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Husumer Nachrichten

05. Dezember 2016 | 03:31 Uhr

Unfälle in Nordfriesland : Wenn jede Sekunde zählt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

In unserer Serie „Risikopiste B 5“ nehmen wir die Hauptverkehrsader Nordfrieslands unter die Lupe. Diesmal kommt Rettungsassistent Heiko Lange zu Wort.

Die Bundesstraße 5 gilt als wichtigste Verkehrsader Nordfrieslands – und als gefährlichste. Immer wieder ereignen sich dort schwere Unfälle – nicht wenige mit tödlichem Ausgang. Warum passiert so viel? Wie kann man die Strecke sicherer machen? Fragen wie diesen gehen wir auf den Grund. In unserer neuen Serie „Risiko-Piste B5“ kommen Unfallopfer, Polizisten, Rettungsassistenten und Verkehrs-Experten zu Wort.

Das Piepen des Funkmelde-Empfängers in seiner Hosentasche ist nicht zu überhören. Heiko Lange hat gerade seine Zwölf-Stunden-Schicht begonnen. Ein Blick auf das Display des kleinen Geräts zeigt ihm, wo es hingehen soll. Er muss sich beeilen. Jede Sekunde zählt. Zusammen mit einem Kollegen springt er in den Rettungswagen und lässt den Motor an. Durchschnittlich fünf- bis sechsmal pro Tag wird er auf diese Art zu Einsätzen gerufen. Einsätze, bei denen es um Leben oder Tod gehen kann.

Seit 22 Jahren arbeitet der Nordstrander Heiko Lange schon als Rettungsassistent, seit eineinhalb Jahren ist er auf der Rettungswache in Husum beschäftigt. Es gibt so gut wie keine Notsituation, die der 42-Jährige nicht kennt. Drei Rettungswagen, ein Krankentransporter und ein Notarzteinsatzfahrzeug stehen den Mitarbeitern dort tagsüber zur Verfügung. Ist in Nordfriesland etwas passiert, laufen die Notrufe in der Leitstelle Nord in Harrislee auf: Von dort aus wird koordiniert, welcher Rettungswagen von welcher Wache losgeschickt wird. Jeweils zwei Rettungsassistenten machen sich dann auf den Weg. Schon viele Male mussten sie Unfallstellen auf der B5 ansteuern. „Was uns genau erwartet, wissen wir selten. Sobald wir am Einsatzort angekommen sind, machen wir uns ein Bild von der Lage. Dann geben wir der Leitstelle Bescheid, ob zum Beispiel die Feuerwehr kommen muss, um mit der Rettungsschere eine eingeklemmte Person zu befreien.“

So eine Fahrt zum Einsatzort kann gefährlich werden. „Manche Verkehrsteilnehmer reagieren paradox, wenn sie das Martinshorn hören“, berichtet Lange. Von Ignorieren und Blockieren bis hin zu wilden Überholmanövern sei alles möglich. Teilweise könne er die Verunsicherung der Leute sogar verstehen. Sein Rat: „Wenn sich ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn nähert, rechts ranfahren und die Warnblinkanlage anschalten, sodass wir erkennen können, dass wir wirklich wahrgenommen worden sind.“

Gibt es Probleme mit Schaulustigen? Die bereiten Lange wenig Kummer. „Wenn wir uns auf den Patienten konzentrieren, nehmen wir sowieso kaum wahr, was um uns herum passiert. Und bislang hat uns niemand ernsthaft behindert. Ich denke, das ist eher auf Autobahnen ein Problem“, erklärt er.

Der Job als Rettungsassistent kann hart und kräftezehrend sein – trotzdem ist es der Traumberuf des Nordstranders. „Kein Tag ist wie der andere – diese Vielfalt ist das Beeindruckende an diesem Job“, sagt der Familienvater, der vor knapp zwei Jahren aus Nordrhein-Westfalen nach Nordfriesland gezogen ist.

Schwere Unfälle, Tod oder Suizid – was Rettungsassistenten erleben, ist schwer zu verdauen. Gut sei es dann, wenn man sich seinen Kollegen anvertraut, so Lange. Finde man vor lauter Grübelei aber keinen Schlaf mehr, gebe es immer die Möglichkeit, sich schnell und unkompliziert professionelle Hilfe zu holen.  „Besonders schlimm ist es, wenn Kinder in Unfälle verwickelt sind“, antwortet er nachdenklich auf die Frage, welche Einsätze für ihn die schwierigsten seien. „Das kann ich nicht so einfach auf der Wache lassen. Spätestens dann, wenn ich nach Feierabend meine eigenen Kinder sehe, kommen die Eindrücke wieder hoch.“

Trotzdem – ihm begegnen auch immer wieder schöne Momente. Geburten zum Beispiel. „Auf dem Sofa, der Badewanne oder sogar in der Fußgängerzone – an den unmöglichsten Orten“, sagt er lächelnd. Das seien einfach faszinierende Erlebnisse, die er nicht missen möchte.

 Wieder ein Piepen. Diesmal aus einer anderen Richtung. Langes Kollegin, Notfall-Sanitäterin Melanie Seidler, greift in ihre Hosentasche. „Nichts Dramatisches. Ein Krankentransport von Garding nach Husum“, sagt sie gelassen. „Na, dann wollen wir mal.“

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erstellt am 18.Aug.2016 | 12:00 Uhr

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