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Ein oft verschwiegenes Problem : Wenn das Lesen große Mühe macht

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Volkshochschule informierte in St. Peter-Ording über ihre Alphabetisierungs-Kurse. Ein Betroffener berichtet über seine Erfahrungen. Rund 7,5 Millionen Deutsche können gar nicht oder nur wenig lesen und schreiben.

Was es bedeutet, nicht lesen und schreiben zu können, das weiß Erwin Kollhorst. Er arbeitet als landwirtschaftlicher Helfer auf dem Hof von Conrad und Antje Klützke in Tating-Ehst. Seine Lebensgeschichte weist Brüche auf, die verhindert haben, dass ihm diese Grundbildung zuteil geworden ist. Monika Hoffman, Leiterin der Volkshochschule in St. Peter-Ording, unterrichtet ihn seit einigen Jahren. Dafür ist er sehr dankbar, ermöglicht ihm das doch die Teilhabe an vielen Alltagsdingen. „Sie hat mir Mut gemacht. Das war für mich ganz wichtig.“ Eine Nachbarin hatte ihn auf dieses Angebot aufmerksam gemacht. Einmal pro Woche trifft er sich mit Monika Hoffmann. Er kann einfache Sätze und Wörter lesen und auch etwas schreiben. Die wöchentlichen Lese- und Schreibabende sind für ihn bedeutsam. Gäbe es diese nicht, würde er sonst alles ganz schnell wieder verlernen.

Auf Plattdeutsch würde man Erwin Kollhorst als „plietsch“ einstufen. Er kann eben nur nicht so ganz richtig und schnell lesen und schreiben. Für ihn hat es aber einen großen Wert, das wenigstens ein wenig zu können. So war er es auch, der den Anstoß dazu gegeben hat, in St. Peter-Ording zum Weltalphabetisierungstag etwas anzubieten. Monika Hoffmann hatte sich daraufhin mit Jochen Dasecke von der VHS Husum kurz geschlossen. Er ist seitens der Volkshochschulen im Kreis Nordfriesland der Fachbereichsleiter für „Grundbildung und Alphabetisierung“ und leitet das Projekt „Alphabetisierung deutschsprachiger Erwachsener“. Es wird durch das Land Schleswig-Holstein und den Europäischen Sozialfonds gefördert.

Mit dem Plakat „Aller Anfang ist schwer – Erwachsene lernen lesen und schreiben. Alphabetisierung in Schleswig-Holstein“ wurde auf die Veranstaltung im historischen Backhaus in St. Peter-Ording aufmerksam gemacht. Dort erfuhren die etwa 30 Interessierten, dass es in Deutschland 7,5 Millionen Erwachsene gibt, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, geschweige in der Lage sind, Formulare, Texte in Zeitungen oder gar im Internet zu lesen. Diese Fertigkeit ist heute aber eine unbedingte Voraussetzung im Berufsleben.

Wie es einem Analphabeten ergeht, konnten die Besucher selbst erfahren. Sie sollten den folgenden mit 52 Hieroglyphen statt Buchstaben geschriebenen Text entschlüsseln: „Sei gegrüßt Fremder, wenn du dieses entziffert hast, weißt du, wie schwer einem das Lesen fallen kann.“ Nur die Hieroglyphen für die Anlaute eines jeden Wortes konnten sie einer Tabelle entnehmen, beispielsweise das F in Fremder. Die Zeiten für die Entzifferung lagen zwischen sechs bis zehn Minuten. Zur Stärkung gab es Russisch-Brot und Buchstabensuppe. So kamen alle miteinander beim Essen ins Gespräch.

Anliegen von Jochen Dasecke und Monika Hoffmann war es, über das Angebot „Alphabetisierung und Grundbildung“ der Volkshochschulen zu informieren. Beide sahen in diesem Aktionstag eine Möglichkeit, Multiplikatoren zu gewinnen, die Betroffene auf das Angebot, auch als Erwachsene noch lesen und schreiben zu lernen, aufmerksam machen. Außer an der VHS in St. Peter-Ording gibt es in Husum, Niebüll und Leck die Möglichkeit, sich beraten zu lassen und an Kursen teilzunehmen. Erwin Kollhorst selbst warb dafür und freute sich besonders darüber, dass diese Aktion so viele Besucher angelockt hatte. Manche hatte er selbst angesprochen und aufgefordert, sich über die Alphabetisierung zu informieren.

Information und Beratung durch Jochen Dasecke unter Telefon 04841/835960.

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