zur Navigation springen

Energiewende auf der Schiene : Wie aus drei Zugstrecken eine wird

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

„Kuppeln und Flügeln“ – ein Konzept, das der Bayerischen Oberlandbahn mehr Fahrgäste beschert hat. Ein Modell für die Westküste?

Husum ist Bayrischzell, St. Peter-Ording liegt am Tegernsee und Büsum wird zu Lenggries. Nein, sie steht mitnichten vor einer weiß-blauen Übernahme, die schleswig-holsteinische Westküste. Die „Ortswechsel“ dienen nur zur Illustration: Heino Seeger übertrug damit jetzt in Tönning auf dem Reißbrett das Streckennetz der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) auf den hohen Norden.

„Kuppeln und Flügeln“ heißt das Konzept, mit dem die Anbindung der drei eingangs genannten Kommunen an die Metropole München deutlich verbessert wurde. Seeger, ehemaliger BOB-Chef, war als Geschäftsführer der Tegernsee-Bahn Betriebsgesellschaft GmbH ins Nationalpark-Zentrum Multimar Wattforum gekommen – auf Einladung der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft Schleswig-Holstein und der Industrie- und Handelskammer (IHK) Flensburg. Die Veranstalter der Reihe „Energiewende auf der Schiene“ lenkten den Fokus diesmal auf touristische Orte an der Westküste. Das Motto der fünften Folge hieß denn auch „Nordsee-Bäder kommen zum Zug“.

Mit dem von Seeger vorgestellten System kämen sie es, ohne dass die Reisenden umsteigen müssten. Das Fahrplan-Konzept der BOB beinhaltet ein zweimaliges Flügeln beziehungsweise Kuppeln. Bei den in München startenden Zügen wird eine erste Einheit in Holzkirchen abgetrennt und fährt nach Bayrischzell. Zwei Stationen später – in Schaftlach – löst man ein zweites Wagen-Kontingent ab, um es nach Tegernsee zu schicken. Der dritte Zugabschnitt rollt nach Lenggries. „Damit haben wir aus drei Strecken eine gemacht“, fasste Seeger zusammen.

„Die Bayern machen es uns vor, wie man Infrastruktur planen sollte“, hatte der Geschäftsführer der Norddeutschen Eisenbahngesellschaft Niebüll GmbH (NEG), Ingo Dewald, bereits in seiner Begrüßung deutlich gemacht. Welche positiven ökologischen Effekte ein Ausbau des Zugbetriebs in Nordfriesland hätte, sei schon vor vier Jahren vom damaligen Klimaschutz-Beauftragten des Kreises, Gunnar Thöle, abgeschätzt worden: 60 bis 70 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen (CO2-Ausstoß) seien möglich.

Vor diesem Hintergrund den Schienenverkehr in Schleswig-Holstein innovativ voranzutreiben, bedeutet natürlich auch, sich verstärkt alternativen Antrieben auf der Grundlage regional produzierten Windstroms zuzuwenden. In einem Land, das zwar große Strommengen aus regenerativen Quellen liefert, ist das dafür zu bohrende Brett allerdings ganz schön dick – denn gleichzeitig ist hier ein Streckenanteil von 70 Prozent auf Dieselbetrieb ausgelegt und die Elektrifizierung der Westküste weitgehend unwirtschaftlich.

„Ich bin der Meinung, dass die Bahn durchaus bis Flensburg elektrifiziert fahren kann“, sagte Eisenbahn-Betriebsleiter Seeger. „Ich weiß, das birgt Sprengstoff, aber darüber muss nachgedacht werden dürfen.“ Es gelte, immer wieder Druck auf die Politik auszuüben, damit alternative Verkehrsprojekte auf die Zukunft ausgelegt werden.

Bei den nächsten Ausschreibungen im Personennahverkehr auf der Schiene bevorzugt das Land bereits innovative Antriebstechnik. Auf der Internetseite des Nahverkehrsverbunds Schleswig-Holstein (Nah.SH) heißt es dazu, dass zur Vergabe der nicht elektrifizierten Netze Nord und Ost moderne und emissionsarme Fahrzeuge bereitstehen sollen. Angesichts der als Herausforderung erkannten Tatsache, dass Ost einen hohen Anteil dieselbetriebener Linien aufweist und Nord ausschließlich dieselbetrieben ist, sollen Züge dort künftig nachhaltiger und umweltschonender unterwegs sein. Ziel ist eine deutliche CO2-Minderung im Vergleich zu den aktuellen Schienenfahrzeugen. „Das Land möchte deshalb für beide Netze eine große Flotte von etwa 50 Fahrzeugen auswählen, zuzüglich weiterer Optionen für Angebotsausweitungen, die bis zu 30 Jahre auf den Strecken im Einsatz sein sollen“, heißt es.

Doch zurück zur BOB-Blaupause, die – sollte sie einmal adaptiert werden – dem Norden „plötzlich zwölf bis 14 Direktverbindungen“ (Dewald) von Hamburg nach Büsum und St. Peter-Ording bescheren könnte. Ein Blick in die Liste mit all den Vorteilen, die sich laut Seeger aus dem Konzept „Kuppeln und Flügeln“ in Oberbayern ergeben haben: Stundentakt mit Taktverdichtern in der Hauptverkehrszeit, umsteigefreie Verbindungen (hier: von München nach Bayrischzell, Tegernsee und Lenggries), bedarfsgerechte Betriebszeiten, kurze Reisezeiten, gute Anschlüsse an die wichtigsten Fernverkehrsverbindungen (hier: in München, Hauptbahnhof), Vernetzung mit regionalen Buslinien, moderne und attraktive Fahrzeug-Generation sowie ein hohes Maß an Service und Komfort. Resultat unterm Strich: drei bis vier Mal so viele Fahrgäste wie zuvor. „Ein riesiges Potenzial“, stellte Dewald in seinem Schlusswort fest. „Das sollte unser Thema sein.“

zur Startseite

von
erstellt am 17.Feb.2017 | 13:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen