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Husumer Nachrichten

11. Dezember 2016 | 07:13 Uhr

Zauberkunststücke aus Holz und Stein

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Neue Arbeiten von Ulrich Lindow sind in Halebüll zu sehen. Bildhauer ist er nach eigenem Bekunden aus Trotz geworden.

Der Garten Eden liegt in Schobüll, ein grüner Diamant – eingefasst von einem einfachen Holzzaun und bewohnt von allerlei sagenhaften Gestalten aus Holz und Stein. Es ist der Garten von Maren und Ulrich Lindow – ein Bilderbuch-, ein Bildhauer-Garten. In einer Ecke spielen Sonnenstrahlen auf den Blättern der Bäume, lassen die ohnehin schon roten Äpfel noch röter erscheinen. Ulrich Lindow hat auf einer rustikalen Bank Platz genommen. Die hat er – wie fast alles – selbst gebaut: „aus den Brettern des alten Schobüller Badestegs“, den er mit anderen Leuten in Privatinitiative in Schuss hält.

Viel Holz, aber nicht annähernd so viel, wie sich vor Jahren – nach dem großen Ulmen-Sterben – vor seinem Atelierhaus stapelte. Das stand ursprünglich mal in Südfrankreich, und wenn es nach Lindow gegangen wäre, stünde es heute noch dort. „Aber Maren hatte Heimweh.“ Nach zwei Jahren wollte die gebürtige Hoogerin nach Nordfriesland zurück. „Wir kamen ohne Geld, und der erste Winter hier war heavy metal“, blickt der Künstler auf das Jahr 1980 zurück. Erst als er den Auftrag bekam, an der Kieler Muthesius-Kunsthochschule eine Steinbildhauer-Klasse einzurichten und Künstlerkollegen wie Otto Beckmann, Uwe Herms und Lucia Figueroa begannen, das Brachland in und um Husum künstlerisch zu befruchten, rückte Lindow von seiner defensiven Haltung ab. Und dann kam dieser Anruf – an einem kalten Februar-Tag. Das Kulturministerium bot ihm an, für ein halbes Jahr als Stipendiat nach Paris zu gehen.

„Das kann ich nicht tun“, war Lindows erste Reaktion. Er wollte Frau und Kinder nicht allein lassen. Doch Maren Lindow bestand darauf: „Das machst Du jetzt“ – und auf Frauen soll man(n) bekanntlich hören. So kam Lindow 1983 unverhofft, aber glücklich zu einem Sommer in Paris – mit freiem Eintritt in alle Museen.

Noch heute muss der Bildhauer schmunzeln, wenn er an einen seiner zahlreichen Spaziergänge an der Seine zurückdenkt. Unter einer Brücke lagen 30, 40 Clochards, und einer rief ihm „Monsieur, fermez la porte, si’l vous plait“ („Mein Herr, schließen Sie doch bitte die Tür“) nach. So war das damals in Paris.

Nach seiner Rückkehr wurde es auch in Husum leichter. „Ich habe mich immer an Wettbewerben beteiligt“, sagt Lindow – und viele gewonnen. So konnte er im Winter drei, vier Monate frei arbeiten, wovon er reichlich Gebrauch machte.

Und wie wird man Bildhauer? Bei dieser Frage huscht ein Lächeln über das weißbärtige Gesicht des Künstlers. „Aus Trotz“, betont Lindow nach kurzem Nachdenken. Er, der inzwischen 67 Jahre alt ist, stammt aus einem konservativem Elternhaus. Sein Vater war Gymnasiallehrer und wollte, dass der Sohn „etwas Ordentliches“ lernt. Etwas Ordentliches im engeren Wortsinn ist es dann zwar nicht geworden, aber immerhin etwas Handfestes. Schon mit sieben Jahren hatte Lindow ein Kasper-Theater – aber das reichte ihm nicht. Kreativ, wie er schon damals war, ließ er sich immer neue Inszenierungen einfallen, machte Musik, malte und zeichnete, wann immer er Zeit dafür fand. Und die fand sich damals noch reichlich.

Als Pfadfinder lernte er zu schnitzen. Seine Spezialität waren Kraniche – schön schlank und hoch aufgeschossen. „Die konnte man gut verkaufen“, erzählt Lindow – und für das Geld zum Beispiel seine Freundin ins Kino ausführen, etwa in die „West Side Story“. Irgendwann wurde dem jungen Mann klar, dass ein normaler Beruf für ihn nicht in Frage kommt. Das aber wiederum kam für die Eltern nicht in Frage: „Du wirst Dekorateur“, insistierten sie. Lindow folgte, aber nur, um nach Berlin zu gehen und dort unter anderem Bühnenbilder für Sendungen von Peter Frankenfeld und Ilja Richter zu bauen.

Nachdem er seine Maren kennengelernt hatte, zogen die beiden nach Kiel, wo sie Sozialpädagogik und er Kunst an der Muthesius-Schule studierte – bei Jan Kublasa, der seinerzeit für die Bildhauerei im Lande ähnlich prägend war wie seine Kollegen Ekkehard Thieme und Harald Duwe für Grafik und Malerei. „Es ist prima, wenn du einen guten Lehrer hast“, erinnert sich Uli Lindow an die Studienzeit, „aber auch schwierig. Du musst lernen, dich als Künstler selbst zu behaupten, herausfinden, was es gibt und daraus etwas Eigenständiges entwickeln. Das dauert.“ Lindow hatte Glück: „Ich wollte immer in meiner Werkstatt sein, und das hat funktioniert. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Die Bildhauerei ist Lindows Broterwerb, war aber immer auch mehr als das. Es ist die Lust auf alles Haptische, darauf, dem Material eine Form zu entlocken oder es in Form zu bringen – aber auch auf den Widerstand, den er bei der Arbeit spürt, und natürlich den Dialog mit dem Werkstoff – ganz gleich, ob es sich um Holz oder Stein handelt. Die Werkstatt ist Uli Lindows wichtigster Lebensort. Dort versucht er möglichst jeden Tag zu sein. Das heißt aber nicht, dass jeder Tag dem anderen gleicht. „Manchmal habe ich eine Idee, aber die geht daneben, weil ich zu absichtsvoll an die Sache herangehe. Dann wieder entdecke ich etwas, und der Rest ergibt sich mehr oder minder von allein.“ Das sei wie beim Angeln, sagt er: „Da musst du auch behutsam locken und nicht wie ein Irrer an der Schnur ziehen, wenn du was am Haken hast.“

Farbe spielt in Lindows Werk eine wichtige Rolle. Vieles, was er bemalt, wirkt hinterher leicht und luftig, obgleich es in Wirklichkeit kaum anzuheben ist. „Der Umgang mit Farbe ist das Schwierigste überhaupt.“ Immerhin geht es darum, eine Form zu unterstreichen und/oder das Material zu verfremden. Ein ständiger Balanceakt.

Ulrich Lindow ist sich bewusst, dass er eine Art Zauberkünstler ist, der die Leute für etwas zu begeistern versucht, dass es in der Realität gar nicht gibt. Und natürlich kann der liebe Gott „das alles viel, viel besser“, sagt er und gerät abermals ins Grübeln: „Kunst macht uns deutlich, dass wir Menschen sind und uns durch die Kunst immer wieder vergewissern, ein Teil des Ganzen zu sein.“

 

 

 

Neue Arbeiten

Obgleich sie seit Jahren Nachbarn sind und sich gut verstehen, lädt Hans-Heinrich Lüth erst jetzt zur ersten Einzelausstellung mit neuen Arbeiten von Uli Lindow in seine Halebüller Galerie ein. Zur Eröffnung am Sonntag , 9. Oktober, spricht Dr. Jens Rönnau. Auch ein Katalog zur Ausstellung erscheint. Lindows Arbeiten bleiben bis 10. November in der Altendorfer Straße 21 und sind dort mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen.

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erstellt am 08.Okt.2016 | 16:00 Uhr

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