und Ausfälle auf der NOB-Strecke könne sich die Deutsche Bahn als künftiger Betreiber ebenfalls nicht leisten, zumal an die DB bei Unpünktlichkeit deutlich höhere Regressansprüche gestellt werden können als an die NOB. „Wir brauchen Geldstrafen, die richtig weh tun“, fordert Bonnichsen, der einräumt, dass die Regressansprüche für Pendler mit ihren Jahreskarten nur im geringen Rahmen geltend gemacht werden könnten. „Der Preis für eine Monatskarte im Juni war eine Frechheit. Dennoch verbinden wir mit dem neuen Betreiber schon einige Hoffnungen. Wir brauchen aber eine Sofort-Lösung“, betont der in Klixbüll wohnende Sylt-Pendler.

Die wird es wohl nicht geben, wohl aber neue Hoffnung für den zweigleisigen Ausbau der Strecke zwischen Niebüll und Sylt – trotz zuletzt negativer Signale des Bundesverkehrsministers. „Diese gelten in erster Linie für die Elektrifizierung, die derzeit leider aussichtslos ist. Doch für das zweite Gleis, das Pendlern und auch Urlaubern deutlich mehr Pünktlichkeit bringen würde, gibt es mittelfristig durchaus Chancen“, sagt Meyer, bevor er aus dem nur um wenige Minuten verspäteten Zug in Westerland aussteigt – mit zwei Versprechen: „Ich werde mit den Pendlern im Gespräch bleiben und künftig noch stärker für einen besseren Nahverkehr von und nach Sylt kämpfen.“

 

zur Startseite

von
erstellt am 24.Aug.2016 | 07:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen