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Husumer Nachrichten

04. Dezember 2016 | 13:19 Uhr

Risiko-Piste B5 : „Wir können leider nicht jeden retten“: Klinik-Ärzte über Unfälle und die B5

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Sobald die Opfer eines Unfalls in die Husumer Klinik eingeliefert werden, kämpft ein eingespieltes Team um ihr Leben.

Die Bundesstraße 5 gilt als wichtigste Verkehrsader Nordfrieslands – und als gefährlichste. Immer wieder ereignen sich dort schwere Unfälle – nicht wenige mit tödlichem Ausgang. Warum passiert so viel? Wie kann man die Strecke sicherer machen? Fragen wie diesen gehen wir auf den Grund. In der Serie „Risiko-Piste B5“ kommen unter anderem Unfallopfer, Ärzte, Polizisten, Rettungsassistenten und Verkehrs-Experten zu Wort.

Mächtige Röntgen-Apparate, Beatmungsmaschinen, Infusions- und EKG-Messgeräte: Eingekesselt von all den Bildschirmen und Computern wirkt Dr. Rainer Kirchner etwas verloren. Doch wenn es hart auf hart kommt, und ein Schwerverletzter in den Schockraum der Husumer Klinik geschoben wird, weiß der Unfallchirurg ganz genau, was, wann und wie zu tun ist.

Während der Rettungswagen von der Unfallstelle auf der B  mit Blaulicht und Martinshorn nach Husum eilt, trifft das Notfall-Team der Klinik schon die ersten Vorbereitungen im Schockraum. „In der Regel rufen die Kollegen vom Einsatzfahrzeug aus an und sagen, wann sie etwa kommen“, erklärt Kirchner. Der 50-Jährige ist Chefarzt der Unfallchirurgie. Der Schockraum sei der Dreh- und Angelpunkt jeder Notaufnahme, so Kirchner. Doch Geschrei, Chaos und Hektik, wie man es aus einschlägigen Fernsehserien kennt, herrschen hier nur selten. Vielmehr sind im realen „Emergency Room“ klare Strukturen, eingeübte Abläufe und schnelle Entscheidungen gefragt. Pfleger und Ärzte verschiedener Fachrichtungen – manchmal sind es bis zu zehn – müssen dort im Team reibungslos zusammenarbeiten.

„Es nützt ja nichts, wenn sich das Chaos von der Unfallstelle auf das Krankenhaus überträgt“, erklärt Dr. Thomas Hoffmann. Als Oberarzt der Intensivmedizin und Anästhesie arbeitet er nicht nur im Schockraum eng mit Kirchner zusammen. Die ersten Informationen, etwa wie stabil der Patient ist, bekommt das Team vom Notarzt, der an der Unfallstelle dabei war. Um eine möglichst präzise Diagnose stellen zu können, kommen die vielen Geräte ins Spiel, mit denen der Verletzte untersucht wird. Nach spätestens 30 Minuten sollte der Patient den Schockraum durchlaufen haben, so Hoffmann. Zu dem Zeitpunkt wird auch entschieden, ob er in eine andere Klinik verlegt werden muss. „Wir können hier zwar viel, aber für alle Verletzungen sind wir in Husum nicht ausgestattet“, so Kirchner. Schädel-Hirn-Verletzungen beispielsweise werden in Flensburg behandelt, Verbrennungen in Lübeck, Schäden am Brustkorb in Heide.

Auch Dr. Thomas Georgi hat lange Jahre in der Notfall-Chirurgie eines Krankenhauses gearbeitet und weiß genau, was die Kollegen dort leisten. „Ich komme etwas später zu unserem Gespräch – ich will auf der B5 nicht hetzen“, erklärt der Orthopäde, der jetzt in seiner Tönninger Praxis auch die Folgeschäden von schweren Verkehrsunfällen behandelt. Die B5 und ihre Gefahren bereiten dem 60-Jährigen Kopfzerbrechen. Hier und auch auf Autobahnen musste er schon so einige Male Erste Hilfe leisten. Georgi setzt sich unermüdlich dafür ein, dass die B5 entschärft wird, mit Briefen an Verantwortliche und Handzetteln in seiner Praxis. „Es muss mehr Überholverbote geben“, ist er überzeugt.

Doch zurück zu den Oberärzten in Husum: Die häufigsten Verletzungen nach einem Verkehrsunfall seien Prellungen, Knochen- und Rippenbrüche, erklären sie. Beide sind sich einig, dass die Schwere der Verletzungen in den vergangenen Jahren abgenommen habe. Der Grund: Fahrzeuge werden immer besser und sicherer ausgestattet. Vom Airbag über Rückhaltesysteme bis zum Sicherheitskäfig. Hoffmann (53) kann sich gut an die Zeiten erinnern, als es noch keine Anschnallpflicht gab. „Da hatte selbst ein kleiner Aufprall schlimme Folgen“, sagt er. 

Die Klinik-Ärzte lieben ihren Beruf. „Doch wir können leider nicht jeden retten“, erklärt Hoffmann. Eine enorme Stütze seien die Seelsorger des Krankenhauses. „Für uns Ärzte ist es immens wichtig, dass sie sich um die Angehörigen kümmern, während wir um das Leben des Patienten kämpfen“, sagt er. „Mitgefühl ist wichtig, aber man darf sich nicht zermürben.“ Wie das zu schaffen sei, könne kein Studium der Welt vermitteln.

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erstellt am 30.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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