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Husumer Nachrichten

03. Dezember 2016 | 20:53 Uhr

Psychose-Seminar Nordfriesland : Wenn das eigene Ich um Hilfe schreit

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe: Im Psychose-Seminar Nordfriesland empfängt ein gut vernetztes Experten-Team jeden mit offenen Armen.

Von einer Sekunde zur anderen schwört Claudia ihm ewige Treue. Die 24-Jährige nimmt ihren Freund an die Hand und tanzt mit ihm durch die Wohnung. Kurz darauf brüllt sie ihn an, weil er seinen benutzten Kaffeebecher auf die Küchenablage gestellt hat statt in die Geschirrspülmaschine. Nun sitzt Claudia (Name beliebig) im Gemeindehaus der Bredstedter Kirche und erzählt ihre Geschichte – eine Geschichte von Grenzgängen zwischen Euphorie und Depression, Selbstüberhöhung und Selbstzweifel, Schwarz und Weiß.

Claudia gehört zu den rund 1,2 Millionen Deutschen mit Borderline – eine Persönlichkeitsstörung, die sich in heftigen Stimmungsschwankungen ausdrückt. Um die als peinigend empfundene innere Anspannung zu lösen, die dieses Wechselbad der Gefühle hervorruft, agieren Borderliner selbstzerstörerisch: Sie fügen sich Verletzungen zu, nehmen Drogen und neigen zu hochriskanten Übersprungshandlungen. Mehr als 60 Prozent der Betroffenen haben mindestens einen Suizidversuch hinter sich. Auch Claudia.

Das Schicksal der 24-jährigen Borderline-Patientin ist fiktiv – denn alles, was da jeden letzten Dienstag im Monat (außer im Dezember) zwischen 19 und 21 Uhr im Kirchenweg 1 zur Sprache kommt, bleibt selbstverständlich hinter verschlossenen Türen. Aber es sind genau diese persönlichen Schilderungen, um die es im Psychose-Seminar Nordfriesland immer wieder geht. „Wir sind für Menschen mit Psychosen, mit psychischen Problemen da – genauso wie für deren Angehörige und andere Interessierte“, sagt Susanne Wilke (50), Mitglied des sechsköpfigen Organisationsteams. „Wir“ – das sind jedes Mal auch Mitarbeiter psychiatrischer Institutionen der sogenannten Leistungserbringer: von Sozialraum-Einrichtungen, Arbeiterwohlfahrt, Brücke, Mürwiker Werkstätten und Husumer Insel. Weil diese Experten allerdings allzu oft in der Überzahl sind, haben Wilke und ihre Mitstreiter einen großen Wunsch: „Dass noch viel mehr Betroffene und Angehörige zu uns ins Psychose-Seminar kommen – denn für sie, die eigentlichen Fachleute, ist dieses niederschwellige Angebot ja vorrangig gedacht.“

Im Mittelpunkt steht der Erfahrungsaustausch rund um psychische Krisen und Erkrankungen, die aus den unterschiedlichen Sichtweisen begreifbar gemacht werden sollen. Ob es um Depressionen, Schizophrenie oder das Burnout-Syndrom geht – „das Psychose-Seminar bietet die Chance, auf Augenhöhe im ,herrschaftsfreien Raum‘ voneinander zu lernen“, so Wilke. Dank des großen Netzwerks, das sich seit dem ersten Psychose-Seminar in Nordfriesland am 10. Oktober 1994 entwickelt hat, können auch immer zielgerichtete Hilfestellungen gegeben werden. Und die zuständigen Institutionen in der Region – Kostenträger, Fachkliniken, Ärzte und Nachsorge-Einrichtungen – profitieren von Impulsen für eine am Bedarf der betroffenen Menschen orientierte Behandlung und Rehabilitation.

Wilke – sie arbeitet als Ergotherapeutin in der Tagesstätte für Tagesstruktur der Husumer Insel – legt Wert auf die Feststellung, dass die dienstäglichen Treffen von gegenseitiger Anerkennung und einer vertrauensvollen Atmosphäre getragen sind: „Und wir haben uns alle eine vereinfachte Sprache, die jeder versteht, auf die Fahnen geschrieben.“ Die Themen ergeben sich jeweils nach mehrheitlicher Absprache – ob mit oder ohne Referent. Die Teilnahme an den Abenden kostet nichts, bei Bedarf steht ein Fahrdienst zur Verfügung. Wer nicht selbst nach Bredstedt kommen kann, hat die Möglichkeit, am Abend eines jeden Psychose-Seminars um 18.30 Uhr vom Husum Hus in der Husumer Neustadt 95 aus mitgenommen zu werden. Anmeldungen werktags zwischen 12 und 18 Uhr im Café 21 der Husumer Insel, Telefon 04841/661930. Auch die Mürwiker Werkstätten bieten sich dafür an – und sind erreichbar unter Telefon 0461/50306630.

Die Idee des Psychose-Seminars geht übrigens auf Dorothea Buck zurück. Die 1917 geborene Bildhauerin und Lehrerin für Kunst und Handwerk, selbst an einer Psychose erkrankt, rief Ende der 80er-Jahre mit Professor Thomas Bock in Hamburg die erste Veranstaltung dieser Art ins Leben. Der Hattstedter Jürgen Fischer und Hanna Siegel aus Husum übertrugen das Konzept auf Nordfriesland. Mittlerweile gibt es deutschlandweit rund 100 Psychose-Seminare.



Kontakt und weitere Infos: Susanne Wilke, Telefon 04841/661921; E-Mail: s.wilke@husumer-insel.de.

 

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erstellt am 14.Nov.2016 | 14:00 Uhr

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