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Husumer Nachrichten

28. Mai 2016 | 09:59 Uhr

Willkommenskultur in Nordfriesland : „Wie würde es uns als Flüchtling gehen?“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Im Kreis Nordfriesland setzt man sich für Flüchtlinge ein – dort ist man auf dem besten Weg, eine Willkommenskultur zu etablieren. Die Mitarbeiter der Ausländerbehörde haben viele Ideen.

Niebüll | „Bei der Integration von Migranten ist der Kreis Nordfriesland auf einem guten Weg. Allerdings benötigen wir noch mehr Hilfe von außen“, stellt Landrat Dieter Harrsen fest. „Mein Dank gilt all denen, die uns dabei unterstützen, darunter viele ehrenamtlich Tätige.“

„Das Team unserer Ausländerbehörde möchte zu einer Willkommensbehörde werden“, berichtet deren Leiter, Harry Schröder. Die ersten Schritte auf diesem Weg seien bereits zurückgelegt: So wurde der Empfangsraum der Ausländerbehörde im Erdgeschoss des Husumer Kreishauses neu gestaltet. „Wer zu uns kommt, wird nun von einer Weltkarte ‚begrüßt‘, die von Herzlich-Willkommen-Sprüchen in fremden Sprachen umgeben ist. Das Ganze ist 6,30 Meter breit und 2,40 Meter hoch. Auch eine Kinderspielecke haben wir eingerichtet.“ Zusätzlich hat der Vater einer Mitarbeiterin großformatige Fotos mit Nordfrieslandmotiven zur Verfügung gestellt, die jetzt im Empfangsraum hängen.

Eine Mitarbeiterin der Ausländerbehörde übernahm die Aufgabe, eine Liste mit Freiwilligen aufzustellen, die im Alltag für die Migranten dolmetschen können, die noch kein Deutsch verstehen. „Dafür braucht man keine diplomierten Übersetzer“, weiß Harry Schröder. Zehn Frauen und Männer stehen auf Abruf bereit, Landsleuten zu helfen, die sich bislang beispielsweise nur in Kurdisch, Arabisch, Farsi oder Dari verständigen können. Vorbereitet wird außerdem ein mehrsprachiges Info-Faltblatt, das den Neuankömmlingen die ersten Schritte in Nordfriesland erleichtern soll.

„Am allerwichtigsten aber ist es, Verbindungen zwischen Menschen zu schaffen“, betont Harry Schröder. Deshalb wollen er und sein Team ihr Netzwerk ausbauen, das die Migranten in allen Lebensbereichen unterstützt. Dazu gehören zum Beispiel Volkshochschulen, Wohlfahrtsverbände, Vereine, Verbände, kommunale Behörden und Bürgermeister, Kirchen, Schulen und Feuerwehren. In zentralen Orten ist die Integration aufgrund der Strukturen leichter als im ländlichen Raum: So gibt es zum Beispiel in Husum, Bredstedt, Leck, Niebüll und auf Sylt inzwischen Initiativen, die die Integration der Migranten in die Gesellschaft fördern.

50 Prozent der Asylbewerber und asylrechtlich „Geduldeten“ sind in zentralen Orten untergebracht, die anderen leben in kleineren Gemeinden im ländlichen Raum. „Ideal wäre es, wenn sich auch in kleineren Gemeinden Runde Tische etablieren würden, deren Mitglieder gemeinsam überlegen, was sie tun können – am besten gleich zusammen mit den Migranten im Dorf“, schlägt Landrat Dieter Harrsen vor.

Zu tun wäre genug: Lebten im vergangenen Jahr rund 6000 Ausländer in Nordfriesland, sind es momentan bereits 6600 – mit steigender Tendenz. Ungefähr die Hälfte sind EU-Bürger, die andere Hälfte sind sogenannte Drittstaatler, unter anderem auch Asylbewerber. Letztere verteilt der Kreis nach einem Kurzaufenthalt in der Niebüller Gemeinschaftsunterkunft über ein Quoten-System auf die Ämter und Städte. Die Prognose sieht 350 neue Asylbewerber allein für das Jahr 2014 vor – die höchste Fallzahl seit 2002.

Die Verantwortlichen in der Kreisverwaltung tauschten sich regelmäßig mit den Kolleginnen und Kollegen der örtlichen Ordnungsbehörden und Sozialzentren aus. Die Zusammenarbeit sei gut, sagt Harry Schröder, auch die Unterbringung gelinge fast immer – die größten Probleme stellten hohe Mieten, die Betreuung, die Isolation und die mangelnde Mobilität im ländlichen Raum dar.

Die Runden Tische in den Gemeinden sollten Pläne zur Integration der Migranten im Alltag machen: So könnten diese auf eine Mitgliedschaft in der Feuerwehr oder in Vereinen angesprochen werden. „Je mehr Kontakt sie mit den Einheimischen haben, desto schneller lernen sie Deutsch und können eigene Aktivitäten entfalten, um sich in die Gesellschaft einzubringen“, weiß Peter Martensen. Als Mitarbeiter der Migrationssozialberatung in der Kreisverwaltung kennt er viele Asylbewerber persönlich. Seine Aufgabe ist es, ihnen in der Anfangszeit bei Behörden- und anderen Angelegenheiten zu helfen und Kontakte zu vermitteln. „Viele entwickeln sich sehr schnell sehr gut. Sie lernen Deutsch, suchen sich einen Job und bauen sich eine Existenz auf“, hat Martensen beobachtet. Gerade in der ersten Zeit sei eine gewisse Hilfestellung unentbehrlich. „Das würde uns nicht anders gehen, wenn wir vor einem Bürgerkrieg in Deutschland in ein Land fliehen müssten, dessen Sprache und Kultur uns völlig fremd sind.“

Eine Schlüsselfunktion können nach seiner Erfahrung Lotsen oder Kümmerer einnehmen – Menschen, die sich in den Ämtern oder Gemeinden als Ansprechpartner zur Verfügung stellen, um Ausländern Kontakte zu vermitteln oder Tipps zur Lösung kleiner Alltagsprobleme zu geben. „Das muss nicht in eine ehrenamtliche Ganztagsbeschäftigung ausarten: Wenn jemand einmal pro Woche zwei Stunden dafür aufwenden würde, könnte er schon viel bewirken“, wirbt Martensen für dieses Engagement. Um eine Vermittlung der Migranten in Arbeit geht es dabei nicht: Darum kümmern sich die Mitarbeiter in den Sozialzentren.

Peter Martensen und Harry Schröder kennen zahlreiche gute Ansätze im gesamten Kreisgebiet, etwa die Asylfrauengruppe Husum, die seit 25 Jahren Migrantenfamilien unterstützt, das Bündnis „Fremde brauchen Freunde“, das Begegnungen zwischen Alt- und Neubürgern organisiert, Privatleute, die einzelnen Migranten Sprachunterricht erteilen, oder einen Unternehmer, der ein gebrauchtes Nutzfahrzeug für die Niebüller Asylbewerberunterkunft anteilig gesponsert hat. „Wenn Ämter und Gemeinden mehr tun möchten als bisher, werden wir sie gern dabei beraten“, bieten Schröder und Martensen an.

Beiden ist klar, dass die deutschlandweiten Defizite bei der Integration selbst bei intensivem Einsatz auf der kommunalen Ebene nicht wettgemacht werden können. „Wir brauchen eine verpflichtende Sprachförderung für jeden Neuankömmling vom ersten Tag an“, fordert Harry Schröder. Zurzeit haben Asylbewerber kein Recht auf einen Sprachkursus. „Wenn Bund und Land von den Kreisen und Kommunen eine aktive Integrationspolitik verlangen, müssen sie sie auch bezahlen – einschließlich der Sprachkurse“, betont Verwaltungschef Dieter Harrsen und verweist auf den Nationalen Integrationsplan, an dem sich auch Nordfriesland beteiligt. „Abgesehen von humanitären Erwägungen werden große Potenziale verschenkt: Viele Migranten möchten so schnell wie möglich arbeiten. Manche sind überdurchschnittlich qualifiziert. Doch ohne Sprachkenntnisse nützt ihnen all das gar nichts.“

Mittlerweile setzt sich das Land Schleswig-Holstein auf Ebene des Bundesrates dafür ein, dass der Bund die vorhandenen Sprach- und Integrationskurse auch für Asylbewerber öffnet.

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erstellt am 09.Aug.2014 | 16:00 Uhr

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