zur Navigation springen

Husumer Nachrichten

04. Dezember 2016 | 15:25 Uhr

Neuer Klinikums-Chef : „Wir werden Partner brauchen“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Als neuer Geschäftsführer will Christian von der Becke das wirtschaftlich angeschlagene Klinikum Nordfriesland wieder in ruhigeres Fahrwasser führen. Wie das geschehen kann, erläutert er im Interview mit unserer Zeitung.

Christian von der Becke (52) hat Anfang Juni die Geschäftsführung der wirtschaftlich angeschlagenen Klinikum Nordfriesland gGmbH übernommen. Ausgestattet mit einem Fünf-Jahres-Vertrag ist es seine Aufgabe, die Kliniken in Husum, Niebüll und Wyk zukunftsfähig zu machen, während das Haus in Tönning auf Beschluss des Kreistages Mitte 2017 schließen wird. Von seinen ersten Erfahrungen und Erkenntnissen berichtet der Betriebswirt und langjährige Manager im Gesundheitswesen im Interview mit unserer Zeitung.

Was hat Sie bewogen in den äußersten Norden der Republik zu wechseln, und was reizt Sie an ihrer neuen Aufgabe im Klinikum Nordfriesland?
In meinen zurückliegenden Aufgabenstellungen habe ich umfangreiche Erfahrungen sammeln können bei der Sanierung und dem Wiederherstellen der Wirtschaftlichkeit von Kliniken und Klinik-Konzernen. Was mich reizt, ist die größere, komplexere Aufgabe als nur die Führung eines kleinen Krankenhauses, obgleich das auch schon genug Verantwortung ist. Hier gibt es ein tolles Team und eine tolle, aber auch sehr schwere Aufgabe. Und ehrlich gesagt: Ich finde auch die Region sehr schön und habe Freunde und alte Kollegen im Norden.

Kommen Sie als knallharter Sanierer?
Ich habe Sanierungs-Erfahrung und bin in der Lage, knallharte Entscheidungen zu treffen. Dass ich jetzt eine Immobilie in Rantrum erworben habe, ist aber auch das klare Bekenntnis: Ich komme nicht hierher, um einmal kurz Rasur zu machen und wieder zu verschwinden, sondern weil mich diese Herausforderung motiviert und ich mich hier nachhaltig einbringen möchte. Es bedarf eines strukturierten und konzentrierten Vorgehens. Aus rein wirtschaftlichen Gründen wäre die Klinik Husum in der Lage, auch allein für sich zu funktionieren. Aber wir haben einen größeren Versorgungsauftrag und es muss gelingen, Wirtschaftlichkeit in der Gänze des Unternehmens herzustellen.

Ist der Kassensturz schon gemacht?
Der Kassensturz ist gerade in vollem Gange. Wir haben erst seit 1. Juli einen neuen Leiter des Finanz- und Rechnungswesens, diese Stelle war über ein halbes Jahr lang nicht ausreichend besetzt. Zudem war das Controller-Team zu klein und ebenfalls ohne Leitung. Wir hoffen, diese Vakanz in Kürze beenden zu können. Das ist auch notwendig: Wenn ich nicht umfassend weiß, wie meine Daten- und Wirtschaftslage ist, dann kann ich auch nicht zu den richtigen Entscheidungen kommen.

Mit Blick auf das vorläufige Aus für die Geburtshilfe in Niebüll mussten Sie gleich Feuerwehr spielen. Hatten Sie sich den Einstieg leichter vorgestellt?
Es war für mich eine Überraschung, dass das Thema so schnell aufkommt, dass sich drei Hebammen kurzfristig entschieden haben, den Vertrag mit uns zu kündigen. Ich habe aber nach persönlichen Gesprächen Verständnis für diese Entscheidung, auch mit Blick auf die unglaublich hohe Belastung und die Unsicherheit darüber, welche strategische Entwicklung das Klinikum nehmen wird. Da wir in Husum auch nur eine Mindestbesetzung an Hebammen haben, ist es uns nicht gelungen, temporär in Niebüll auszuhelfen.

Wie realistisch ist es, in absehbarer Zeit wieder eine Geburtshilfe in der Klinik Niebüll zu bekommen?
Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Wir versuchen bundesweit und auch im europäischen Ausland Kräfte zu gewinnen. Das ist sehr, sehr schwierig. Deshalb würde ich auch die Chance momentan als eher gering einschätzen. Wir müssen auch über andere Lösungen nachdenken, wie über ein Geburtshaus, auch wenn Qualitätsanforderungen an ein solches Konzept sehr hoch sind. Die Klinik wäre dabei unterstützend tätig, aber nicht primär der Träger. Da kommt es darauf an, dass sich die Interessengruppen in der Region zusammenfinden und dort ein vernünftiges Konstrukt auf die Beine stellen. Im Unterschied zu Wyk, wo wir aufgrund der Insellage nicht das Einzugsgebiet haben, wäre ein Geburtshaus in Niebüll möglicherweise eine Lösung.

Was bedeutet das vorläufige und womöglich dauerhafte Aus der Geburtshilfe Niebüll für die Klinik Husum?
Wir haben in Husum knapp 700 Geburten im Jahr. In Niebüll haben wir zuletzt rund 230 Geburten im Jahr gehabt, das würde für Husum nicht einmal eine Entbindung mehr am Tag bedeuten. Aber ich mache mir nichts vor, viele Schwangere werden schon aus Protest nicht nach Husum kommen. Das ist schade, aber Flensburg ist natürlich auch eine gute Anlaufstelle, obwohl auch dort an der Kapazitätsgrenze gearbeitet wird. Aber das Signal ist für mich wichtig: Hier in Husum ist jede Gebärende herzlich willkommen, und wir bekommen das auch hin.

Wie realistisch ist es, analog zur Klinik Wyk auch für Niebüll auf einen Sicherstellungszuschlag der Kassen zu hoffen? Und wie kann Niebüll für die Grund- und Regelversorgung im nördlichen Nordfriesland erhalten werden?
Nach geltender Rechtslage wird ein Sicherstellungszuschlag auf Basis des Jahresergebnisses vor Abschreibung berechnet. Dafür, wie man in den Genuss eines solchen Zuschlags kommen kann, erarbeitet der „Gemeinsame Bundesausschuss“ der Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern momentan Kriterien. Nur wenige Krankenhäuser haben vor Abschreibung ein negatives Ergebnis, auch das Klinikum Nordfriesland nicht. Das Krankenhaus in Niebüll allein ja, das Haus in Husum nicht, da es operativ ein positives Ergebnis erwirtschaftet. Deshalb müssen wir uns etwas einfallen lassen, um den Sicherstellungszuschlag zu erhalten. Ich bin da in einem guten Dialog mit dem Sozialministerium und den Kassen. Als Geschäftsführer muss ich aber auch sagen: Es gibt natürlich noch Potenziale, die wir selbst heben können. Dazu gehört auch die Frage, wie wir die gesundheitliche Versorgung der Region Südtondern künftig organisieren. Und dazu bedarf es Gespräche mit den Partnern in der Region, wie den Maltesern und der Diako.

Statt eines freien Gestaltungs-Spielraumes haben Sie zunächst eine Reihe von Arbeitsaufträgen des Kreistages abzuwickeln. Wie gehen Sie vor?
Der Kreistag als Gesellschafterversammlung lässt mir sehr viel Spielraum. Gleichwohl gibt es den Beschluss zur künftigen Klinikums-Struktur, den ich abarbeite. Ich entwickele allerdings auch eigene Ideen und Varianten und werde meine persönliche Präferenz äußern. Aber letztlich muss der Gesellschafter diesen Weg mitgehen können. Bei einem Neubauprojekt beispielsweise bräuchten wir im Minimum sieben Jahre bis zur Inbetriebnahme des neuen Klinikums. Bis dahin muss aber der bestehende Betrieb aufrechterhalten und weiterhin in diesen investiert werden, um den Zeitpunkt überhaupt zu erreichen. Und daraus erwächst dann auch eine Verpflichtung für das Land und den Kreis.

Das Klinikum schwächelt wirtschaftlich, dem Kreis als Träger geht es in finanzieller Hinsicht noch schlechter – geht es überhaupt noch ohne Partner?
Im Moment bin ich davon überzeugt, dass wir es mit Kooperationen hinbekommen werden. Wir werden Partner brauchen, aber es wird uns gelingen, Konzepte umzusetzen, die keine Veräußerung des Klinikums vorsehen. Ziel ist es, dass der Kreis Nordfriesland Alleingesellschafter bleibt. Ein Vorteil: Ein Privater hätte eine Rendite-Erwartung von zehn Prozent, wir können auch mit vier Prozent auskommen.

Was kommt auf die 1300 Klinikums-Mitarbeiter zu, wenn weitere Einschnitte unumgänglich sein sollten – womöglich ein Haustarifvertrag oder andere Maßnahmen?
Ich bin davon überzeugt, dass es nicht ohne Einschnitte gehen wird – wie tief, hängt letztlich auch von der Bereitschaft ab, neue Wege gehen zu wollen. Die Ausgliederung ist nicht das Mittel der Wahl, um in andere Tarifstrukturen zu kommen. Es ist viel sinnvoller, über alternative Lösungswege und Prozessabläufe zu sprechen. Niemand weiß besser als die Mitarbeiter selbst, was man in einem Unternehmen verändern muss, um es erfolgreich zu machen. In der Vergangenheit ist es mir immer gelungen, über Kommunikation und Transparenz die Mitarbeiterschaft soweit mitzunehmen, dass notwendige Veränderungen im Einvernehmen mit den Beteiligten stattfinden konnten. Deshalb wird es kurzfristig einen ersten Strategie-Workshop mit den Führungskräften geben. Die Herangehensweise an die vor uns liegenden Herausforderungen und deren Bearbeitung werden etwas Neues für das Klinikum Nordfriesland sein. Das Thema Zukunftssicherungs-Tarifvertrag mag vielleicht irgendwann einmal eine Rolle spielen, wenn wir an einem Scheideweg stehen, aber an dem Punkt sehe ich uns noch nicht.

Müssen sich Patienten aus Nordfriesland dauerhaft auf noch weitere Wege einstellen, wenn sie qualitativ hochwertig medizinisch versorgt werden wollen?
Für die Geburtshilfe trifft das wohl zu. Ansonsten haben wir auf dem Festland die Kliniken Niebüll und Husum, die den Bereich komplett abdecken. Es ist eine emotionale Diskussion und wir sind vielleicht auch ein stückweit verwöhnt: In Dänemark werden elf Super-Krankenhäuser gebaut, die kleinen Häuser verschwinden. Dann ist es keine Diskussion mehr, dass man als Patient einen 100 Kilometer langen Fahrweg in Kauf nimmt.

Wie wird die Gesundheitsversorgung in Nordfriesland künftig aussehen – haben Sie eine Vision?
Ich möchte meine Präferenz noch offen lassen. Wir haben mit Husum und Niebüll eine Alternative, um die Zukunft zu gestalten. Die andere wäre ein zentraler Standort. Es gibt Vor- und Nachteile. Ich glaube nicht, dass das Zentralklinikum die einzige Lösung ist. Für mich ist im Moment beides noch denkbar.



zur Startseite

von
erstellt am 13.Jul.2016 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen