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Husumer Nachrichten

03. Dezember 2016 | 12:38 Uhr

Unterricht mit Zeitzeugin : Widerstand gegen die Nazis

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Gegen das Vergessen: Norma van der Walde sprach vor Schülern in der Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge in Friedrichstadt über ihren Vater, einen Widerstandskämpfer gegen die Nazis.

Schulnote eins – denn anschaulicher als Norma van der Walde hätte niemand informieren können. Die Tochter eines ehemaligen Hamburger Widerstandkämpfers war gestern zu Gast in der Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge und referierte vor Zehntklässlern der Eider-Treene-Gemeinschaftsschule. Unschwer ließ sich dabei erkennen: Terror beginnt zunächst langsam und gehört von Anfang an mit allen Mitteln bekämpft. Hat er erst einmal Fuß, ist er nur noch äußerst schwer in den Griff zu bekommen – wenn überhaupt. Totalitäre Regime und Diktatoren scheren sich einen Dreck um Menschenrechte und Menschenwürde. Daran hat sich auch 71 Jahre nach Kriegsende nichts geändert. Auch heute werden Grabstellen verwüstet, Wände beschmiert und Häuser angezündet. Auch in Deutschland.

„Vieles an Leiden und Grausamkeiten hat uns mein Vater in seinen Berichten erspart“, sagt die rüstige 73-jährige Referentin. Ihr Vater sei ein begeisterter Wanderer gewesen, berichtet sie „und dadurch hat er viele Menschen kennen gelernt. 1933 wurde er gefragt, ob er Widerstand gegen die Nazis leisten würde. Zu jener Zeit wurden schon die ersten Menschen in die Lager gebracht. Mein Vater war in einer geheim geleiteten Jugendgruppe. 1938 wurde die Gruppe verraten, mein Vater verhaftet.“ Nur dank der Tatsache, dass der Gruppenleiter die Zugehörigkeit ihres Vaters als „unüberlegt“ herunterspielte, kam der Vater mit einer Jugendstrafe davon, die er im Brunsbütteler Gefängnis verbüßen musste. Der Gruppenleiter kam ins Konzentrationslager, wo er starb. Qualvolle Strafen habe der Vater nicht nur mit ansehen müssen, sondern auch selbst erlebt: „Mein Vater war monatelang an Händen und Füßen auf einem Bettgestell angekettet.“ Mit großem Glück gelang später die Flucht aus Deutschland. Später kehrte sie zurück.

Doch wer meinte, dass die einstigen Wölfe zu Schafen geworden wären, der musste sich getäuscht sehen. Noch länger als ein Jahrzehnt agierten Menschen an oberster Spitze der Bundesrepublik. Anhand einer „Fotogalerie“ wurden dann auf der Leinwand einige bekannte Regierungsträger gezeigt, die bereits zur NS-Zeit Rang und Namen hatten. 20 im Bundeskabinett und als Staatssekretäre, 189 hohe Bundeswehroffiziere, 1118 hohe Justizbeamte und Richter, 244 Leitende Beamte im Auswärtigen Amt, 300 hohe Polizeibeamte und 94 hohe Wirtschaftsvertreter lautet der Text dazu. Aufgeführt dort die Bundeskanzler Konrad Adenauer, Kurt Georg Kiesinger, die Bundespräsidenten Karl Carstens und Heinrich Lübke, die Bundesminister Karl Schiller und Theodor Oberländer, Ministerpräsident Hans Filbinger, Staatssekretär Hans Globke sowie Generalinspekteur der Bundeswehr Adolf Heusinger und der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) Reinhard Gehlen. Ein Ministerpräsident hat als ehemaliger NS-Richter sogar Todesurteile unterschrieben.

Der aufmerksamen Referentin entging auch nicht das Verhalten einer Schülerin – und veranlasste sie zur besorgten Nachfrage: „Interessiert dich das nicht? Ich habe diesen Eindruck.“ Während die Schüler dieses Thema erst einmal sacken lassen mussten, meldeten sich die begleitenden Lehrkräfte Birgit Beierlein, Frank Jakobi und Horst Hansen mit Wortbeiträgen. Norma van der Walde machte deutlich: „Es hat zu jener Zeit alles gegeben –- Menschen, die ihre Nachbarn angezeigt, aber auch solche, die ihnen Brot zugesteckt haben. Auch heute gilt: Wir müssen unsere Flüchtlinge beschützen. Sie sind nicht freiwillig aus ihrem Land gegangen.“ Mehrfach gab es Beifall für den Vortrag – am Ende belohnte Christiane Thomsen die Referentin mit einem Tee-Präsent und betonte: „Sie haben das ganz toll erzählt.“ Lehrer Frank Jakobi unterstrich: „Sie haben uns sehr eindrucksvoll vieles erzählt.“ Die Veranstaltung fiel in den Rahmen der Unterrichtsfächer Geschichte und Philosophie. Bleibt am Ende die Frage: „Wohin geht der Weg?“

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