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Husumer Nachrichten

05. Dezember 2016 | 01:30 Uhr

Gespräch mit Flüchtlingen : „Wir wollen nicht durchgefüttert werden“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Syrische Flüchtlinge erzählen Pflege-Azubis in Husum von ihrer Flucht, ihrem einstigen Leben und ihren neuen Zielen.

„Vorher waren Flüchtlinge für mich auch Menschen, aber ich war ihnen gegenüber distanziert und skeptisch“, sagt Sandra Hoppe. Sie ist eine der  Auszubildenden des Ökumenischen Bildungszentrums (Öbiz) und des Bildungszentrums Nordfriesland (Biz NF), die  im Rahmen ihrer integrierten Pflegeausbildung auch lernen sollen, sich in Menschen aus anderen Kulturen hinein zu versetzen. Deshalb trafen sich die 20 Auszubildenden innerhalb des zweitägigen Projektes „Kultursensible Pflege“ mit einer Gruppe Flüchtlinge.

„Aus Erfahrung weiß ich, dass die persönliche Begegnung mit Flüchtlingen die beste Möglichkeit ist, um eigene Vorurteile und Werthaltungen zu reflektieren und gegebenenfalls auch in Frage zu stellen“, sagt die Bildungsreferentin  Dr. Elisabeth Bongert. So hat auch das vom  Koordinator für Integration von Flüchtlingen des Kreises, Felix Carl, begleitete Treffen mit den vier Syrern  etwas in Sandra Hoppe verändert. „Ich war sehr überrascht, wie offen sie über dieses schwierige und emotionale Thema gesprochen  und trotzdem dabei Witze gemacht haben“, sagt die 34-Jährige. Für sie – wie für viele der BiZ-Auszubildenden – war es der erste persönliche Kontakt mit Flüchtlingen.

Die Syrer erzählten von ihrer Flucht, ihrer Heimat vor dem Krieg und von ihren ersten Erlebnissen in der Bundesrepublik. „Ich fand Deutschland schon vor dem Krieg toll“, sagt Mohammad Kezzeh. „Ich habe mir immer vorgestellt, zum Studieren oder im Urlaub hierher zu kommen.“ Der 27-Jährige hatte aber niemals daran gedacht, eines Tages als Flüchtling nach Deutschland zu müssen. Der ehemalige Sportlehrer flüchtete mit seiner schwangeren Frau und seinen Eltern vor acht Monaten übers Mittelmeer und Italien, seit etwa fünf Monaten sind sie in Husum.

„Wir sind nicht hier, um jemanden etwas wegzunehmen oder durchgefüttert zu werden“, stellt Mohammad Kezzeh klar. Rama Al Shaar berührt die Anwesenden mit einem leidenschaftlichen und emotionalen Plädoyer: „Ich liebe Syrien. Es war ein wunderschönes Land. Dort lebten Menschen verschiedener Religionen zusammen: Christen und Muslime. Auf einmal änderte sich alles.“ Die Syrerin kam mit ihrem Ehemann Majid Al Qasir nach Deutschland. In Berlin wurde sie nicht immer freundlich empfangen. „Manche Leute dachten, wir wüssten nicht, wie man isst oder spricht. Aber wir haben in Syrien genauso gelebt wie ihr hier“, erzählt die 27-Jährige. „Wir wollen hier wieder ein gutes, schönes Leben haben. Wir möchten studieren und arbeiten.“

Mohammad Kezzeh, der als Muslim  eine christliche Schule in Aleppo besucht hatte,  möchte gerne über Syrien vor dem Krieg sprechen: „Bis vor fünf Jahren hätten die Leute in Syrien nie gedacht, dass dort eines Tages Krieg sein könnte“, sagt der Familienvater.

Das heutige Kriegsgebiet war lange Zeit selbst ein Land, das Flüchtlinge beispielsweise aus dem Libanon  aufgenommen hat. „Selbst vor 100 Jahren kamen Menschen aus verschiedenen Ländern nach Syrien, um dort ein neues Leben zu beginnen“, erzählt Al Sharar.

Rania Akra und ihr Bruder sind über Bulgarien geflohen, Rama Al Sharar und Majid Al Qasir über die Balkanroute und Mohammad und seine Familie übers Mittelmeer. Sie erzählen von langen Tagesmärschen ohne Essen und Trinken, Nächten im Gefängnis sowie lebensgefährlichen Meeresüberquerungen. 

Die Flucht einer Familie koste mehrere zehntausend Euro. Um dieses Geld aufzubringen, mussten einige der Flüchtlinge  große Verluste hinnehmen:  „Wir haben unser Haus in Aleppo im Wert von 100.000 Euro für 30.000 Euro verkauft“, erzählt Mohammad Kezzeh. Mit dem Geld hat der Syrer die Flucht für seine schwangere Frau, seine Eltern und sich selbst bezahlt.

Aber wer kauft ein Haus im Kriegsgebiet, fragten die Auszubildenden? „Kriegsgewinnler sind Menschen, die aus der Not anderer Profit ziehen“, erklärt Elisabeth Bongert. Im Krieg würden Dinge des alltäglichen Lebens nahezu unerschwinglich, beschreibt auch Mohammad Kezzeh. „Für ein Glas Saft, das vorher einen Euro kostete, muss man auf einmal zehn Euro zahlen.“ So werde Menschen, die Geld bräuchten, angeboten, ihr Auto oder Haus unter Wert zu verkaufen – wie im Fall Mohammad Kezzehs und seiner Familie. „Doch am Ende waren wir die Gewinner“, sagt der 27-Jährige. „Das Viertel, in dem unser Haus stand, wurde kurze Zeit später zerbombt.“

 

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erstellt am 18.Mai.2016 | 07:00 Uhr

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