zur Navigation springen

Husumer Nachrichten

28. September 2016 | 05:24 Uhr

Unfälle in Nordfriesland : Wenn Raser nur eine Minute sparen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Serie „Risikopiste B 5“: Frank Marzusch ist fast jeden Tag auf Nordfrieslands wichtigster Verkehrsader unterwegs. Im Interview erklärt der Mathelehrer, warum Überholmanöver unterm Strich kaum Zeit sparen.

Die Bundesstraße 5 gilt als wichtigste Verkehrsader Nordfrieslands – und als gefährlichste. Immer wieder ereignen sich dort schwere Unfälle – nicht wenige mit tödlichem Ausgang. Warum passiert so viel? Wie kann man die Strecke sicherer machen? Fragen wie diesen gehen wir auf den Grund. In unserer Serie „Risiko-Piste B5“ kommen unter anderem Unfallopfer, Polizisten, Rettungsassistenten und Verkehrs-Experten zu Wort.

Herr Marzusch, die B 5 ist die am meisten befahrene, aber auch unbeliebteste Strecke Nordfrieslands. Wie oft und wie (un)gern fahren Sie auf dieser Straße?

Ich wohne in Witzwort und arbeite in Tönning – das heißt, ich fahre außerhalb der Ferien täglich auf der B  5. Ich gebe gern zu, dass ich diese Todesstrecke hasse und habe deshalb immer wieder nach Ausweich-Möglichkeiten Ausschau gehalten. Die einzige Alternative wäre, den kurvigen Weg über Oldenswort zu nehmen. Doch das ist im Winter kaum machbar. Außerdem ist hier viel landwirtschaftlicher Verkehr unterwegs. Also bleibt mir leider nichts anderes übrig, als weiterhin die B  5 zu nutzen.

Warum glauben Sie, ereignen sich hier so viele Unfälle?

Da gibt es meines Erachtens mehrere Ursachen. Der Hauptgrund ist, denke ich, dass viele mit überhöhter Geschwindigkeit fahren. Ein weiterer Punkt ist, dass es kaum Linksabbieger-Spuren gibt, so dass es immer wieder zu Zusammenstößen kommt. Vor einigen Monaten war ich sogar selbst Zeuge eines Unfalls.

Was war da los?

Das war im September vergangenen Jahres. An einem Freitagnachmittag. Ich war gerade auf dem Weg von Tönning nach Witzwort. Höhe Rothenspieker wollte der Wagen vor mir links abbiegen. Ich wartete dahinter. Plötzlich zog ein Auto, in dem zwei Männer saßen, an mir vorbei und krachte dem Linksabbieger in die Seite. Der Überholer flog in hohem Bogen in den wasserführenden Sielzug. Das andere Auto drehte sich und prallte gegen einen Baum. Ich setzte einen Notruf ab und rannte zu den Männern, weil ich befürchtete, sie würden ertrinken. Doch die beiden kletterten durch das Schiebedach ihres Fahrzeugs und eilten sofort zu der Frau, die in dem zweiten Auto saß. Sie rissen die Fahrertür auf. Die Fahrerin hatte eine große Platzwunde am Kopf, war aber glücklicherweise ansprechbar. Dann traf auch schon der Rettungswagen ein. Bei mir saß der Schreck noch lange sehr tief.

Wie so oft kam es durch ein Überholmanöver zu diesem Unfall. Gewinnt man denn durchs Überholen wirklich so viel Zeit? Als Mathe-Profi haben Sie bestimmt ein Formel- und Zahlenspiel für uns parat...

Ich habe mir tatsächlich Gedanken darüber gemacht und für ein Rechenbeispiel einfach mal die Strecke Husum - Tönning gewählt. Das sind zirka 25 Kilometer. Morgens sind viele Lkw unterwegs, insbesondere Mineralöl-Laster, die zur Raffinerie nach Hemmingstedt fahren. Nehmen wir mal an, vor uns ist so ein Lkw, der maximal Tempo 60 fahren darf – und das auf der gesamten Strecke. Dann benötigt man für 25 Kilometer auch 25 Minuten. Das lässt sich ganz einfach ausrechnen, wenn man die Formel Geschwindigkeit ist gleich Weg durch Zeit zugrunde legt. Um die Zeit zu errechnen, muss die Formel umgestellt werden. Das ergibt, Zeit ist gleich Weg durch Geschwindigkeit. (Allerdings muss dieses Ergebnis am Ende mit 60 multipliziert werden, damit die Zeit in Minuten herauskommt.)

Nächstes Beispiel: Nun gelingt es uns, mit einem riskanten Manöver zu überholen. Von den insgesamt 25 Kilometern können wir zwei Kilometer mit Tempo 100 fahren – solange bis der nächste Laster vor uns auftaucht. Benutzen wir wieder unsere Formel, bekommen wir ein Ergebnis, das auch mich überrascht. Mit dieser Aktion haben wir gerade mal eine Minute gespart.

Und wie würde es aussehen, wenn ich tatsächlich auf der gesamten Strecke zwischen Husum und Tönning Tempo 100 fahren kann?

Das ist nur möglich, wenn Geschwindigkeitsbegrenzungen wie 70-Zonen ignoriert werden und auf der Straße keine anderen Verkehrsteilnehmer unterwegs sind. Nun gut, das ergäbe eine Fahrtzeit von 15 Minuten. Das ist aber auch nicht gerade die Welt.

Sie unterrichten Mathe und Physik an der Eider-Treene-Schule. Fahren Ihre Schüler bereits Auto? Und sind welche dabei, die in Unfälle auf der B 5 verwickelt waren?

Unsere Oberstufenschüler und einige Zehntklässler sind 18 und besitzen dementsprechend eine Fahrerlaubnis. Natürlich sind sie auch auf der B 5 unterwegs. Mir ist aber nur ein Fall bekannt, bei dem ein Schüler in einen schweren Unfall verwickelt war. Und das war ausgerechnet der junge Mann, über den Sie im Rahmen Ihrer Serie berichtet haben.

Was würden Sie sagen, wenn Sie auf dem Schulhof mitbekommen, dass einer Ihrer Schüler ordentlich aufs Gas getreten ist, um noch rechtzeitig zur Mathe-Klausur da zu sein?

Das ist ein No-Go. Ich erwarte natürlich, dass meine Schüler pünktlich zum Unterricht erscheinen, gehe aber davon aus, dass sie dann auch rechtzeitig losfahren – und nicht aufs Gas treten, um pünktlich zu einer Mathe-Klausur zu kommen. Dann muss man halt früher aufstehen.

Wird im Lehrer-Kollegium über das Thema B 5 geredet?

Oh ja, das ist wirklich ein häufig diskutiertes Thema, denn viele meiner Kolleginnen und Kollegen kommen aus Husum. Wenn sie morgens in die Schule kommen, berichtet immer wieder jemand, dass er oder sie nur knapp einem Unfall entgangen ist. Nicht wenige verspäten sich auch, weil auf dem Weg zur Schule vor ihnen etwas passierte und die Strecke gesperrt ist.

Was ist Ihr Fazit?

Fuß vom Gas – es lohnt sich nicht. Und wie wir sehen, ist das mit Zahlen zu belegen. Das muss ich mir selbst auch immer wieder ins Bewusstsein rufen, wenn ich hinterm Steuer ungeduldig werde. Wir sind leider alle nicht davor gefeit, die Nerven zu verlieren. Der Mensch bleibt eben auch für Mathelehrer unberechenbar.

zur Startseite

von
erstellt am 16.Sep.2016 | 13:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen